Citigroup Ein Weltstar schrumpft zum Zwerg
Hamburg - Es gibt Sätze, die von denen, die sie gesagt haben, am liebsten sofort zurückgezogen würden. Sätze, die sie wochen-, monate- oder gar jahrelang verfolgen, weil sie so bezeichnend sind. "Solange die Musik spielt, muss man aufstehen und tanzen", ist so ein Satz. Gesagt hat ihn der ehemalige Chef der Citigroup, Charles Prince, im Sommer vergangenen Jahres. Und hat selbstbewusst hinzugefügt: "Wir tanzen immer noch."
Citigroup-Gebäude in New York: "Wir tanzen immer noch"
Foto: Getty ImagesKeine vier Monate später war Schluss mit der Musik. Die einst größte Bank der Welt musste Abschreibungen in Höhe von 20 Milliarden Dollar bekanntgeben und Prince gehen. Von dem trotzigen Bekenntnis, die Probleme der Subprime-Krise im Griff zu haben, war nicht mehr viel übrig.
Ziemlich genau zehn Jahre nach ihrer Entstehung schrumpft die einstmals größte Bank der Welt in spektakulärem Tempo. Die Aktie des Geldinstituts fiel am Freitag vergangener Woche auf einen Rekordtiefststand von 3,77 Dollar, das Unternehmen ist damit nach seiner Marktkapitalisierung von etwas mehr als 40 Milliarden Dollar nur noch die fünftgrößte Bank der USA. Selbst der deutlich kleinere Rivale US Bancorp kostet zwei Milliarden Dollar mehr als die Bank, die zu ihren Glanzzeiten 270 Milliarden Dollar wert war.
Vom Selbstbewusstsein ist nicht viel geblieben
Dazu kommt ein Stellenabbau, den noch vor Monaten niemand für möglich gehalten hatte: Insgesamt 75.000 der weltweit 375.000 Arbeitsplätze fallen den Sparplänen des neuen Citigroup-Chefs Vikram Pandit zum Opfer - alles, um die riesigen Verluste in den Griff zu kriegen. Auf mehr als 20 Milliarden Dollar summieren sich die Verluste der vergangenen vier Quartale.
Tatsächlich leidet kaum eine andere Bank so unter der Immobilienkrise wie die Citigroup, die noch vor kurzer Zeit als begehrter Arbeitgeber mit Traumrenditen galt. Doch vom einstigen Selbstbewusstsein ist nicht viel geblieben - selbst das Undenkbare wurde zwischenzeitlich diskutiert: die Zerschlagung der Bank.
Dabei hatte die Geschichte der US-Großbank vielversprechend angefangen: Als der Finanzdienstleister Travelers Group und die Bank Citicorp am 6. April 1998 ihren Zusammenschluss zur künftigen Citigroup ankündigten, war das nicht nur die größte Fusion zweier Finanzinstitute in den Vereinigten Staaten. Es war auch das Ende der bis dahin geltenden Trennung von Investmentbanken, Versicherern und traditionellen Kreditinstituten. Unter dem Slogan "The Citi never sleeps" entwickelte sich eine Art Finanz-Supermarkt, der den Kunden von Spareinlagen über Versicherungen bis hin zu Börsengängen alles bot, womit sich Geld verdienen ließ.
Und das durchaus offensiv: Die beiden Gründer der Bank, John Reed und Sanford Weill, gingen alles andere als zimperlich mit Kunden und Konkurrenten um. Das Institut war schnell für seine aggressiven Geschäftsmethoden bekannt und immer wieder in die großen Wall-Street-Skandale mitverwickelt. So musste die Bank den Anlegern ihrer früheren Firmenkunden Enron und Worldcom mehrere Milliarden Entschädigung zahlen, ein Vergleich wegen unlauterer Methoden der eigenen Analysten kostete die Citigroup vor ein paar Jahren 500 Millionen Dollar - das höchste Bußgeld, das je an der Wall Street verhängt wurde. Vor vier Jahren schließlich verhängte die amerikanische Notenbank eine Geldstrafe gegen die Großbank - wegen unlauterer Geschäftsmethoden beim Hypotheken- und Kreditgeschäft mit einkommensschwachen Kunden.
Ausfall in Milliardenhöhe
Genau diese Kredite sind es, die die Bank jetzt an den Rand des Kollapses gebracht haben. Bankchef Pandit schätzt, dass die Verluste durch eben jene Verträge 2009 pro Quartal um ein bis zwei Milliarden Dollar höher ausfallen könnten als im vergangenen Jahr. Da hatte das Minus bereits 4,6 Milliarden Dollar betragen. Eine Sorge, die von Börsenexperten und Analysten als durchaus realistisch eingeschätzt wird - denn die Rezession trifft vor allem die unteren Einkommensgruppen, die wenig Reserven haben, um eventuelle Einkommensausfälle ausgleichen zu können.
Deshalb baut Bankchef Pandit vor: 24 Milliarden Dollar habe die Bank auf die Seite gelegt, um solche Kreditausfälle ausgleichen zu können, schreibt das "Time Magazin". Bislang würden Kredite im Umfang von fünf Milliarden nicht mehr bedient - bei einem Gesamt-Kreditvolumen von 718 Milliarden Dollar sei das "in Zeiten, in denen Subprime-Kredite in zweistelliger Höhe ausfielen, keine schlechte Rate".
Das alles aber interessiert die Börse momentan wenig. Sie honoriert auch das drastische Sparprogramm von Pandit nicht, der die Kosten im nächsten Jahr von 62 Milliarden Dollar auf 52 Milliarden Dollar drücken will. Die Analysten macht misstrauisch, dass Pandit von den gelockerten Bilanzierungsregeln Gebrauch macht - um weitere Abschreibungen zu verhindern. Wertpapiere mit einem Volumen von 80 Milliarden Dollar sollen nicht mehr in jedem Quartal zum aktuellen Marktwert aufgeführt werden, wie es bisher vorgeschrieben war. Das werfe Fragen auf, was die Transparenz angehe, so die einhellige Kritik. Und das drückte den Kurs auf nie für möglich gehaltene Tiefststände.
Auf diese Ängste hat die amerikanische Regierung jetzt reagiert. Mit Hilfe eines mehrteiligen Rettungspaketes hat sie die schlimmste anzunehmende Bankenpleite vorerst abgewendet. Für 20 Milliarden Dollar übernimmt sie selbst einen Anteil an dem Institut, zudem gibt sie Garantien für bis zu 306 Milliarden Dollar riskanter Kredite und Aktien. Angesichts dessen gibt man sich bei der Citigroup erstmals bescheiden: Man schätze die gewaltigen Anstrengungen, die die Regierung zur Sicherung der Finanzmärkte unternehme, sagte Bankchef Pandit.
Der darf vorerst an der Spitze des Unternehmens bleiben, auch wenn er in Zukunft jegliche Bonuszahlung erst mal von der Regierung absegnen lassen muss. Das aber scheint ihn nicht sonderlich zu stören - denn er geht fest davon aus, die Bank zu altem Glanz führen zu können. Die Citigroup werde auf "jeden Fall wieder fit". Sobald die Restrukturierung greife, werde man die Früchte der Arbeit ernten können.
Das zeugt von großem Optimismus. Oder es ist wieder so ein Satz, den man hinterher gerne ungesagt machen würde.