Comeback der Zocker - DER SPIEGEL
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ROHSTOFFE Comeback der Zocker

Innerhalb von vier Monaten hat sich der Ölpreis verdoppelt, vor allem Spekulanten sind dafür verantwortlich. Die neue US-Regierung will ihnen das Handwerk legen.
• aus DER SPIEGEL 25/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist die letzte große Party. Einmal noch dürfen Spekulanten den Ölpreis nach oben treiben, einmal noch ungebremst Milliardenwetten plazieren. Und dann ist Schluss. So lautet der Plan von Gary Gensler, Amerikas neuem Chefaufseher für die Rohstoffmärkte.

»Ich will alles tun, um das amerikanische Volk vor exzessiver Spekulation zu schützen«, sagt Gensler. Seit drei Wochen leitet er die zuständige Kontrollbehörde CFTC - ein kleines Amt, mit dem er nun umgehend mächtige Hedgefonds und Pensionskassen attackieren will. »Indexfonds und andere Finanzinvestoren haben voriges Jahr zur Inflation der Rohstoffpreise beigetragen«, stellt Gensler fest. Und keiner hat sie gestoppt. »Ein Versagen der Finanzaufsicht darf es nie wieder geben.«

Eine Kampfansage zur rechten Zeit. Seit Wochen klettern die Ölkurse so steil nach oben, als erlebte die Welt nicht eine Rezession, sondern ein blühendes Wirtschaftswunder. In nur vier Monaten verdoppelte sich der Preis pro Barrel auf über 70 Dollar, an den US-Rohstoffbörsen hat sich die Zahl der Kaufkontrakte seit Jahresanfang verdreifacht - so viel haben Spekulanten seit einem Jahr nicht mehr investiert. »Der Mai war einer der besten Rohstoffmonate der letzten Jahrzehnte«, frohlocken die Vermögensverwalter von Tiberius Asset Management.

Längst ist bei vielen Händlern die Euphorie des vergangenen Sommers zurückgekehrt, als das Wort eines Ölscheichs oder ein Unwetter im Golf von Mexiko genügte, die Kurse zu bewegen. Damals nahm der Markt nur noch preistreibende Nachrichten wahr, die Notierung schoss auf 146 Dollar pro Barrel. Dann aber ließ die Aussicht auf eine globale Rezession den Preis in kürzester Zeit abstürzen, bis auf 35 Dollar im Dezember 2008.

Für den aktuellen Übermut der Anleger gibt es durchaus einige gute Gründe: Weil die weltweiten Konjunkturaussichten nicht mehr ganz so trübe erscheinen, werden die Rohstofflager wieder aufgefüllt; hier gebe es Nachholbedarf, erklärt der US-Energieexperte Daniel Yergin. Außerdem steigt der Benzinbedarf in der Reisezeit. Gleichzeitig drosselt die Ölindustrie ihre Investitionen in neue Felder und damit das Angebot. Die Zahl der Förderanlagen, die weltweit im Einsatz sind, ist gegenüber dem Vorjahr um rund ein Drittel gefallen.

Doch solche Marktmechanismen können den aktuellen Preissprung höchstens ansatzweise erklären. Hier sind andere Kräfte am Werk: Hedgefonds und Banken, die gewaltige Summen einsammeln und nach renditestarken Anlagen suchen; Pensionsfonds, die Geld für die Altersvorsorge verwalten; und dazu Millionen Kleinsparer. Alle wetten mit, gemeinsam schaukeln sie die Ölpreise nach oben.

Spekulanten hätten zu dieser Rallye »wesentlich beigetragen«, sagt die DekaBank-Rohstoffexpertin Dora Borbély. Mit dem Gesetz von Angebot und Nachfrage, so der US-Experte Yergin, habe das, was hier geschehe, nichts zu tun.

Die entscheidenden Spieler sitzen in New York und London - und auch am Genfer See. Handelshäuser wie Mercuria, Vitol oder Addax wickeln dort ein Drittel des globalen Rohölgeschäfts ab. Inzwischen spekulieren sie mit mehr Öl, als in physischer Form vorhanden ist. Auf dem Papier wechseln pro Tag drei Milliarden Barrel den Besitzer, warnte die Opec schon vor zwei Jahren - in der Realwirtschaft der Ölindustrie aber würden physisch nur 67 Millionen Barrel gehandelt. Der Rest ist Spekulation.

Die Folgen sind für die Autofahrer und die Wirtschaft gleichwohl real zu spüren: für Chemiefirmen wie BASF oder Bayer, die auf Erdöl als Basisstoff angewiesen sind. Oder für Fluggesellschaften, die ohnehin unter der globalen Rezession leiden; seit März ist der Preis für Flugbenzin um rund zwei Drittel gestiegen. Daran hätten Spekulanten enormen Anteil, empört sich Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber und fordert striktere Kontrollen.

Selbst den Ölexporteuren sind die aberwitzigen Preisausschläge unangenehm, sie erschweren ihnen eine langfristige Kalkulation. Die aber ist unabdingbar in ihrem Geschäft, in dem sich die Erschließung einer neuen Ölquelle über fast ein Jahrzehnt erstrecken kann.

Alexej Miller, Chef des russischen Öl- und Gasriesen Gasprom, betrachtet die Spekulanten als hauptverantwortlich für das Auf und Ab an den Märkten - und die Ölindustrie als ihre Gefangenen. Ähnlich kritisch sehen die Mitgliedstaaten der Opec die Rolle der Finanzinvestoren. Immer wieder hat der libysche Opec-Generalsekretär Abdullah al-Badri die US-Marktaufsicht aufgefordert, exzessive Spekulation am Markt einzuschränken.

Darunter versteht er beispielsweise Wash-Trades: rein fiktive Transaktionen, bei denen Händler in Terminkontrakten gleichzeitig Käufe und Verkäufe vornehmen. Dadurch hebt sich die Wirkung auf, nach außen hin aber wird der Anschein geweckt, dass gehandelt wird. So wird der Markt manipuliert, Wash-Trades sind illegal. Ein solches Geschäft aufzudecken ist freilich kaum möglich, da niemand weiß, wer hinter den Kontrakten steht.

Eine andere, legale Form der Spekulation: das Parken von Rohöl in Supertankern. Rund 85 Millionen Barrel, das entspricht etwa dem Weltverbrauch eines Tages, vagabundieren derzeit in solchen schwimmenden Lagern. Die Fracht, so das Kalkül der Händler, soll später zu höheren Preisen verkauft werden.

Jahrelang hatte die Regierung von George W. Bush die Spekulanten gewähren lassen. Während das Handelsvolumen explodierte und Finanzinvestoren weltweit rund um die Uhr mit komplizierten Computerprogrammen auf Ölkontrakte spekulierten, mussten die Beamten der Aufsichtsbehörde CFTC mit völlig veralteten Instrumenten hantieren. Der Personalbestand schrumpfte auf das Niveau von 1975.

All das will der neue Amtschef Gary Gensler nun ändern. So sollen mehr Mitarbeiter und zeitgemäße Hightech-Systeme die Behörde endlich handlungsfähig machen - allein dafür bekommt sein Amt rund 146 Millionen Dollar. Außerdem fordert Gensler neue Transparenzregeln, um das wilde Treiben auf den Rohstoffmärkten besser zu durchleuchten. Vor allem aber soll es neue Obergrenzen ("position limits") für die Wetteinsätze der Anleger geben, um allzu extreme Preistreibereien zu verhindern.

Schließlich gehe es darum, so Gensler, »das erschütterte Vertrauen in unsere Finanzmärkte zu reparieren«.

Gasprom-Chef Miller genügt das nicht. Er würde es am liebsten sehen, wenn die Akteure langfristige Ölkontrakte abschlössen, um die Preisentwicklung verlässlicher zu gestalten. Und Öl sollte nicht nur in Dollar, sondern auch in anderen Währungen gehandelt werden, fordert der Russe.

So weit wird der US-Kontrolleur Gensler sicher nicht gehen. Es ist ohnehin fraglich, wie ernst der Mann mit der Halbglatze und dem bleichen Gesicht es mit seinen starken Worten meint.

Als Unterstaatssekretär im Finanzministerium der Clinton-Regierung hatte er vor zehn Jahren nämlich eine völlig andere Haltung vertreten. Damals setzte er sich noch energisch gegen eine schärfere Marktaufsicht ein.

FRANK HORNIG, ALEXANDER JUNG

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