Clan auf Crash-Kurs - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 40 / 108

KONZERNE Clan auf Crash-Kurs

Mit der aktuellen Krise bei Fiat droht das Finale einer hundertjährigen Firmen- und Familiensaga: Wie in einer frühkapitalistischen Seifenoper kämpfte die Agnelli-Sippe um Geld, Glamour und Macht, doch dem globalen Wettbewerb scheint das Imperium nicht mehr gewachsen.
• aus DER SPIEGEL 31/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schlohweißes Haar über dem braun gebrannten, faltenzerfurchten Gesicht. Schmale harte Lippen. Eine kräftige Nase. Grau-blaue Augen, die ihr Gegenüber fixieren wie eine Beute.

Die US-Illustrierte »Life« sah in diesen Zügen »die Physiognomie von Julius Cäsar«. »Paris Match« erkannte das klassische »Bild des Heerführers« und das US-Magazin »Time« schwärmte von einem »florentinischen Prinzen«. Kurz: Gianni Agnelli, 81, Padre-Padrone des Fiat-Clans und ungekrönter König Italiens, ist ein beeindruckender Kopf.

99 Prozent der Italiener kennen den Papst, sagen Umfragen. Aber 100 Prozent kennen das Oberhaupt der reichsten und mächtigsten Familie des Landes. Ihr gehört ein kaum überschaubares Imperium von etwa 500 Firmen und Firmenbeteiligungen, von Kaufhäusern, Versicherungen und Elektrizitätswerken bis zum Produzenten von Banknotenpapier und dem erfolgreichsten Fußballclub Italiens - Juventus Turin.

Vor allem aber herrscht die Sippe als Eigner des größten Aktienpakets über die »Fabbrica Italiana di Automobili Torino«, kurz: Fiat - das industrielle Herz Italiens. »Was Fiat nützt, nützt auch Italien«, dieser Spruch des Nachkriegs-Chefs Vittorio Valletta sitzt tief im kollektiven Bewusstsein der ganzen Nation.

Der Autokonzern mit heute weltweit rund 220 000 Beschäftigten war jahrzehnte- lang ein Hort der Stabilität in einem instabilen Land. Die Löhne waren höher, der Katalog sozialer Leistungen dicker als in anderen Betrieben. Und vor allem: Die Arbeitsplätze waren sicher. Wer im Fiat-Reich untergekommen war, konnte sorglos in die Zukunft blicken.

An der Spitze dieses Reichs thront seit Mitte der sechziger Jahre Gianni Agnelli, der heimliche Herrscher im Lande. Er erfüllte die Sehnsucht der Italiener nach Führung und füllte die Leere der operettenhaften italienischen Politik. Ob er in Jeanshose und -hemd, den braunen Krückstock an der Hand, durch den Winter von Sankt Moritz stapfte oder in seinem Schloss in braunem Tweed als englischer Landlord repräsentierte, Agnelli war Vorbild wie Trendsetter einer ganzen Nation.

Als italienische Politiker und Industrielle einst in Moskau vorsprachen, ließ Nikita Chruschtschow die römischen Volksvertreter von seinem Vize empfangen. Er selbst begrüßte lieber die von Agnelli angeführte Wirtschaftsdelegation. Denn, so seine offenherzige Begründung: »Jene wechseln, diese bleiben.«

Dass sie ewig bleiben, schien außer Frage. Nun, ganz plötzlich, scheint auch ihre Zeit gekommen. Mit einem Male dunkelt der Glanz und bröckelt die Macht.

Das stolze Fiat-Imperium ist finanziell ausgezehrt. Die Autos sind von gestern. Der Absatz schrumpft.

Fiats Marktanteil in Europa sackte seit 1990 um rund ein Drittel ab: Von 14 auf unter 9 Prozent. Nicht besser lief es zu Hause: Die Quote auf dem italienischen Heimatmarkt fiel von über 50 auf knapp 32 Prozent.

Um den freien Fall zu bremsen, wird seit Anfang Juli mit niedrigeren Preisen und zinsfreiem Ratenkauf gelockt. Die römische Regierung sprang mit ökologisch verbrämten Steuerabschlägen für Neuwagen bei. Aber die Turiner Konzernlenker glauben offenbar selbst nicht daran, den Trend auf die Schnelle stoppen zu können.

Am Montag dieser Woche legen sie ihre Halbjahresbilanz vor. Und die Zahlen werden wieder furchtbar sein. Mitte August sollen bis zu 22 000 Beschäftigte für vier Wochen in Zwangsurlaub geschickt werden. Klar ist, dass auch Jobs gestrichen werden. Unklar ist nur noch, wie viele.

Mit dem Verkauf von Anteilen am Energieunternehmen Edison und 34 Prozent von Ferrari, die gerade wieder mit Michael Schumacher Formel-1-Weltmeister geworden sind, hält der Autobauer sich liquide. Dabei verdoppelte sich der Schuldenberg binnen zehn Jahren auf nun fast 60 Milliarden Euro.

In aller Stille übernahmen die kredit-gebenden Banken die Macht im Konzern. Und damit nicht genug: In kurzer Zeit, da sind die meisten Experten sicher, wird das historische Herz der italienischen Wirtschaft nur noch eine Dependance des US-Konzerns General Motors (GM) sein.

»Fiat wird nicht verkauft«, versichert Gianni Agnelli immer wieder. Aber GM gehört seit zwei Jahren schon ein Fünftel der Autosparte. Für den Rest haben die Amerikaner eine Kaufoption. Die Agnellis, die einst 70 Prozent der Aktien kontrollierten, haben ihren Anteil am Konzern auf gut 30 Prozent reduziert. Seit Jahren fahren sie ihre Investitionen herunter und legen ihr Geld in anderen Branchen an.

Selbst die Vatikan-nahe und für Agnelli-Jubel-Storys bekannte Illustrierte »Famiglia Cristiana« ("Christliche Familie") warnt bereits, es drohe »möglicherweise das endgültige K.o.« für Agnellis Imperium.

Das Finale einer ökonomischen Epoche scheint eingeläutet: Der letzte Dinosaurier des Gründerzeit-Kapitalismus kämpft ums Überleben. Und seine Chancen sind dürftig. Überall hat sich die traditionelle Sippenwirtschaft überlebt. Die Einheit von Firma und Familie zerbricht. Die ökonomischen Bedingungen werden von globalen Kapitalströmen dominiert, die optimale Renditen suchen und nicht in Träume investieren.

Ohne einen Traum aber hätte das Fiat-Opus nie beginnen können. Beseelt von der Idee, sich mit der Produktion von Autos eine neue Existenzgrundlage zu schaffen, trafen sich am 1. Juli 1899 neun junge Männer im Turiner Schickimicki-Café Burello - unter ihnen der damals 33-jährige Sprössling eines Großgrundbesitzers, Giovanni Agnelli. Schnell übernahm er das Steuer - und nach einem rätselhaften Crash der jungen Aktie zu Spottpreisen auch die Anteile seiner Mitgründer. Seitdem sind Fiat und Agnelli zwei Seiten derselben Medaille.

Mit dem Umsatz wuchs der politische Einfluss. Fiat wurde schnell ein Staat im Staate, aber nie zum Gegenstaat: Die Agnellis arrangierten sich mit den Faschisten Mussolinis ebenso wie später mit den deutschen Besatzern und den alliierten Befreiern. Als Gründer Giovanni I. starb, hinterließ er sieben Enkel. Schon frühzeitig hatte der Patriarch den nach ihm benannten Giovanni, der sich Gianni rufen ließ, als Nachfolger auserkoren.

Im Krieg hatte dieser erst als Panzeroffizier an der russischen Front, dann in Tunesien gegen die Amerikaner gekämpft und war 1943 zu den Partisanen gewechselt. Doch dem Vermächtnis seines Großvaters zu folgen, reizte ihn nicht. Er zog schnelle Autos und blonde Frauen vor.

In der schillernden Nachkriegszeit wurde er schnell einer der Protagonisten einer neuen Lebenslust, Vertreter des Jet-Sets, als es das Wort noch gar nicht gab und die Flugzeuge noch Propeller statt Triebwerke hatten.

Mit Gunter Sachs tummelte er sich auf mondänen Partys. Mal mit Rita Hayworth, mal mit Anita Ekberg. Ein Weilchen war er mit der Churchill-Schwiegertochter Pamela zusammen.

Über Jahre lief damals das Gerücht um, Agnelli habe eine Nasenscheidewand aus Silber - als Folge eines angeblich übermäßigen Kokain-Genusses. 1952 zerlegte er auf der südfranzösischen Küstenstraße »Corniche« seinen Ferrari und zertrümmerte sich dabei das Bein. Herbeieilende Fotoreporter soll der Schwerverletzte mit Autoteilen in der Hand verjagt haben, um die Anonymität seiner unversehrten Begleiterin zu schützen. Seitdem humpelt er und stützt sich beim Gehen auf einen Stock.

»Liebe ist etwas für Lakaien«, soll er gesagt haben. Und für Sprüche wie »Frauen liebt man nicht, man erobert sie« vergötterte ihn die italienische Macho-Welt.

1953 heiratete er die Tochter eines neapolitanischen Fürsten, Marella Caracciolo di Castagneto. Der Schriftsteller Truman Capote verglich sie mit einer Preziose in der Auslage des New Yorker Nobel-Juweliers Tiffany: »Sehr, sehr teuer!«

Das Paar wurde zum Kultobjekt der Klatschpresse. Während sie zwei Kinder gebar und aufzog, kümmerte er sich um die Kennedy-Gattin Jacqueline. Heißt es.

Sicher ist, dass der lebensfrohe Konzernchef sich Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre auch zunehmend für Fiat interessierte. 1966 übernahm er den Chefsessel. Fiat war zu der Zeit - mit 1,34 Millionen produzierten Autos - die Nummer eins in Europa, die Nummer fünf in der Welt. Und wuchs prächtig weiter. 1970 wurde in der Sowjetunion das Werk Togliattigrad eröffnet. In Bulgarien, Polen, Jugoslawien und Rumänien wurden Fiat-Autos zusammengeschraubt und -geschweißt.

»Panda« und »Uno«, die in den achtziger Jahren den italienischen Markt dominierten, wurden von Regierungschefs präsentiert und von Priestern gesegnet. Der Erfolg schien gottgegeben: Fiat schluckte Lancia, Ferrari und Alfa Romeo.

Die Identität von Staat und Firma hatte freilich seinen Preis: Die Studentenunruhen im »heißen Herbst« 1969 griffen in Italien, anders als etwa in Deutschland, auch auf die Arbeitnehmer über, vor allem auf die von Fiat. Es begann ein Jahrzehnt mit Streiks, Terroranschlägen und Boykottaktionen. Wer den Staat treffen wollte, prügelte Fiat.

Die Agnellis reagierten unter der Führung des Enkels wie einst unterm Großvater: Sie arrangierten sich mit dem Zeitgeist. Der stand damals links. Also banden sie mit üppigen Sozialverträgen die Gewerkschaften ein und befriedeten so die aufmüpfige Belegschaft. Parallel verbesserten sie die Beziehungen zu den Mitte-Links-Parteien. Die Agnelli-Zeitung »La Stampa« wurde geradezu das Sprachrohr einer politischen Reformdiskussion, die 1996 zum Wahlsieg des »Ulivo«-Bündnisses von Romano Prodi führte.

Der erste Regierungsversuch des heutigen italienischen Premiers Silvio Berlusconi 1994 scheiterte nach nur sieben Monaten auch daran, dass Agnelli die konservativen Wirtschaftsbosse gegen den Medientycoon in Stellung brachte. Das politische Arrangement des Turiner Clans mit der römischen Republik zahlte sich aus.

Fiat wurde aus öffentlichen Kassen kräftig mit Geld versorgt. Von 1994 bis 2001 wurde das zum Konzern gehörende Alfa-Romeo-Werk in Arese durch Lohnzuschüsse und Sozialbeitragsrabatte um etwa 400 Millionen Euro entlastet. Insgesamt, schätzen Wirtschaftsexperten, seien Fiat in zehn Jahren fünf Milliarden Euro aus öffentlichen Quellen zugute gekommen.

Nach dem Debakel der Linksregierungen wechselte mit der Mehrheit des Landes auch Agnelli das politische Lager. Er verband sich mit dem einst verachteten Berlusconi, der als Chef einer Rechtskoalition 2001 die Parlamentswahlen gewann.

Die industrielle Welt veränderte sich. Neue Betriebe mit hoher Reaktionsgeschwindigkeit drängten auf die Märkte, Globalisierung und zusammenwachsende EU setzten neue Regeln. Überall stiegen die Stückzahlen, sanken die -kosten - nur bei Fiat nicht, jedenfalls nicht ausreichend. Die Konkurrenten schlossen sich zu großen Blöcken zusammen. Gianni Agnelli aber wollte »lieber allein als in schlechter Begleitung« sein.

Die verheerende Konsequenz der Strategie lässt sich an der Börse nachrechnen: Vor zwei Jahren wurde der Börsenwert von Fiat auf etwa zwölf Milliarden Euro taxiert. Aktuell ist der Wert des gesamten Konzerns auf knapp fünf Milliarden Euro zusammengeschmolzen.

Nicht viel besser als im Betrieb lief es zu Hause. Dem im Laufe der Jahrzehnte auf etwa 160 Mitglieder angewachsenen Familien-Clan kam mehr und mehr die Orientierung abhanden: Die einen wollten investieren, die anderen konsumieren. Der legendäre Alte, Gianni, setzte weiter aufs Auto, sein jüngerer Bruder, Umberto, schwor auf andere Branchen.

Der Clan geht auf Crash-Kurs, denn auch die interne Kommandostruktur funktioniert nicht mehr reibungslos. Giannis einziger Sohn Edoardo, 1954 geboren, fiel früh aus der Reihe. Er studierte Philosophie statt Wirtschaftslehre, engagierte sich in Anti-Atomkraftbewegungen und neigte antikapitalistischen Thesen zu. In Kenia mit einer üppigen Menge Rauschgift erwischt, brauchte es die ganze Macht des Vaters, ihn dort aus dem Knast zu holen.

So kürte Gianni den Sohn seines Bruders Umberto, Giovanni Alberto, 1997 zum Kronprinzen des Clans. Wenige Monate später starb der, 33-jährig, an Krebs.

Der Sohn von Giannis Tochter Margherita wurde zum letzten Hoffnungsträger der Familie. Der aber sei zu jung, zu zart, man riskiere, »ihn zu verheizen«, warnte Onkel Edoardo. Doch schneller noch erlag er selbst dem Druck der familiären Betonstrukturen: Im November 2000 stürzte Edoardo sich von einer Autobahnbrücke in den Tod.

Versteinert nahm der Patriarch die Schicksalsschläge hin. So wie seine fünf schweren Unfälle, zwei Herzoperationen und ein Krebsleiden.

Man brauche ihn »nicht mehr, um Italien zu regieren«, höhnt Ex-Staatspräsident Francesco Cossiga. »Die Fiat-Macht zerfällt.«

Und er rät Regierungschef Berlusconi, der zurzeit über weitere Staatshilfen für den angeschlagenen Autobauer sinniert: »Keine Angst vor Agnelli.«

Die Angst vor dem alten »Avvocato« ist offenbar selbst im Zentrum des Reiches schon geschwunden: Als am 10. Juni, auf der jüngsten Aufsichtsratssitzung des angeschlagenen Konzerns, Vorstandschef Paolo Cantarella seinen Rücktritt erklärte, um das Signal für einen Neuanfang und einen Richtungswechsel zu geben, fehlte der angestammte Wortführer.

Seine Gegenspieler im Familienverband, allen voran Bruder Umberto sollen Cantarella zuvor zum Abgang gedrängt haben. Gianni konnte in der Zeit nicht kämpfen. Er lag in einem New Yorker Krankenhaus. Erst wenige Tage vor der Sitzung kam er heim nach Turin - aber da wollte oder konnte er nicht mehr eingreifen.

Die Familie wurde von Enkel John - blass, schmächtig, mit ängstlichen braunen Augen - in der Krisenrunde vertreten. Kein Cäsar. Kein Heerführer. Der Kronprinz soll auf der Sitzung kein einziges Wort gesagt haben. HANS-JÜRGEN SCHLAMP

Zur Ausgabe
Artikel 40 / 108

Mehr lesen über