Comic-Verlag Marvel: Das größte Wagnis der Superhelden - DER SPIEGEL
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Comic-Verlag Marvel Das größte Wagnis der Superhelden

Der Comic-Verlag Marvel wagt sich nach Hollywood: Statt den Filmstudios wie bisher die Lizenzen für seine Superhelden zu überlassen, will er künftig selbst Action-Blockbuster produzieren - und kräftig abkassieren. Doch Wall-Street-Experten warnen vor dem Risiko des Kino-Abenteuers.
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New York - Eine Fledermaus rettet Hollywood. Zumindest die Bilanzbücher von Warner Brothers: Mehr als 71 Millionen Dollar hat das düstere Action-Spektakel "Batman Begins" in den paar Tagen seit seiner Premiere in den USA schon eingespielt - trotz aller Verrisse. Wieder mal bestätigt sich das Mantra der amerikanischen Unterhaltungsindustrie: Was kümmert einen die Kritik, wenn die Kasse stimmt.

Denn solche dummen, doch sündteuren Popcorn-Streifen wie "Batman Begins" (Produktionskosten: 150 Millionen Dollar) sind in Wahrheit natürlich bitterernste Unterfangen, die auch an der Wall Street mit Spannung verfolgt werden, möge der Plot noch so dünn sein: Sie bestimmen das Schicksal des Medienkonzerns, zu dem das Filmstudio gehört, in diesem Fall also Time Warner - und damit das Schicksal zahlloser Aktionäre.

Batman, Spider-Man oder die X-Men sind die derzeitigen Superhelden der US-Unterhaltungsindustrie: Ihre Comic-Strips gebären Filme, ihre Filme gebären endloses Merchandising, und das wiederum bietet den Nährboden für die nächste Welle ("Spider-Man 2", "X2") - ein Milliardengeschäft für die Konglomerate, meist jedenfalls, von gelegentlichen Flops mal abgesehen.

Der Rächer mit dem Sternenbanner

Die Erfinder jener Comics waren von diesem Geschäft bisher weitgehend ausgeschlossen. Marvel Entertainment zum Beispiel, die Kinderstube von Spider-Man, hat alle Filmrechte an dem scheuen Spinnenhelden an Sony Pictures abgetreten. An dem enormen Kinoerfolg des zweiten Spider-Man-Streifens, der weltweit fast 800 Millionen Dollar einspielte, verdiente Marvel so nur fünf Prozent, und von den DVD-Umsätzen dürfte es nur ein Prozent sehen.

Doch das soll sich nun ändern. Diesen Sommer wagt sich Marvel - zu dessen Kultgestalten neben Spider-Man auch der Incredible Hulk gehört - als erstes unabhängiges Comic-Unternehmen selbst nach Hollywood, um die Früchte jahrzehntelanger Zeichenarbeit zu ernten: Es will seine eigenen Blockbuster produzieren. An Material mangelt es sich nicht: Im Marvel-Archiv warten rund 5000 Phantasiefiguren, von einer neuen Generation Kids als Leinwandstars entdeckt zu werden.

Es ist das bisher größte Abenteuer der Superhelden: In einem Acht-Jahres-Vertriebspakt mit Paramount Pictures hat sich der legendäre New Yorker Comic-Verlag verpflichtet, zunächst bis zu zehn komplette Filme auszuliefern, jeder zwischen 45 und 180 Millionen Dollar teuer. "Wir wollen unser eigenes Portfolio aufbauen", sagt Avi Arad, CEO der neuen Marvel Studios, der selbst seit Jahren als Co-Produzent der Lizenzfilme Millionen abkassiert - nicht schlecht für einen ehemaligen israelischen Soldaten, der sein Englisch einst aus Comic-Heften lernte. Arads erstes Marvel-Kinoprojekt liegt denn auch ganz im patriotischen Zeitgeist: Captain America, der Rächer mit dem US-Sternenbanner.

Russisches Roulette

Die Wall Street - an der Marvel bis heute mit den Spätfolgen seines Konkurses von 1996 kämpft - begrüßt das Unterfangen freilich mit gemischten Gefühlen. "Das erhöht das Risiko", sagte Harold Vogel, ein auf Hollywood spezialisierter Börsenanalyst, dem Magazin "Fortune" und warnte die Marvel-Aktionäre vor den Tücken dieser Unternehmung: "Filme zu produzieren ist etwas ganz anderes, als Comics zu produzieren."

In der Tat ist jeder neue Film selbst für die großen, finanzstarken Studios immer wieder auch eine Art russisches Roulette: Drehbuch, Besetzung, Regie, Finanzierung, Marketing, Kritiker, Publikumsgeschmack - viele unbekannte Größen machen dieses Geschäft auch für Experten zu einem bangen Seiltanz.

So hatte Marvels bisheriges Business-Modell denn auch seine Vorteile: Durch die Abtretung der Rechte an die Studios entledigte sich der Verlag auch des allergrößten Risikos - dem Fall eines Flops. Jüngste Kino-Nieten wie "Blade: Trinity", "Elektra" oder "Man-Thing" - bei dem die Hälfte eines Testpublikums vor dem Ende aus dem Kino floh - belasteten die Studios, gingen an Marvel aber relativ schadlos vorbei.

Der Sprung vom Skyscraper

Risiken konnte sich Marvel bisher sowieso nicht leisten. Der 1939 gegründete Kult-Verlag war 1989 vom Milliardär und Investor Ron Perelman aufgekauft worden. Der brachte Marvel unter anderem durch eine Reihe unkluger Übernahmen derart in die Miesen, dass es 1996 Konkurs musste.

Der neue Boss Peter Cuneo schaffte es nur mühsam, das Haus wieder zu richten, und zwar vor allem durch besagte Lizenzverträge mit Filmstudios, Fernsehsendern und Spielzeugkonzernen. So kam voriges Jahr fast die Hälfte des Umsatzes (513,4 Millionen Dollar) aus Lizenzen. Trotzdem blieb die Nachfrage nach der Aktie relativ bescheiden. Ihr Wert pendelt seit eineinhalb Jahren lustlos zwischen 12 und 23 Dollar. Immerhin aber ist die Grundlage stabil genug, um wieder nach vorn zu schauen. Es war Zeit für den Sprung ins kalte Wasser - oder, wie Spider-Man es sagen würde, den Sprung vom Skyscraper.

Und so heuerte Marvel voriges Jahr einen Finanz- und Entertainment-Spezialisten als Vize seiner neu eingerichteten Studio-Abteilung an: David Maisel, der sich bei Disney und der berüchtigten Hollywood-Agentur CAA einen Namen gemacht hatte. Und Maisel fand gleich, dass Marvel selbst ins Filmgeschäft einsteigen müsse - schließlich hatten die bisher von Marvel lizenzierten elf großen Kinofilme im Schnitt je 300 Millionen Dollar eingespielt.

Lust der Zuschauer anheizen

Finanziert wird der Milliardenpoker der Superhelden mit einem Superkredit. Wall-Street-Gigant Merrill Lynch will Marvel 525 Millionen Dollar bereitstellen. Als Sicherheit dafür hinterlegt der Verlag seine Urheberrechte und künftigen Filmeinnahmen von zehn Top-Marvel-Helden, darunter Captain America. Nach Ansicht einer Experten aber gibt Marvel damit sein wichtigstes Kapital preis. Floppen die Filme, ist auch die Geschäftsgrundlage für die Zukunft dahin. Auch ein anderer Aspekt gibt ihnen zu denken: Die Zinsvereinbarungen sind bisher noch keineswegs geklärt. Und im Kleingedruckten heißt es nur lakonisch: "Es besteht keine Garantie, dass die Finanzierung abgeschlossen wird."

Abwarten also. Anfang Juli gibt es eine erste Nagelprobe: Da kommen die Fantastic Four ins Kino, das populärste Heroen-Quartett aus dem Hause Marvel und zugleich die langlebigste Comic-Serie der Welt. Noch von 20th Century Fox nach dem alten Lizenz-Abkommen produziert, soll Marvels "First Family of Superheroes" - vier durch kosmische Strahlung mutierte Astronauten - nicht nur den bösen Doctor Doom bekämpfen, sondern auch die Lust der Zuschauer und der Börsianer auf künftige Marvel-Filme schon mal neu anheizen.

Fox erhofft sich davon mindestens 100 Millionen Dollar Gewinn und plant schon jetzt einen Folgefilm. Rund 100 Firmen haben bereits Merchandising-Ware parat. Der Werbeslogan des Action-Films könnte auch das Motto für den nächsten Lebensabschnitt von Marvel sein: "Prepare for the fantastic."