China-Textilien Lieferengpass droht wegen EU-Boykott
Hamburg/Peking - "Wenn Kunden Produkte bei Versandhäusern bestellen, könnte es in einigen Fällen bald heißen: leider nicht verfügbar", sagte Jürgen Dax, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Textilhandels (BDT), zu SPIEGEL ONLINE. Grund dafür sei, dass die Kataloge vor dem aktuellen Importstopp gedruckt wurden. Einige dort angebotene Textilien könnten sich nun in den Zolllagern stapeln, sagte Dax.
Die EU-Kommission und die Regierung in Peking hatten sich im Juni angesichts eines drastischen Anstiegs der chinesischen Textil-Einfuhren auf neue Importschranken geeinigt. Zuvor war zum 1. Januar das alte Quotensystem ausgelaufen. Doch die neuen Quoten sind wegen der kräftigen Nachfrage bereits ausgeschöpft. Bereits bestellte und bezahlte Ware hängt deshalb in europäischen und chinesischen Häfen fest. Die Textilien sind bezahlt, dürfen aber zum Ärger der Modehändler nicht verkauft werden.
Der Versandhandel dementierte dagegen Probleme durch das Importverbot. Die Winterware sei im vergangenen Jahr disponiert worden und längst eingelagert, sagte Manfred Gawlas, Spercher des Versandkonzerns Quelle.
Der Lieferstopp gegen chinesische Textilien betrifft immer mehr Produktsorten. "Die Lage der Importeure spitzt sich weiter zu", warnte der Bundesverband Groß- und Außenhandel (BGA). Inzwischen sind die Quoten in sechs von zehn Kategorien ausgeschöpft. Derzeit dürfen aus China keine Pullover, Hosen, Damenblusen, T-Shirts, Büstenhalter und Leingarn mehr in die EU eingeführt werden, wenn der Händler keine Importlizenz vorweisen kann.
"Die Deutschen müssen nicht frieren"
Während bei Versendern Engpässe drohen, dürften die Kunden in den Kaufhäusern kaum etwas vom Importstopp merken. "In den Geschäften fällt das nicht auf", sagt BDT-Chef Dax. Ähnlich sehen es die großen Ketten. "Die Bandbreite ist so groß, da fallen fehlende chinesische Importe kaum ins Gewicht. Die Deutschen müssen nicht frieren", hieß es auch aus Kreisen eines großen deutschen Handelskonzerns.
Möglicherweise bekommen die Bundesbürger die politischen Querelen aber in Form von höheren Preisen zu spüren, zumal die großen Kaufhäuser auf alternative Herstellermärkte ausweichen. Statt in China ordern Händler nun vermehrt in der Türkei, Indien, Vietnam, Bangladesh oder Korea.
Weil aber die gesamte Branche diese Wanderbewegung vollzieht, erwarten die Verantwortlichen eine Verteuerung im Einkauf. "Bei einzelnen Produkten wird es kurzfristige Preisspitzen geben", sagten die Unternehmenskreise. BDT-Chef Dax rechnet damit, dass die Ketten die Kosten an die Kunden weitergeben: "Mit Preissteigerungen ist zu rechnen." Der Verbandschef erwartet aber nur einen Anstieg im einstelligen Prozentbereich. "Angesichts des Rabattkampfes im Einzelhandel sind höhere Preise derzeit kaum durchsetzbar", so Dax.
China und EU beginnen Verhandlungen
Vertreter der Europäischen Union und Chinas wollen morgen in Peking über die Textilkrise verhandeln. Vor allem müsse eine Lösung für die in EU-Häfen blockierten Kleidungslieferungen gefunden werden, erklärte Außenhandelsdirektor Lu Jianhua in der Zeitung "China".
Auf ein Ende der Blockade von georderten Produkten drängen auch die europäischen Importeure. "Das ist eine Art Enteignung", sagte der Sprecher des Verbandes Fertigwarenimporteure (VFI), Raven Karalus. Der BGA forderte, alle diese Verträge müssten abgewickelt werden können.
In den vergangenen Wochen hatten bereits Handelsverbände und -unternehmen den Importstopp scharf kritisiert und rechtliche Schritte angekündigt. Die Modebranche befürchtet wegen der Importbeschränkungen Millionen-Einbußen und warnt vor eine Pleitewelle bei den Importeuren.
Jörn Sucher