China und die WTO "Wir wollen keine Dinosaurier sein"
SPIEGEL ONLINE:
Nach Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation müssen Sie sich gegen die Konkurrenz ausländischer Banken erwehren. Sind Sie ausreichend darauf vorbereitet?
Wang: In unseren Köpfen sind wir darauf gut vorbereitet. Aber das reicht nicht aus. Wir sind uns bewusst, dass sich der Wettbewerb verschärfen wird und wir stark unter Druck stehen. Wir brauchen eine tiefere Reform des Finanzwesens. Die Unternehmen müssen ihre Belegschaften durch Gehaltsanreize, bessere Ausbildung und mehr Talentförderung motivieren. Wir sollten auch das Recht haben, gute Kräfte von außen anzuheuern.
SPIEGEL ONLINE: Die Weltwirtschaft rutscht in eine Krise, nach den Terroranschlägen dürften Chinas Exporte in die USA nicht mehr so stark wachsen wie früher. Kann China trotzdem, wie geplant, sieben Prozent Wirtschaftswachstum erreichen?
Wang: Der scharfe Rückgang im Außenhandel drückt ohne Zweifel unsere Wachstumsrate nach unten. Das Abflachen der US-Wirtschaft und die globale Konsolidierung werden eine Bewährungsprobe für alle Länder werden, China macht da keine Ausnahme.
SPIEGEL ONLINE: Sieben Prozent Wachstum sind also zu ehrgeizig?
Wang: Nein. Ich sehe kein Problem, dass China in diesem und im nächsten Jahr sieben Prozent halten kann. Denn wir exportieren viele Billigprodukte, bei denen die Nachfrage relativ stabil bleibt. Außerdem kann die für drei Jahre beschlossene expansive Ausgabenpolitik unserer Regierung, die im Land Investitionen und Nachfrage steigern soll, den Exportrückgang ausgleichen.
SPIEGEL ONLINE: Die Lebensader einer florierenden Wirtschaft ist ein gut funktionierendes Bankensystem. Was muss sich bei den chinesischen Banken ändern?
Wang: Wir sind an einem Scheideweg angelangt. Wir brauchen Reformen auf allen Ebenen - makroökonomisch und mikroökonomisch. Bei der Neuordnung unseres Finanzsystems haben wir schon viel erreicht. Allerdings sind wir bislang nicht so effektiv, wie wir es wünschen.
SPIEGEL ONLINE: Was muss also geschehen?
Wang: Im zehnten Fünfjahresplan hat die Regierung die Richtung für die Reform der vier Staatsbanken vorgegeben. Nun muss sie vor allem entscheiden, wie sie ihr Verhältnis zu den Banken regelt.
SPIEGEL ONLINE: Sollte Peking die Banken privatisieren?
Wang: Privatisierung ist nicht die einzige Option. Wir brauchen eine moderne Leitungsstruktur mit einem klaren Mandat für das Management, die Banken unabhängig zu führen, ohne irrationale Einmischung von außen.
SPIEGEL ONLINE: Wer mischt sich ein?
Wang: Aufsichtsbehörden greifen nach wie vor ins Alltagsgeschäft ein, sie bestimmen etwa Spar- und Kreditraten und reden bei Produktinnovationen mit. Das macht es uns schwer, langfristige Strategien festzulegen.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Kredite hat Ihre Bank in den letzten Jahren verloren, weil sie das Geld an marode Staatsbetriebe ausleihen musste?
Wang: Das Schuldenproblem ist ein schweres Erbe der Vergangenheit. Wir dienten als Kassenschalter der Regierung, wie Deng Xiaoping es beschrieb - ohne Kontrollsystem und ohne Methode, die Risiken abzuschätzen. Das Management achtete zudem nur auf die Größe der Bank, nicht aber auf Qualität und Effizienz.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben die staatlichen Banken einmal als "Finanz-Dinosaurier" bezeichnet.
Wang: Richtig. Die Dinosaurier sind ausgestorben, weil sie fünf Minuten brauchten, um zu begreifen, dass ein Feind ihnen den Schwanz abbiss. Weitere fünf Minuten dauerte es, bis sie ihre Gegenwehr koordiniert hatten. Wir wollen keine Dinosaurier sein.
SPIEGEL ONLINE: Die vier Staatsbanken zusammen aber beschäftigen nach wie vor mehr als 1,5 Millionen Angestellte, die China Construction Bank allein 420.000.
Wang: Das sind viel zu viele. Solch ein Apparat ist nicht mehr zu kontrollieren. Die Profitabilität ist natürlich niedrig. Es ist vielen Abteilungen nach wie vor nicht klar, dass sie Geld verdienen sollen. Wenn ein Unternehmen von zweitklassigen Managern geführt wird, sinkt es selbst bald in die Zweitklassigkeit ab.
SPIEGEL ONLINE: Wie versuchen sie, ihre Schulden zurückzuholen?
Wang: Die Regierung hat dem Problem viel Aufmerksamkeit gewidmet. Wir haben letztes Jahr vier Treuhandgesellschaften (Asset-Management-Companies) gegründet, denen die staatseigenen Banken einen Teil der ausstehenden Kredite übertragen haben, insgesamt rund 351 Milliarden Mark.
SPIEGEL ONLINE: Übt die Regierung nach wie vor Druck auf Sie aus, Staatsunternehmen Kredite zu gewähren, von denen Sie von vornherein wissen: Die können die nie tilgen?
Wang: Das Problem der Einflussnahme stammt weniger von der Regierung.
SPIEGEL ONLINE: Sondern von wem?
Wang: Nehmen sie zum Beispiel unser Gehaltssystem. Egal, ob jemand schlecht oder gut arbeitet - er erhält ungefähr das gleiche Geld. Das Sozialversicherungssystem wird überdies lokal geregelt. Unsere Angestellten in den Provinzen verteilen ihre Loyalitäten entsprechend: 30 Prozent für die Bank, 70 Prozent für die lokalen Behörden. Bei der Vergabe von Krediten entscheiden sie deshalb zuweilen nicht in unserem Interesse. Ich nenne das moralische Gefährdung.
Das Interview führte Andreas Lorenz