Christmas Decorations Wo immer Weihnachten ist
New York - Die Weihnachtsmann wird ausgeweidet. Rücklings liegt er auf einer Werkbank, ein klaffendes Loch im Bauch, die gestiefelten Stummelbeinchen ausgestreckt. Ein Arbeiter beugt sich über ihn, reißt alte Strohwolle aus seinem Bauch, stopft frische hinein. Draußen glüht die Sommersonne.
Adventskränze hängen von der Hallendecke. Hunderte sind es, einzeln in Klarsichtfolie verpackt: kleine, große, manche bis zu zehn Meter im Durchmesser, mit goldenen Kugeln, roten Schleifen und Glühbirnen, weiß bestäubt, silbern besprüht, klassisch, modern, schlicht, kitschig. Sie hängen in langen Reihen und an Ketten wie Räucherschinken beim Metzger.
Hier in diesem Lagerhaus am Bronx River, im einst verrufensten Stadtteil New Yorks, ist das ganze Jahr Weihnachten. Auch und vor allem jetzt, im heißesten Hochsommer, während auf der Straße der Asphalt schmilzt und die Kinder im Spritzwasser der Hydranten toben. "Unsere Hauptproduktion hat gerade richtig begonnen", sagt Fred Schwam. "Merry Christmas."
American Christmas Decorations: Jederzeit Weihnachtszeit
Festtagsfieber im Juli,
Schwam, 38, ist Eigentümer und Vorstandschef des Familienunternehmens American Christmas Decorations - nicht nur ein Kuriosum, sondern vor allem eine bemerkenswerte Erfolgsstory in mehrerer Hinsicht. Denn die einstige Zwei-Mann-Klitsche in der South Bronx, jener einst lebensgefährlichen Slum-Ecke, hat sich heute zum Weltgrößten seiner Art gemausert, zum Millionengeschäft mit bis zu 110 Angestellten.
Schwam hat nämlich eine Marktlücke entdeckt: Er stellt Weihnachtsdekorationen für die meisten Luxuskaufhäuser, Nobelhotels, Konzerne und Banken her - gigantische, funkelnde Installationen, die selbst längst zu Touristenattraktionen geworden sind und jeden Winter Menschenaufläufe verursachen, als Ikonen der New Yorker Vorweihnacht.
Unter den Großkunden, für die sich Fred Schwam und sein Team schon jetzt mitten im Juli ins Festtagsfieber stürzen, sind die Top-Adressen der Fifth Avenue und anderer Shoppingmeilen: Saks, Macy's, Bloomingdale's, Bergdorf Goodman, Cartier, Tiffany. Außerdem stattet er die Radio City Music Hall aus, die TV-Sender ABC, CBS und NBC, die Technologie-Börse Nasdaq, die American Stock Exchange, die Brokerhäuser Bear Stearns und Lehman Brothers. Und die Feuerwehr. Und das Police Department.
Frecher Weihnachtsrummel
Das ist eine Menge Glitzerschnee für einen jungen Mann, der anfangs nicht mal wusste, wie man einen Adventskranz flicht - schließlich ist Schwam jüdischen Glaubens und hat zum christlichen Weihnachtsfest keinerlei privaten Bezug.
Vor allem aber ist dies längst ein Rund-ums-Jahr-Business. Früher, als die Firma noch klein war, reichte es, im Spätherbst mit den ersten Entwürfen zu beginnen. Mittlerweile summt der Betrieb, so Schwam, "365 Tage im Jahr", und das Kerngeschäft nimmt die gesamte zweite Jahreshälfte ein. Wuchernde Weihnacht: "Unsere Produktion läuft seit Mai", sagt Schwam, trotz der Hitze zugeknöpft und mit Schlips. "So früh waren wir noch nie dran."
Das liegt zum einen daran, dass sich der Weihnachtsrummel in New York, wie überall, jedes Jahr immer frecher nach vorn verschiebt: "Viele wollen ihre Dekoration lange vor Halloween aufhängen", sagt Schwam. Zum anderen hat sich die Nachfrage nach Schwams Aufsehen erregenden Kreationen so dramatisch gesteigert, dass das Team kaum noch mithalten kann: "Unser einziges Problem ist heute, unser Wachstum zu bewältigen."
"Dreimal so viele Lichter wie nötig"
Davon konnte keine Rede sein, als Schwams Vater, ein Sohn osteuropäischer Immigranten, die Firma 1961 gründete, damals noch als Geschäft für künstliche Zierpflanzen. Bald kam eine Abteilung für Weihnachtsdekorationen hinzu. Diese kaufte Fred Schwam 1988 - gerade mal 21 Jahre alt und frisch aus dem College - mit 150.000 geliehenen Dollar, um daraus ein separates Unternehmen zu machen.
Die ersten Jahre waren hart. "Ich buchte die meisten Ausgaben auf meine Kreditkarten", erinnert sich Schwam. "Finanziell habe ich sehr gelitten." Er hatte zwei feste Angestellte und acht weitere für die Hochsaison. Zäh baute er sich einen Kundenstamm auf, schwor auf Liebe zum Detail: "Dreimal so viele Lichter wie nötig, dreimal so viele Ornamente wie nötig." Seit acht Jahren ist das Geschäft nun im Schwung.
Heute beschäftigt Schwam 20 Vollzeitangestellte, ab Oktober kommen 90 weitere für die Hauptsaison hinzu: Designer, Handwerker, Computergrafiker. Derzeit ist das Personal bereits auf 70 Mann angeschwollen.
Subway auf Stahlstelzen
Wie viel Geld American Christmas heute verdient, mag Schwam nicht sagen: "Wir haben Klienten, die zahlen tausend Dollar, und andere, die zahlen zwei Millionen Dollar." 2002, als ihn das Magazin "Crain's" zu einem der "aufsteigenden Stars" der New Yorker Wirtschaft krönte, bezifferte er seinen Umsatz noch auf 2,6 Millionen Dollar, im Jahr darauf waren es bereits 3,6 Millionen Dollar. Trotzdem klang ihm das angesichts seiner hochkarätigen VIP-Kundenliste als zu niedrig, und deshalb möchte Schwam heute lieber schweigen und "größer wirken, als wir sind". Schließlich ist Image ein wichtiger Teil seines Erfolgs.
Ein anderer Teil dieses Erfolgs ist seine clevere Geschäftsphilosophie. So weigert sich Schwam beharrlich, aus der Bronx fortzuziehen, trotz aller abenteuerlichen Geschichten, die sich die Leute bis heute über das Stadtviertel nördlich von Manhattan erzählen. "Die meisten haben ein völlig falsches Bild von der Bronx", sagt er. "Die Lage hier hat sich dramatisch verbessert." Vor allem aber sind die Gewerbemieten spottbillig - nur 30 Minuten von Midtown entfernt, wo die meisten seiner Kunden sitzen.
In der Tat herrscht vor den Toren der rot-grünen Hallen von American Christmas ein farbiges, multikulturelles und nicht zuletzt längst gefahrloses Leben. Obststände duften, bunte Fähnchen und Wimpel sind über die Gehwege gespannt. Die Subway rumpelt auf Stahlstelzen als Hochbahn gen Manhattan.
Gratis-Schmuck für Aids-Hospizen
Die größte Halle von American Christmas misst über 6000 Quadratmeter. Hier warten die gigantischen Adventskränze auf den Winter. Dutzende Arbeiter sägen und basteln bereits. In einer Ecke liegen meterlange Tannenzapfen aus Holz, daneben ein übermannsgroßer Nussknacker und riesige Stahlskelette für PVC-Christbäume. Das Motto fürs Bekleidungshaus Lord & Taylor nimmt Formen an - alles in Weiß.
In einer zweiten Halle lagern bis hoch unter die Decke Pappkartons mit Christbaumkugeln nach Farben und Größe sortiert. "Wir haben Hunderttausende von Kugeln", sagt Schwam. Um darüber Inventar führen zu können, haben sie ein eigenes Computerprogramm entwickelt.
Die Saks-Innenausstattung vom letzten Jahr - feine Äste mit Millionen Pailettenperlen - türmt sich derweil in einem großen Müllcontainer. "Wir arbeiten jedes Jahr mit neuem Material", sagt Schwam. "Und jedes Stück ist ein Einzelstück, handgemacht." Die meisten der ausrangierten Dekorationen sind trotzdem weiter brauchbar, und Schwam spendet sie an Kinderheime, Krankenhäuser, Aids-Hospizen und Drogenentzugskliniken in der Bronx.
Globalisierung im Kleinformat
Dafür kürt das Wirtschaftsblatt "Inc." American Christmas regelmäßig als eine der besten Inner-City-Firmen der USA - Unternehmen, die sich für die gefährdetsten Stadtteile einsetzen, statt Stadtflucht zu begehen. Ein weiterer Grund für diese Auszeichnung: Schwam bezieht sein Personal überwiegend aus der Bronx. Viele sind neue Einwanderer, und viele kommen aus Sozialhilfeprogrammen.
An der Wand einer seiner Hallen hängt eine Weltkarte, auf der jeder Mitarbeiter mit einem kleinen Fähnchen sein Herkunftsland markiert hat: Russland, Polen, Ukraine, Slowakei, Bulgarien, Spanien, Kasachstan, Dominikanische Republik, Haiti, Bolivien, Panama, Honduras. Ein weiteres Fähnchen müsste eigentlich in China stecken: Hier lässt Schwam einfache Teile seiner Konstruktionen en masse und billig herstellen - Globalisierung im Kleinformat.
Zu Hause nur ein Leuchter
In seinem Büro präsentiert Schwam stolz eine fette Portfolio-Mappe mit Fotos seiner Werke. Sein Meisterstück war voriges Jahr die gesamte achtstöckige Fassade von Saks an der Fifth Avenue: 50 enorme, je bis zu sieben Meter hohe Schneeflocken aus 72.000 LED-Birnen, hergestellt in 4000 Arbeitsstunden und mit einem Computer und 1500 Dimmern kontrolliert. Doch in der Mappe findet sich auch ein kleiner, privater Weihnachtsbaum - der seines Vaters, mal etwas gewagter dekoriert.
Schwams Büro selbst ist ein erstaunlich schmuckloses, kleines Geviert. Ob er denn zu Hause auch Weihnachtsschmuck habe? Da lacht Schwam: "Das Einzige, was ich mir jedes Jahr aufstelle, ist ein siebenarmiger Leuchter."