Börse in Tokio Wie Anleger vom Japan-Boom profitieren können
Japanische Börsenkurse: Bisher hat das Experiment geklappt
Foto: Toru Hanai/ REUTERSEs ist wieder Grillzeit in Deutschland. Landauf, landab stehen täglich Männer rund um ein funzelndes Feuerchen und fachsimpeln: Wie bringt man das Ding so richtig auf Temperatur? Je nach Temperament und Alkoholpegel gibt es viele Strategien: Ein paar Stücke Kohle dazulegen. Luft drüber fächern. Zeitungspapier unterschieben.
Auch in Japan fachsimpeln Experten: Wie bekommt man bloß die seit über einer Dekade vor sich hinfunzelnde Wirtschaft Japans wieder auf Betriebstemperatur? Jetzt hat Japans Regierung, Hand in Hand mit der ihr ergebenen Notenbank, eine eigene Idee entwickelt: Literweise Benzin über den Grill schütten.
"Abenomics" heißt der nach dem amtierenden Premierminister Shinzo Abe benannte Ansatz, die Wirtschaft mit Gewalt anzukurbeln und die Inflation auf zwei Prozent heben zu wollen. Zu diesem Zweck druckt die japanische Notenbank pro Monat umgerechnet rund 45 Milliarden Euro extra und tritt am Markt als Käufer von Wertpapieren auf - bislang mit dem gewünschten Erfolg: Der Yen brach seit Herbst 2012 um gut 30 Prozent zum US-Dollar und zum Euro ein und verschafft so japanischen Exportfirmen starke Wettbewerbsvorteile. Die japanische Wirtschaft wächst endlich wieder. Und zugleich steigen japanische Aktien immer schneller, binnen gut sechs Monaten kletterte der Nikkei-Aktienindex um 75 Prozent.
Nach einer seit 1989 laufenden Talfahrt sind japanische Aktien nun endlich wieder eine spannende Investition. Denn die Probleme Japans - die gemessen an der Wirtschaftskraft rekordhohe Verschuldung und die Überalterung der Gesellschaft - sind bekannt. Und der angezettelte Währungskrieg ist für Sparer riskanter als für Aktionäre, denn dem gehört stets der gleiche Anteil an einer Firma, egal, was mit der japanischen Währung passiert. Teilhaben lässt sich an dem Boom am besten über einen Indexfonds, der die Kurse der japanischen Aktienindizes Nikkei 225, Topix oder MSCI Japan für knapp ein halbes Prozent an Gebühren pro Jahr eins zu eins abbildet.
Natürlich birgt das derzeit in Japan laufende Abwertungsexperiment auch immense Risiken: Für die importierten Güter muss Japan mehr an heimischen Yen auf den Tisch legen, folglich steigen die Kosten der Firmen. Und die Abwertung nagt an den Kursgewinnen und hat seit Herbst aus Sicht eines deutschen Investors gut die Hälfte des Nikkei-Anstiegs aufgezehrt.
Bis hierher hat das Experiment geklappt
Doch wie man es dreht und wendet: Bis hierher hat das Experiment geklappt - Wirtschaftswachstum, Konsumentenvertrauen und natürlich auch Aktien steigen. Japan ist zudem gut positioniert, um vom starken Wachstum in Asien zu profitieren: Über die Hälfte der japanischen Exporte gehen in asiatische Nachbarländer, darunter ein Fünftel nach China. Japanische Großunternehmen sind Weltmarktführer in Wachstumsmärkten wie der Automatisierungstechnik, Digitalfotografie, Solarzellen oder Werkstoffentwicklung. Und: Trotz der Rallye um 75 Prozent sind japanische Aktien gemessen an ihrem Substanzwert - also dem Betriebsvermögen abzüglich aller Schulden - günstiger als im historischen Schnitt. Sie sind auch nicht teurer als deutsche Standardwerte und billiger als US-Aktien.
Bei allen guten Kaufgründen: Gießt man Benzin über einen schwächelnden Grill, kann natürlich am Ende nicht nur die Wurst fertig gegrillt sein, sondern auch der Skalp der zwei Herren am Grill - in diesem Fall Japans Premierminister Shinzo Abe und sein willfähriger Notenbankchef Haruhiko Kuroda. Und die Haare versengen könnten sich auch jene Investoren, die mit am Grill stehen und das Feuer ihres Lebens sehen wollen. Die Stichflamme wäre in diesem Fall eine dramatisch ansteigende Inflationsrate.
Wie ein solches Stichflammen-Szenario aussehen könnte, hat schon vor drei Jahren das Anlagestrategieteam der Société Générale am Beispiel von Israel errechnet : Das Land ging zwischen 1972 und 1987 einen ähnlichen Weg wie Japan heute und versuchte mit Gelddrucken sein Schulden- und Wachstumsproblem in den Griff zu bekommen. Überträgt man die israelischen Wirtschaftsdaten jener Zeit auf Japan heute, wäre laut Société Générale eine nominale Versechseinhalbtausendfachung des Nikkei drin. Daher gaben die Anlageexperten das Kursziel von 63 Millionen Punkten für den Nikkei bis 2025 aus.
Ein aberwitziges Gedankenexperiment? Natürlich würde der Anstieg zum allergrößten Teil durch Hyperinflation und Abwertung aufgefressen. In Israel etwa hielt der Kursanstieg auf Dauer nicht mit der Teuerung Schritt. Doch noch spielt die Inflation in Japan keine Rolle.