Chinesischer PC-Hersteller Lenovo drängt nach Deutschland
Frankfurt am Main - "Noch in diesem Jahr, spätestens Anfang 2007 kommen Produkte von Lenovo für Konsumenten in Deutschland auf den Markt", sagte Verwaltungsratschef Yuanqing Yang der "Süddeutschen Zeitung". Damit verschärft der weltweit drittgrößte Hersteller von Personal Computern (PC) etwa ein Jahr nach dem milliardenschweren Kauf des PC-Geschäfts von IBM den Druck auf Konkurrenten wie Dell oder Medion. Der Schritt könnte die Konzentration in der Branche beschleunigen.
Im Heimatland China hat Lenovo nach eigenen Angaben im Massenmarkt einen Anteil von 40 Prozent. In Deutschland ist das Unternehmen in dem Segment noch nicht vertreten. Der Computerhersteller konzentriert sich bislang nur auf Arbeitsplatzrechner (Desktops) und tragbare Computer für Firmenkunden. Lenovo werde den hiesigen Kunden die gleichen Geräte wie für den asiatischen Markt anbieten, erklärte Yang, der im Top-Management des PC-Bauers seit der Gründung des Unternehmens als chinesischer Universitätsbetrieb Ende der achtziger Jahre sitzt.
PC-Markt schwierig
Mit der Ausweitung seines Produktangebotes verschärft Lenovo den Wettbewerb in einer kritischen Zeit. "Der PC-Markt ist im Moment sehr schwierig für alle Spieler - besonders in Deutschland", sagt die Marktforscherin für den Bereich bei Gartner, Meike Escherich, der Zeitung. Vor allem Rechner für den stationären Einsatz am Arbeitsplatz oder im Heimbüro sind kaum noch gefragt, wie es hieß.
Nutzer ersetzen diese Geräte durch tragbare Computer. So verkauften sich laut den Marktforschern von IDC im ersten Quartal 2006 in Europa 30 Prozent mehr Laptops als im Vorjahr - jedoch nur 8 Prozent mehr Desktop-PCs. Anbieter kämpfen über einen verschärften Preiswettbewerb um Kunden. "Im Moment hat der Hersteller am meisten Erfolg, der den Preisdruck erträgt", sagte Escherich.
Lenovo hatte vor anderthalb Jahren die Übernahme der PC-Sparte von IBM angekündigt. Für 1,25 Milliarden Dollar übernahm Lenovo den zuletzt unprofitablen Geschäftsbereich des IT-Konzerns. Seither ist Lenovo nach Dell und Hewlett-Packard weltweit der drittgrößte Hersteller von Computern. IBM selbst stieg zur Jahrtausendwende aus dem Geschäft mit Konsumenten aus. Im abgelaufenen Geschäftsjahr (31. Mai) belasteten hohe Kosten für die Umstrukturierung das Ergebnis von Lenovo. Im Geschäftsjahr 2006/07 will der Computerbauer 250 Millionen Dollar durch den Zusammenschluss sparen. Unter anderem würden 1000 von mehr als 21.000 Stellen gestrichen. Weiterführende Pläne gebe es derzeit nicht, sagte Yang.
Aus Sicht von Branchenexperten ist die Integration bislang reibungslos verlaufen. Lenovo hat vergleichsweise wenig Marktanteile eingebüßt. In Europa zählen IT-Marktforschungsinstitute den Anbieter nach den Angaben aber nicht mehr zu den fünf Größten. "Wenn wir die Übergangsphase überwunden und dem Unternehmen ein neues Gesicht gegeben haben, schaffen wir damit eine gute Ausgangsbasis, schneller als die Industrie zu wachsen, und in Zukunft Marktanteile zurückzuerobern", sagte Yang. Die Hauptschwäche von Lenovo sieht er derzeit in der Konzentration auf wenige Zielgruppen. "Es ist an der Zeit für uns, die Produktpalette auszubauen, und so mehr Kunden anzusprechen."
Keine eigene Ladenkette
Die mittelständische Klientel adressiert Lenovo in Deutschland seit Anfang dieses Jahres über Fachhändler. Derzeit laufen Überlegungen, über welchen Kanal Lenovo am besten an die Konsumenten verkaufen kann. Eine eigene Ladenkette sei zu teuer, sagte Yang. In China verkauft Lenovo seine Elektronikprodukte - vom Computer über digitale Musikspieler hin zu Handys - über eigene Geschäfte. Das Unternehmen hat in dem Land eine der umfassendsten Lieferketten. In Deutschland werde der Vertrieb über Telefon und Internet geprüft. Mit einem solchen Direktvertriebsmodell würde Lenovo direkt den Wettbewerber Dell angreifen, der Geräte nur auf diese Weise verkauft.
Der Einstieg von Lenovo in den Massenmarkt werde den Konsolidierungsdruck in der Branche erhöhen. "Sogar unter den Top 10 der PC-Hersteller machen viele keinen Gewinn", sagte Yang. Derzeit steht unter anderem Packard Bell, die europäische Tochter von NEC, zum Verkauf; die deutschen Hersteller Maxdata und Medion ordnen ihre Geschäfte neu, wie es hieß. Weitere Übernahmekandidaten sieht der Lenovo-Verwaltungsratschef derzeit jedoch nicht. "In den nächsten zwei Jahren werden wir keine Akquisitionen tätigen."
tim/dpa-AFX