Controller auf jedem Baum - DER SPIEGEL
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FERNSEHEN Controller auf jedem Baum

Wirbel um Helmut Thoma: Der erfolgreiche RTL-Chef liegt im Clinch mit Eigentümer Bertelsmann. Selbst sein Abgang ist nicht mehr ausgeschlossen.
Von Georg Jakobs
• aus DER SPIEGEL 37/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die rund hundert geladenen Dinner-Gäste im Saal des Berliner Nobelhotels Esplanade horchten auf: Geräuschvoll hatte sich Helmut Thoma, Chef des größten deutschen Privatsenders RTL, erhoben - noch vor dem Dessert.

Die Rede des gastgebenden Bertelsmann-Managers Rolf Schmidt-Holtz war gerade beendet, da stapfte Thoma, 58, nebst Gattin Danièle und Sohn Harald zum Ausgang. »Ich gehe jetzt schon«, sagte er dem verdutzten Schmidt-Holtz, 49.

In seiner Ansprache hatte der Manager das werbefinanzierte Privatfernsehen, die Domäne von RTL, knapp bedacht. Ansonsten redete der Chef der RTL-Muttergesellschaft CLT-Ufa unentwegt über das digitale Fernsehen, derzeit einer der großen Verlustbringer im Konzern.

Und er übte sich in Ironie, entwarf ein bizarres Zukunftsszenario: Thoma werde in zwei Jahren wohl zusammen mit Software-König Bill Gates eine Stiftung gegen »elektronischen Rinderwahnsinn« gründen. Mit dem Bonmot vom neuen Rinderwahn wettert Thoma seit Monaten gegen die Bertelsmann-Pläne beim Digital-TV.

Mit dem Eklat vom vergangenen Montag ist das Verhältnis RTL/Bertelsmann für alle sichtbar da angelangt, wo es seit längerem hinsteuert - auf dem Nullpunkt. Die Chemie zwischen dem unkonventionellen Fernsehchef Thoma und den renditeorientierten Managern des Gütersloher Konzerns stimmt nicht. Mißverständnisse und Mißtrauen beherrschen das Klima.

Thoma kümmere sich zuwenig um die Kosten und regiere im Stil eines Fürsten, klagen die Bertelsmänner intern. Und bei der Digital-Offensive des Konzerns, der sich jüngst mit dem Kontrahenten Leo Kirch im Pay-TV einigte, verhalte er sich illoyal.

Der so Gescholtene ist auch nicht zimperlich. Die Bertelsmänner kämen beim Aufbau einer geplanten Senderfamilie rund um RTL nicht voran, kritisiert er. Sie kümmerten sich zuviel ums Pay-TV und zuwenig um ihr rentables TV-Stammgeschäft. Und: RTL hätte wie Pro Sieben dieses Jahr an die Börse gebracht werden können.

Doch in Gütersloh herrsche eine Mentalität des Absicherns: »Da sitzt ja«, spottete Thoma einmal vor Vertrauten, »auf jedem Baum ein Controller.«

In vielen Interviews stichelte Thoma gegen seine Eigentümer. Im Programmblatt TV MEDIA geißelte der Wiener die »Bertelsmann-Controllitis« und offenbarte, »im Schallplattengeschäft wären sie bei Bertelsmann heilfroh, wenn sie meine Rendite hätten«. Der Münchner ABENDZEITUNG erklärte er: »Die Millionen stecken Leute ein, die eigentlich null mit dem Erfolg des Senders zu tun haben. Schon seltsam.«

Anfang der Achtziger hatte Thoma RTL in Luxemburg als eine Art Garagen-TV gestartet. Bertelsmann kam als Gesellschafter, neben der CLT, erst später hinzu.

Thoma lockte mit Formaten wie der Strip-Sendung »Tutti frutti«. Er führte Reality-TV, Infotainment und die Late Night Show ein - immer die Quote im Blick.

In Gütersloh freilich kam das Boulevardfernsehen nicht gut an - die Bertelsmänner wollten Kultur. So regte der damalige TV-Vorstand Manfred Lahnstein (1985 bis 1994) an, am Samstagabend populäre Klassikkonzerte zu senden. Er schlug sogar vor, Thoma abzulösen. Doch der Attackierte konnte sich auf die CLT und die WAZ-Gruppe verlassen, Bertelsmann fehlte die Mehrheit im Eignerkreis.

Inzwischen kontrolliert der Konzern den Sender, denn die Tochterfirma Ufa hat im Frühjahr 1996 mit der luxemburgischen CLT fusioniert. Formal sitzt Thoma seitdem in der dritten Managementreihe bei Bertelsmann. Ihm vorgesetzt sind Lahnstein-Nachfolger Michael Dornemann und der CLT-Ufa-Chef Schmidt-Holtz, einst Chefredakteur des WDR und des STERN.

In den Riesenbetrieb will sich Thoma, der zuvor jahrelang mit wechselnden Gesellschaftern koaliert hatte, nicht so einfach einordnen. Er sieht seinen Sender nicht als Konzernfiliale - und sich selbst nicht als Filialleiter. Denn Mister RTL, wie ihn alle nennen, ist ein Unikum, halb Unternehmer, halb Künstler.

Doch für Dornemann, einen ehemaligen Unternehmensberater, ist der populäre Thoma nur ein leitender Angestellter. Er sei »Deutschlands bester Intendant«.

In Gütersloh wird vor allem auf die Zahlen aus Köln geschaut: Die Aufseher registrieren einen leichten Quotenverfall in der Prime Time - vor allem donnerstags und samstags. Und sie orten im RTL-Filmkeller alte Ware im Einkaufswert von rund einer Milliarde Mark, die noch zu verwerten ist.

Thoma kennt das Problem. Er würde deshalb gern RTL, RTL 2, Super RTL und Vox zur Senderfamilie vereinen. Dann könnten Programme mehrfach gesendet werden - eine Kaskade mit mehreren Verwertungsstufen würde entstehen.

Doch die Bertelsmänner konnten die Mitgesellschafter der beiden kleinen Sender, Disney bei Super RTL und Rupert Murdoch bei Vox, nicht überzeugen. »Es gibt derzeit keine Chance für eine Fernsehholding«, sagt ein Bertelsmann-Manager. Wieder ein Dämpfer für Thoma.

Zur großen Entfremdung mit Vorstand Dornemann kam es, als sich Bertelsmann im Pay-TV mit dem Erzrivalen Kirch verband. Jahrelang hatte Thoma vor einem Monopol Kirchs und der Medienkonzentration gewarnt - nun muß er fürchten. Die Konzernspitzen aus beiden Lagern ordnen die Fernsehlandschaft neu: ohne ihn.

Bertelsmann und Kirch können ihre immensen Programmrechte nun frei zwischen Pay-TV und Gratis-TV tauschen. Boxen und Fußball könnte RTL verlieren. Ursprünglich hatte Thoma daher selbst rund um RTL digitale Kanäle gründen wollen.

Verbittert registrierten RTL-Manager, daß wiederholt wichtige Beiratssitzungen ausfielen, weil die Bertelsmänner andere Termine hatten. Entscheidungen über Eigenproduktionen wurden aufgeschoben.

Offen kritisiert Thoma inzwischen selbst die Verhandlungskünste seines Chefs Dornemann. »Mehr Gelassenheit« in den Gesprächen mit Kirch hätte er sich gewünscht, erzählte der RTL-Chef der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Und im STERN höhnte Thoma über Kirchs Decoder-Empfangsgerät d-box, das Bertelsmann nach langem Widerstand nun doch nutzen will: »Mit der kann man alles mögliche machen - wahrscheinlich auch Motorroller fahren oder kochen -, aber nicht ganz einfach fernsehen.«

Solche Bemerkungen seien geschäftsschädigend, giften die Bertelsmänner, Thoma sei nicht auf dem neuesten Stand. Mit jedem Interview stieg ihre Wut.

Der RTL-Boß hingegen klagt, er sei im Konzern von allen Informationen abgeschnitten: »Wenn ich auf einmal die d-box loben soll, muß man mir das sagen.« Seinen Solokurs machte Thoma den Bertelsmann-Managern zuletzt bei einem Treffen des Führungskreises Anfang Juli klar. Als Vorstandschef Mark Wössner mehr Kreativität im Konzern einforderte, antwortete der TV-Mann, der den Satiriker Karl Kraus liebt, mit beißendem Humor: »Jeder nimmt sich einen Gartenschlauch und zieht sich einen Kreativen hoch.«

Wössner und Dornemann schätzen solche Auftritte wenig. Einer wie Thoma gilt in ihrem Kreis als »nicht konzernfähig«. Wollen die Gütersloher vielleicht einen Wechsel bei RTL provozieren?

Ein Ausstieg von Thoma, dessen Vertrag bis Ende 1999 läuft, so ein Nachwuchsmanager, ist nicht mehr auszuschließen. Auch die Verträge seiner Adjutanten, Programmchef Marc Conrad und Chefredakteur Hans Mahr, stehen zur Verlängerung an.

Thoma deutete bereits wiederholt an, ihm lägen gute Jobangebote aus dem Ausland vor. So will ihm das US-Studio MCA Universal das Europageschäft anvertrauen, heißt es im Sender. Auch die US-Filmfirma Saban mache ihm Avancen.

Thoma durchlebt einen inneren Konflikt. Einerseits könne er, falls die RTL-Familie nicht kommt, auch »ohne das alles« sein, sagte er bereits, andererseits fühle er eine »Verpflichtung für sein Lebenswerk« und eine »emotionale Bindung«.

Von Streit wollen die Beteiligten offiziell nichts wissen. Auch Thoma redet das Dinner-Spektakel klein: Auf das Dessert habe er »vornehmlich aufgrund von Gewichtsproblemen verzichtet«.

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