Chipfabrik Frankfurt/Oder: Aufsichtsrat fliegt auseinander - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Chipfabrik Frankfurt/Oder Aufsichtsrat fliegt auseinander

Den geplanten Bau einer Chipschmiede mit dem staatlichen Institut für Halbleiterphysik (IHP) in Brandenburg halten Branchenkenner für unsinnig. Vertreter von Infineon und Motorola kündigten aus Protest ihre Mitgliedschaft im IHP-Aufsichtsrat.
Von Harald Schumann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?



Berlin - Er werde bereits an der nächsten Sitzung des Gremiums am 21. März nicht mehr teilnehmen, bestätigte Lubomir Cergel, Direktor für Technology Strategy, Europe, beim Motorola-Konzern, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Er halte das Vorhaben, das Institut zum Gesellschafter einer Produktionsfirma für eine neue Chip-Generation zu machen, für "unseriös". Es sei "illusorisch zu glauben, man könnte hauptsächlich mit öffentlichen Geldern einen neuen Anbieter in einem hochkomplexen Markt etablieren", sagte Cergel.

Auch Günther Weinberger, der bislang die Siemens-Chiptochter Infineon beim IHP vertrat, gab sein Aufsichtsratsmandat zurück. Er habe den Eindruck gewinnen müssen, dass er "zu einer für die IHP GmbH möglicherweise nachteiligen Vereinbarung" seine "Pflichten als Aufsichtsratsmitglied nicht habe wahrnehmen können", schrieb Weinberger an das brandenburgische Wissenschaftsministerium, dessen Staatssekretär Christoph Helm dem IHP-Aufsichtsrat vorsitzt.

Die Rückgabe der beiden Aufsichtsmandate setzt den vorläufigen Schlusspunkt für einen Streit, der bereits seit Monaten innerhalb des Frankfurter Forschungsinstituts schwelt. Motorola hatte sich seit zwei Jahren mit rund 100 Millionen Mark am Ausbau der Forschungsstätte und der dortigen Entwicklung eines leichten und energieeffizienten Speicherchips für mobile Anwendungen in künftigen UMTS-Handys und Notebooks beteiligt.

Währenddessen verfolgte der Leiter des Instituts, Abbas Ourmazd, ein Amerikaner iranischer Abstammung, die Ausgründung einer Produktionsfirma auf Basis der neuen Technologie und unter aktiver Beteiligung des IHP als Gesellschafter. Doch das Vorhaben des ehrgeizigen Physikers, Motorola als Investor für die Fabrik zu gewinnen, scheiterte. "Die Präsentation hat uns nicht überzeugt", erzählt ein Teilnehmer der entsprechenden Sitzung im Hauptquartier des Konzerns im texanischen Austin.

Ourmazd mobilisierte daraufhin eine Staatsfirma des Emirats Dubai, die sich nun mit 500 Millionen Dollar an der im Januar gegründeten Firma Communicant AG zur Errichtung der Chipschmiede beteiligen soll. Weitere 40 Millionen Dollar will der Chipkonzern Intel beisteuern, der im Gegenzug Lizenzen für die neue IHP-Technologie zur weltweit freien Verwendung erhält, auch dann, wenn die Fabrik niemals errichtet wird. Bis zu zwei Drittel der Gesamtkosten von 1,5 Milliarden Dollar will Brandenburgs Wirtschaftsminister Wolfgang Fürniß aus der Staatskasse und mit staatlich verbürgten Bankbürgschaften bestreiten.

Industrievertreter im Aufsichtsrat ausgeschlossen

An dieser Konstruktion meldeten die Industrievertreter jedoch frühzeitig Zweifel an. Völlig offen sei, "wer die neuen Schaltkreise eigentlich kaufen soll", meint Motorola-Experte Cergel, "wer sind die Kunden?" Um rentabel zu sein, müsse das Unternehmen etwa 1, 7 Milliarden Dollar jährlich umsetzen. Auch die benötigten qualifizierten Arbeitskräfte seien in der kurzen Zeit kaum zu finden.

Zudem kommt die Fabrik möglicherweise zu spät. Während der Motorola-Konzern, der wegen seiner Beteiligung ebenfalls über Lizenzen verfügt, bereits ab Sommer mit der neuen Technologie arbeiten wird, kann in Frankfurt/Oder frühestens zwei Jahre später produziert werden. "Und mit welchem Geld wird die Technologie dann weiterentwickelt?", fragt Cergel. Allein auf Basis der jetzigen Patente sei die geplante Fabrik nicht lebensfähig.

Unklar ist auch, in welchem Verhältnis das staatliche Institut zu der neuen Firma steht. Damit diese tatsächlich die Produktion aufnehmen könne, würden "sämtliche Ressourcen des IHP dafür benötigt", prophezeit einer der beteiligten Ingenieure. Dann aber könne das Institut keinesfalls den bisherigen Status der Gemeinnützigkeit halten. Die Finanzierung aus staatlichen Mitteln fiele flach, über 90 Millionen Mark aus EU-Töpfen müssten sogar zurückgezahlt werden.

Doch Ourmazd und seine Unterstützer in der Landesregierung ließen sich nicht beirren. An der entscheidenden Aufsichtsratssitzung am 6. Februar, während der die Verträge mit den Investoren abgesegnet wurden, durften die beiden Industrievertreter gar nicht erst teilnehmen. Weil "Interessenkonflikte auftreten" würden, sei das "als Ausschluss von der Sitzung zu verstehen und hinzunehmen", schrieb Staatssekretär Helms den Aufsichtsräten.

Aus Protest gegen das Verfahren sagte daraufhin auch der Vertreter des Bundesforschungsministeriums, Staatssekretär Wolf-Dieter Dudenhausen, seine Teilnahme ab. Der "Ausschluss der Wirtschaftsvertreter stößt bei mir auf Unverständnis", mahnte Dudenhausen seinen Brandenburger Kollegen und verwies darauf, "dass das IHP kein Wirtschaftsunternehmen ist, sondern gemeinnützig". Möglicherweise "ausfallende Mittel werden nicht vom Bund übernommen werden", meldete Dudenhausen vorsorglich an.

Aber auch diese Mahnung konnte das Vorhaben nicht mehr stoppen. Der um drei auf nurmehr vier Mitglieder gestutzte Aufsichtrat nickte das Konzept von IHP-Chef Ourmazd ab. Dieser könne offenbar "machen, was er will", schlussfolgert Motorola-Mann Cergel. Das Geschehen beim IHP laufe "außer Kontrolle".