Comeback der Dinos - DER SPIEGEL
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FERNSEHEN Comeback der Dinos

Die öffentlich-rechtlichen Sender sind so stark wie seit langem nicht mehr - und das Privatfernsehen steckt in seiner größten Krise. Milliardeninvestitionen sind in Gefahr. Schon fordern die TV-Manager politische Hilfen gegen die finanzstarken Gebührensender.
• aus DER SPIEGEL 26/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die schönste Zeit des Tages ist für Günter Struve derzeit morgens um elf. Dann inspiziert der Programmdirektor der ARD in seinem schmucklosen Büro die Einschaltquoten des Vortages.

Die zeigen schon seit geraumer Zeit nach oben, und die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft brachten noch einmal einen gewaltigen Schub.

Schon einfache Gruppenspiele von Teams wie Kamerun bescherten dem Ersten Programm höhere Zuschauerwerte als der beliebte »Tatort«. Und am Montag vergangener Woche, als die deutsche Auswahl erstmals antrat, schauten im Durchschnitt über 24 Millionen zu - stolze 70 Prozent Marktanteil. Selbst die ARD-Planer wurden vom Ballboom überrascht.

»Wir haben ein Drama inszeniert wie einst RTL mit Boxstar Maske«, lobt Fußballfan Struve die WM-Offensive seines Teams, »so finden auch weniger bedeutende Spiele Zuschauer.«

Es ist fast wie zu Zeiten des öffentlichrechtlichen Monopols. Die Nation schaut auf den Bildschirm, um sich die Welt von ARD und ZDF zeigen zu lassen: Die Show der Weltkicker, von Struve & Co. zum 200-Stunden-Mehrteiler aufgepeppt, verstärkte die Renaissance der beiden Sender, die schon seit Monaten zu beobachten ist.

Und spiegelbildlich schlittert das erfolgsverwöhnte Privatfernsehen immer weiter in die Krise. 14 Jahre lang überraschten die werbefinanzierten TV-Stationen mit immer neuen Formaten - von Reality-TV über »Tutti Frutti« bis zur Seifenoper, aber auch mit - teilweise durchaus anspruchsvollen - Talkshows, Magazinen und TV-Movies.

Das Feuerwerk der neuen Konkurrenten drängte die behäbigen Anstalten des öffentlichen Rechts in die Defensive. Ihr bürokratischer Apparat schien zur Gegenwehr nicht fähig.

Doch der Schwung der privaten Gründerjahre ist dahin. Erstmals seit fünf Jahren nimmt die ARD dem Aufsteiger RTL in einem Halbjahr die Marktführerschaft weg. Bis Ende Juni liegt das Erste mit rund 15,5 Prozent Marktanteil leicht vor den Kölnern.

So könnte es über das ganze Jahr hinweg bleiben: Die ARD hat noch die Tour de France mit dem Radhelden Jan Ullrich im Angebot. Und sie profitiert, wie das ZDF, von den Wahlen im Herbst: Wenn es um Nachrichten und Informationen geht, drücken die Deutschen bevorzugt die Tasten der Öffentlich-Rechtlichen. Katastrophen wie das Bahnunglück in Eschede bringen ihnen hohe Quoten.

Ein erstaunliches Comeback: Jahrelang zeigten bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehmanagern die Kurven steil nach unten, ihr Marktanteil sackte auf 40 Prozent. Jetzt ist er wieder auf über 43 Prozent gestiegen.

Auch für Stars der Privaten sind die TV-Dinos wieder attraktiv geworden. So wechselten die Moderatoren Reinhold Beckmann und Johannes B. Kerner vom Privatsender Sat 1 zu ARD und ZDF. Da dürfen sie, gegen Millionenzahlungen, selbst produzieren.

Eine »neue Munterkeit der Öffentlich-Rechtlichen« hat Manager Struve beobachtet, »das Loser-Image sind wir los«. Gleichzeitig macht er »spürbare Abschmelzungen bei den Privaten« aus: Dort sei inzwischen »mehr Demut eingekehrt«, findet Struve. Sat 1 beispielsweise fliege einen »gröberen Kurs mit vielen Luftlöchern«; Pro Sieben komme nicht weiter, »wenn die sich nicht mal an ein Live-Ereignis heranrobben«; und auch bei RTL sei »die Zeit der kessen Sprüche seit einiger Zeit schon vorbei«.

»Wir hatten eine Identitätskrise, aus der wir gut herausgekommen sind«, bilanziert WDR-Intendant Fritz Pleitgen. Und ZDF-Intendant Dieter Stolte, ganz Diplomat, attestiert den Öffentlich-Rechtlichen, sie seien im »Überlebenskampf in keiner schlechten Verfassung«. Auch die Privaten müßten »erkennen, daß ihre Bäume nicht in den Himmel wachsen«.

Selbst scheinbar sichere Garanten für TV-Erfolg haben in letzter Zeit bei den Kommerzsendern versagt. Bei RTL floppte Margarethe Schreinemakers, bei Sat 1 starb die Krankenhaus-Soap »Geliebte Schwestern«, und bei Pro Sieben mußte die populäre Talkmasterin Ulla Kock am Brink nach nur acht Wochen ihre tägliche Show aufgeben.

Es fehle an zündenden Ideen, beklagt Mediamanager Uwe Becker vom Eiskremkonzern Langnese-Iglo, einem der großen Werbetreibenden: »So langsam sind alle Spielfilme x-mal abgenudelt, auch die alten US-Serien sind verbraucht.«

Die Signale vom Markt haben bei den privaten Sendern und ihren Gesellschaftern helle Aufregung ausgelöst. Jede Minute mehr, die ARD und ZDF eingeschaltet werden, geht ins Geld. Denn der Zuschauermarkt wächst insgesamt nicht mehr: Der Fernsehkonsum stagniert bei täglich rund drei Stunden.

Wenn das so weitergeht, sind erhebliche Investitionen in Gefahr. Einst glaubten Verleger, Filmhändler und ausländische Medienmultis, das deutsche Privatfernsehen sei eine Goldgrube - nun stehen einige vor einem Geldgrab.

Sat 1 beispielsweise sollte nach den früheren Ankündigungen des ehrgeizigen Programmchefs Fred Kogel in diesem Jahr die Fernsehspitze erreichen und RTL als Marktführer ablösen. Davon kann keine Rede sein - vielmehr fällt an einzelnen Tagen der Marktanteil unter zehn Prozent.

Anlaufverlusten von insgesamt rund 7,5 Milliarden Mark stehen nach einer Analyse der Kölner Medienberatungsfirma HMR Gewinne von lediglich 1,15 Milliarden Mark gegenüber, die gerade mal drei Sender - RTL, Pro Sieben und Viva - erwirtschafteten. »Das Privatfernsehen hat der Gesellschaft viele Jobs gebracht und den Sendern rote Zahlen«, kommentiert Produzent Gerd Berger, Ex-Chefredakteur von Pro Sieben und früher beim WDR Erfinder des Magazins »Zak«.

Erste Pleiten haben die Branche aufgeschreckt. Der Wetterkanal und der Kindersender Nickelodeon hörten in diesem Jahr auf. Es fand sich kein Investor, der einsteigen wollte.

Weitere Eruptionen zeichnen sich ab. Die Branche steht vor einer Neuordnung, Gerüchte über Zusammenbrüche und Zusammenschlüsse machen die Runde.

Kann sich der vor knapp drei Jahren als Frauensender gestartete Unterhaltungskanal TM 3 halten? Oder steigt der internationale Medienunternehmer Rupert Murdoch ein? Oder gelingt es Murdoch doch noch, die Mehrheit bei Vox zu ergattern? Welcher Mitgesellschafter übernimmt Super RTL: Bertelsmann oder Disney? Und geht Sat 1 schon bald in der Fernsehgruppe von Pro Sieben auf, wie es Planspiele im Haus der Deutschen Bank vorsehen?

Auch der Plan der großen deutschen Fernsehunternehmen Bertelsmann und Kirch, mit Milliardeninvestitionen das private Pay-TV auszubauen, ist zum Scheitern verurteilt, wenn ARD und ZDF so stark bleiben. Die anvisierten Kunden bezahlen bereits - für immer mehr Programme - den Öffentlich-Rechtlichen jeweils monatlich einen Mußbetrag von 28,25 Mark. Da wollen sie nicht auch noch private Gebühren zahlen.

Wie in der Gründerzeit des privaten Fernsehens flammt deshalb die Grundsatzdebatte über das Public-TV wieder auf, die mit dem Erfolg der privaten Konkurrenten beendet schien. Nun werden die alten Fragen neu gestellt: Was dürfen die Öffentlich-Rechtlichen? Brauchen sie wirklich zwölf Milliarden Mark Rundfunkgebühren? Sollen ARD und ZDF Kanäle einstellen oder zusammenlegen? Und: Müssen sie im Vorabendprogramm überhaupt noch werben?

Die Bertelsmann-Stiftung, Hauptaktionär von Bertelsmann, fordert in einem Thesenpapier, die Öffentlich-Rechtlichen sollten »auf eine Public-Service-Mission verpflichtet werden, Werbefinanzierung meiden« sowie sich nicht mehr nur an der Zuschauerquote orientieren. Ein neuer Funktionsauftrag, so die Stiftung, solle den alten Begriff der Grundversorgung ablösen, den das Bundesverfassungsgericht ARD und ZDF zugestanden hat. Danach haben diese Sender eine Bestands- und Entwicklungsgarantie, weil sie Meinungsvielfalt garantierten und die Bürger mit vielen Programmen zur Information und Bildung versorgen würden.

In einem Sechs-Länder-Vergleich stellte die Unternehmensberatung Booz-Allen & Hamilton für die Bertelsmänner fest, daß in Deutschland am meisten Geld fürs öffentliche TV ausgegeben wird. Danach wird das heimische Fernsehsystem zu 40 Prozent öffentlich finanziert - ein Spitzenwert im Vergleich zu Großbritannien (26 Prozent), Frankreich (19 Prozent), Australien (13 Prozent), Neuseeland (9 Prozent) und USA (2 Prozent).

Über ihren Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation machen die Sender politischen Druck. Der Wettbewerb sei durch die Gebührenmilliarden für ARD und ZDF verzerrt, wettert Verbandschef Jürgen Doetz, es gebe eine ruinöse Konkurrenz. Die Öffentlich-Rechtlichen hätten ein gebührenfinanziertes Sendersterben zu verantworten.

Der Vorwurf: Mit immer mehr neuen Programmen - etwa Kinderkanal, Phoenix und dem bayerischen Bildungssender Alpha - verstopften ARD und ZDF die Kanäle. Von 34 Plätzen im Kabelnetz seien 16 durch die nicht-private Konkurrenz blockiert. 17 Millionen Haushalte werden so versorgt.

Ins Zentrum der Debatte rücken die Dritten Programme, eigentlich ein regionales Angebot der einzelnen ARD-Sender. Inzwischen aber sind sie, über Kabel und Satellit verbreitet, fast überall in der Republik zu sehen - als »regionale Vollprogramme« (NDR-Chef Jobst Plog), mit attraktiven Spielfilmen und Sportangeboten. Zusammengerechnet lassen alle Dritten immer häufiger Sat 1 und Pro Sieben hinter sich.

Längst sind ARD und ZDF zu einem Flechtwerk geworden, in dem sich Programme hin und her manövrieren lassen. Das Erste und das Zweite bringen Klassiker wie Nachrichten, Dokumentationen sowie Quotenträchtiges wie die Talkshow mit Pfarrer Fliege, die man »natürlich auch als Kirchenfunk bezeichnen könne«, wie RTL-Chef Helmut Thoma höhnt.

Spezialangebote wie Kindersendungen und Kulturmagazine dagegen laufen zusehends in eigenen Spartenkanälen. Privatrechtlich organisierte Tochterkonzerne wie Bavaria, ZDF Enterprises oder Studio Hamburg ergänzen das öffentlich-rechtliche Angebot. Sie produzieren eifrig für Private und sogar Business-TV für Konzerne oder planen solche Investitionen.

So könne es nicht weitergehen, meint Verbandsfürst Doetz. Er fordert mehr Erleichterungen für die Privaten, etwa bei der Werbung, und eine gesetzliche Begrenzung von ARD und ZDF. In das digitale Fernsehen und in die Online-Branche dürften sie keinesfalls mit neuen Angeboten expandieren. Diesen Markt könnten Private allein bestreiten.

Vor allem die medienpolitisch führenden Bundesländer, das CSU-kontrollierte Bayern und das SPD-regierte Nordrhein-Westfalen, haben sich der Sorgen der Privatsender angenommen. Nun soll noch mal grundsätzlich über die deutsche Fernsehordnung nachgedacht werden.

Die anstehende Überarbeitung des Rundfunkstaatsvertrags, in dem die TV-Gesetze festgelegt sind, wurde bis Jahresende verschoben. Denn nach den Wahlen im Herbst, so die Spekulation, haben sich die medienpolitischen Gewichte verschoben.

Dann beginnt das Gezerre um das Fernsehen erneut. Anders als Nordrhein-Westfalen wollen SPD-Länder wie Hessen und Schleswig-Holstein ARD und ZDF als Bollwerk gegen die Medienkonzentration bei Bertelsmann und Kirch stark machen. Union und FDP sind gegen eine starke Ausdehnung der Gebührensender.

Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, ein Freund des Hauses Bertelsmann, warnt bereits: »Die Lage der Öffentlich-Rechtlichen ist kein natürlicher Zustand.«

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Fernsehsender: Markanteile und Programmstruktur und Netto-

Werbeumsätze

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Fernsehsender: Markanteile und Programmstruktur und Netto-

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