Chrysler US-Autogewerkschaft streichelt den Höllenhund
New York - Eineinhalb Stunden nahm sich Dieter Zetsche Zeit für Ron Gettelfinger, den Präsidenten der US-Autogewerkschaft UAW. Punkt für Punkt erläuterte ihm der DaimlerChrysler -Chef, weshalb er beschlossen habe, Chrysler an den New Yorker Finanzinvestor Cerberus zu verhökern. Gettelfinger machte dabei einen "allerletzten, verzweifelten Versuch", wie er es beschrieb, den Deal doch noch zu verhindern.
Zu spät. Am Ende des vertraulichen Tete-à-tetes gab Gettelfinger zähneknirschend seinen Segen - doch nicht ohne einen bitteren Schwur zum Abschied: Zetsche werde es eines Tages noch bereuen. "Wir werden beweisen", sagte er, "dass Daimler einen Fehler gemacht hat."
Und so begann sie, die wohl größte Bewährungsprobe in der Geschichte der UAW: die Konfrontation mit einem völlig neuen, unberechenbaren Gegner. Zähneknirschen ist seither das Wort der Stunde. Gestern war Gettelfinger schon wieder in Detroit, um seinen schockierten Leuten zu erläutern, dass Cerberus nun doch "im besten Interesse unserer Mitglieder" sei. Streicheleinheiten vom Gewerkschaftsboss für eine der viel gescholtenen privaten Finanzierungsfirmen? Eine Company wie Cerberus (Höllenhund) galt den Gewerkschaftern bisher stets als Handlanger des Teufels: Sie hätten nichts anderes im Sinn als "strip and flip" - abziehen und abstoßen. Das aber, so gelobten ihm Zetsche und Cerberus-Chairman John Snow hoch und heilig, habe man mit Chrysler nicht vor.
"Keine neuen Stellenkürzungen"
Vor allem Snow gab sich gestern als größter Fan des rostigen Nationalssymbols aus Auburn Hills. "Wir glauben fest an Chrysler", versicherte der Ex-Finanzminister in einem Interview mit dem Detroiter Radiosender WJR, quasi dem Sprachrohr der Branche. "Dies ist ein großartiger Tag für Detroit und für die US-Autoindustrie." Und natürlich für Cerberus.
Die Firmen-Scheidung ist, obwohl erwartet, der Schock des Jahrzehnts für die amerikanische Kfz-Industrie - ein Weckruf, der historische Umwälzungen ahnen lässt. Zum ersten Mal wird einer der "Big Three" privatisiert, einer der drei historischen Autokonzerne. Ist das also die Zukunft für diese desolate Industrie? Was wird aus Chrysler? Kann die angeschlagene Ikone im Haifischteich der Private Equity überleben?
Die Beteiligten stellen diese Frage auf den Kopf: Private Equity, sagen sie, sei die beste, wenn nicht einzige Überlebenschance für Chrysler. "Dies ist die beste beider Welten", sagte Chrysler- Vizepräsident Jason Vines zu SPIEGEL ONLINE. Was sich im Tagesgeschäft bei Chrysler als erstes ändern werde? "Nichts."
Klartext: Chrysler-Chef Tom LaSorda soll auf seinem Posten bleiben, und mit ihm der jüngste Sanierungsplan. LaSorda selbst versichert: "Keine neuen Stellenkürzungen sind geplant." Sprich: Über die 13.000 Stellen hinaus, deren Streichung er im Februar verkündet hatte.
Keine Wahl für die UAW
Stattdessen will sich Cerberus, ganz untypisch für einen Finanzinvestor, auf langfristigeres Umdenken konzentrieren - assistiert vom früheren Chrysler-Topmanager Wolfgang Bernhard, der nun für Cerberus ins Chrysler-Board zurückkehren soll. Endlich, seufzte Snow, müsse man dort nicht länger auf Shareholder und die Quartalsbilanzen starren.
Dies waren auch die Zusicherungen, mit denen man die UAW köderte. Dazu hatte Zetsche Gettelfinger eigens einfliegen lassen: Das Plazet der Gewerkschaft war, auch wenn diese bei den Verhandlungen ausgeschlossen blieb, letztlich entscheidend, um in den USA einem Aufschrei öffentlicher Empörung vorzubeugen.
Die UAW sah ein, dass ihr keine Wahl blieb. "Alle drei potentiellen Bieter waren entweder Investoren oder Equity-Fonds", berichtete Gettelfinger mit Hinweis auf Magna International und Blackstone, die anderen Interessenten an Chrysler, die zuletzt noch im Rennen waren. Die UAW-Vision, Chrysler bei Daimler zu belassen, war da schon längst Makulatur.
Für Gettelfinger war schließlich ein Argument entscheidend: Cerberus versicherte ihm, die noch ausstehenden Chrysler-Pensionen und Krankenkassenzuschüsse, die den Konzern derzeit in Höhe von rund 18 Milliarden Dollar belasten, unangetastet zu lassen. Mehr noch: Cerberus sei darüber hinaus "zusätzliche Verpflichtungen" eingegangen - und habe von der UAW "keine Konzessionen" verlangt. "Das war unsere Riesensorge", sagte Gettelfinger.
"Es ist eine Schande"
Und so hat die US-Gewerkschaft beschlossen, keine Schlachten der Vergangenheit mehr zu fechten und sich diesem jüngsten Akt des Umbruchs zu ergeben. "Wir werden das Kapitel abschließen und vorwärts gehen", seufzt Gettelfinger, der sich heute noch einmal mit Cerberus-Gründer Stephen Feinberg trifft, "um sicherzustellen, dass diese Versprechen eingehalten werden".
Von der kanadischen Autogewerkschaft CAW, die dort 10.000 Chrysler-Mitarbeiter vertritt, kamen dagegen Bedenken. "Dies ist sehr besorgniserregend", sagte CAW-Präsident Buzz Hargrove. "Ich kann mir nichts vorstellen, was mich davon überzeugen würde, dass das wirklich in unserem besten Interesse ist."
Auch manche Arbeiter reagierten skeptisch. "Ein dunkler Tag für Chrysler und ein dunkler Tag für die Angestellten", sagte der Chrysler-Angestellte Mike Tremain der Lokalzeitung "Detroit News". "Die kümmern sich doch nicht um die Belegschaft. Es ist eine Schande."
Ähnliche Sorgen über den wachsenden Einfluss von Private-Equity-Firmen in der US-Industrie hegt auch die Dienstleistungsgewerkschaft SEIU, die größte Gewerkschaft der USA. Zwar generierten diese Übernahmen "saftige Gewinne für Investoren und außerordentlichen Reichtum für die Manager", schrieb sie kürzlich in einem Bericht, der Cerberus als sechstgrößte US-Beteiligungsfirma nennt. Doch würden sie "Fragen nach den Folgen für die Arbeiter, die Geschäfte, die Gemeinden und die Nation" aufwerfen.
Mehr abgebissen, als man kauen kann?
Cerberus beeilt sich unterdessen, diesem Horrorbild entgegenzutreten. Dass man nur an rascher Rendite interessiert sei, sei "eine unzutreffende Charakterisierung", sagte Cerberus-Sprecher Peter Duda in New York. Gegenüber SPIEGEL ONLINE verwies er auf den 51-prozentigen Cerberus-Einstieg bei GMAC, der Finanztochter des Autokonzerns GM : "Da wurde eine Mindestverpflichtung über zehn Jahre eingegangen." Die Sorgen seien unberechtigt.
Doch auch für Cerberus ist das Umfeld neu: Bislang hat sich die Beteiligungsgesellschaft nicht auf den US-Automarkt gewagt, schon gar nicht über eine Firma mit so gigantischen Problemen wie Chrysler und unbekannten Größen wie die UAW. Es ist eine neue Ära, nicht nur für die Automobilwirtschaft, sondern auch für die Privat-Equity-Branche.
Ein riskantes Spiel, angesichts der Marktlage. "Dies ist bei Weitem ihre größte Akquisition", sagte David Healy, ein Analyst bei Burnham Investment Research. "Da fragt man sich: Haben sie mehr abgebissen, als sie kauen können?"
Zu Gerüchten, Cerberus könnte Chrysler schnell wieder abstoßen, zerschlagen oder an die Börse zurückbringen, sagte Duda: "Das ist reine Spekulation." Auch Bradley Rubin, Autoexperte der Großbank BNP Paribas , bezweifelt, dass Cerberus "Chrysler in den nächsten fünf Jahren zerschlagen wird".
Nächste Station: Ford?
"Chrysler hat heute eine Chance von eins zu fünf, in zehn Jahren noch zu existieren - besser als die Chance, die es gestern hatte", sagt Wirtschaftsprofessor Peter Morici von der University of Maryland. "Cerberus könnten die Einzigen sein, die das zu Stande bekommen."
Die erste Nagelprobe kommt schon bald. Im September laufen die Verträge der drei großen Autokonzerne mit der UAW aus, ab Juli wird neu verhandelt. Cerberus setzt dabei ganz auf John Snow, der schon als Finanzminister und CEO der Eisenbahngesellschaft CSX Erfahrung mit Gewerkschaften gesammelt hat. "Wir haben vor, konstruktiv mit der UAW zusammenzuarbeiten", versprach Duda. Doch um womöglich schmerzliche Kostensenkungen wird man dabei wohl nicht vorbeikommen.
Bleibt die Frage: Ist Privat Equity der letzte Ausweg, den auch andere US-Autobauer gehen könnten? Ebenfalls gestern wurde bekannt, dass die Gründerfamilie des Ford-Konzerns den Verkauf ihrer Mehrheitsanteile erwägt. Nächste Station: Ford ? "Wir betreten völliges Neuland", sagt Branchenpionier Charlie Hughes, Gründer der Range-Rover-Marke, über den Cerberus-Deal. "Dies wird das gesamte Bild ändern."
In einem wenigstens waren sich gestern alle einig: In der US-Autoindustrie sind neue Zeiten angebrochen.