Chrysler-Chef Nardelli: Rohling ohne Stallgeruch - DER SPIEGEL
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Chrysler-Chef Nardelli Rohling ohne Stallgeruch

Dem neuen Chrysler-Chef Robert Nardelli eilt ein zweifelhafter Ruf voraus – er gilt als Musterbeispiel für die Gier amerikanischer Manager. Umso bemerkenswerter ist der Lohn, den er zunächst ausgehandelt hat: ein Dollar pro Jahr.
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Detroit – Die symbolische Summe gilt allerdings nur für den Fall, dass es Nardelli nicht gelingt, Chrysler wieder zum Erfolg zu führen. Sein Gehalt sei leistungsabhängig, berichtet die "New York Times" in ihrer Onlineausgabe. Er erhalte nichts, falls die Gesellschaft, die im vergangenen Jahr 1,5 Milliarden Dollar verloren habe, keine Besserung zeige. Welchen Betrag er für den Erfolgsfall ausgehandelt hat, ist allerdings nicht bekannt.

Doch Nardelli könnte es sich auch leisten, quasi ehrenamtlich zu arbeiten. Der Manager hatte Ende 2006 von seinem damaligen Arbeitgeber, der Baumarktkette Home Depot   rund 210 Millionen Dollar Abfindung kassiert – eine der höchsten, die jemals gezahlt wurden. Die Summe hatte selbst bei verwöhnten amerikanischen Managern Kritik hervorgerufen.

Die Kritik war auch deshalb so laut, weil Nardelli durchaus Zweifel übrig gelassen hatte, ob er sein Geld wert gewesen sei. In den sechs Jahren seiner Amtszeit war es ihm nicht gelungen, das angeschlagene Unternehmen aufzurichten. Zwar hatte er im Geschäftsjahr 2006 Umsatz und Gewinn fast verdoppelt, doch der Aktienkurs von Home Depot verlor während seiner Amtszeit rund zehn Prozent. Nach seinem Abgang revidierte sein Nachfolger umgehend wichtige Entscheidungen für die strategische Ausrichtung der Baumarktkette, die Nardelli einst getroffen hatte – eine nachträgliche Ohrfeige für den geschassten Manager.

Umso größer ist die Überraschung über die vom neuen Chrysler-Besitzer Cerberus getroffene Entscheidung, Nardelli die Verantwortung für den Autokonzern zu übertragen. Für den Finanzinvestor spielten offensichtlich andere Kriterien eine Rolle.

Ausgewiesener Finanzfachmann

Sein Ruf als Sanierer zum Beispiel: Nardellis Talente als Finanzfachmann hätten die Cerberus-Verantwortlichen sehr beeindruckt, sagte ein Firmenkenner der US-Zeitung "Detroit News" – solche Fähigkeiten werden bei Chrysler in der nächsten Zeit eine wichtige Rolle spielen.

Die zweite Geige wird künftig der bisherige Chrysler-Chef Tom LaSorda spielen, der Nardelli künftig unterstellt sein wird. Analysten werten dies als Signal, dass Cerberus LaSorda den Turnaround nicht zutraut. "Ich dachte, die geben ihm noch sechs Monate, jetzt stellt sich heraus: Sie geben ihm nicht einmal sechs Tage", kommentiert Gerald Meyers, Ökonomieprofessor an der Universität Michigan gegenüber der "Detroit News" den Schritt. Vorerst bleibt LaSorda allerdings Chrysler-Präsident und wird stellvertretender Vorsitzender des neuen Chrysler-Verwaltungsrates.

Womöglich will Cerberus damit sicherstellen, dass wenigstens ein Automann die Geschicke mitbestimmt, denn Nardelli, der einst seine Karriere bei General Electric begann, verfügt in dieser Branche über keinerlei Erfahrung. Ursprünglich hatte Cerberus Wolfgang Bernhard für den Posten des Verwaltungsratschefs gewinnen wollen, doch der hatte "aus persönlichen und familiären Gründen" abgelehnt. Bernhard kennt das Unternehmen sehr gut. Gemeinsam mit Daimler-Chef Dieter Zetsche hatte er die erste Chrysler-Sanierung durchgeführt.

Ohne Benzin im Blut

Mit Nardelli wechselt der zweite Manager an die Spitze eines Autokonzerns, der, wie es heißt, "kein Benzin im Blut" hat. Im vergangenen Jahr verpflichtete Chrysler-Konkurrent Ford   Alan Mullaly, dem zuvor der Chefsessel bei Boeing   verwehrt worden war. Mullaly führt seitdem bei Ford ein eisernes Finanzregiment und ist zurzeit sogar im Begriff, das Tafelsilber zu verscherbeln, um die nötigen Mittel für die Sanierung der Kernmarken zusammenzubringen. Die gesamte Premier Group, zu der neben Jaguar und Land Rover auch Volvo   zählt, steht zum Verkauf. Erst im März dieses Jahres wechselte die Ford-Tochter Aston Martin für rund 702 Millionen Euro den Besitzer.

Ob jedoch eiserne Kostendisziplin der allein entscheidende Faktor für eine Wende bei Chrysler sein wird, muss sich erst noch erweisen. Kaum ein Unternehmen benötigt so dringend kreative Ideen für neue Automodelle, wie die Nummer Drei der US-Autoriesen. Eigenschaften wie Sparsamkeit, Umweltfreundlichkeit und Coolness fehlen in der Chrysler-Palette. Selbst ausgewiesene Autofachleute wie Zetsche und Bernhard hatten die Trends nicht erkannt und auf Sprit fressende Geländewagen und Pickups primitiver Bauart gesetzt.

Nardelli wird außerdem darauf angewiesen sein, auch innerhalb des schlingernden Konzerns genügend Mitstreiter für seinen Kurs zu finden. Nach Überzeugung von Experten aber fehlt dem Manager das dafür notwendige Fingerspitzengefühl völlig. "Nardelli gilt als Energie geladener Manager, der sehr ruppig mit seiner Umgebung umgeht", sagt Ökonom Meyers. Allein der Ruf der ihm vorauseile, könne schon bewirken, "dass die Chrysler-Mannschaft in depressive Agonie versinkt".

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