Coup vor der Hauptversammlung Siemens kauft US-Softwarehersteller für 3,5 Milliarden Dollar
München - Siemens VDO Automotive beschäftigt weltweit 53.000 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von jährlich zehn Milliarden Euro. Allerdings gehört die Sparte nicht zum Kerngeschäft, auf das sich Konzernchef Klaus Kleinfeld konzentrieren möchte. "Deutlich mehr als 25 Prozent" an VDO wolle Siemens abgeben, teilte der Konzern mit. Die Mehrheit soll allerdings bei Siemens bleiben. VDO ist nach eigenen Angaben ein weltweit führender Autozulieferer für Elektronik und Mechatronik.
Mit der Übernahme von UGS hingegen will Siemens sein Produktspektrum im Bereich von industrieller Software erweitern. Der Kauf muss noch von den zuständigen Behörden genehmigt werden. Verkäufer sind die drei Finanzinvestmentfirmen Bain Capital, Silver Lake Partners und Warburg Pincus. UGS erwirtschaftete laut Siemens im Geschäftsjahr 2005 knapp 1,2 Milliarden Dollar Umsatz und einen Betriebsgewinn vor Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 241 Millionen Dollar. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Texas.
Nach Bekanntwerden des Siemens-Korruptionsskandals treffen sich heute die Aktionäre zu der mit Spannung erwarteten Hauptversammlung des Konzerns. Vor allem Siemens-Chef Kleinfeld muss mit heftiger Kritik an der Arbeit seines Vorstands rechnen. Streitpunkte sind neben der Affäre um Schmiergeldzahlungen und schwarze Konzernkassen auch die Pleite der ehemaligen Siemens-Handysparte BenQ und die vom Aufsichtsrat beschlossene Erhöhung der Vorstandsgehälter um 30 Prozent.
Laut "Handelsblatt" wollen wichtige Großinvestoren dem Siemens-Vorstand die Entlastung verweigern. So habe die ISS, die größte und wichtigste Organisation für die Beratung institutioneller Investoren in den USA, ihren Kunden empfohlen, Vorstand und Aufsichtsrat nicht zu entlasten. "Auf der Hauptversammlung gibt es einen großen Knall", sagte ein Fondsmanager.
Was die reinen Zahlen angeht, steht Siemens allerdings besser da als erwartet. Im ersten Quartal 2006/07 stieg das operative Ergebnis um 51 Prozent auf gut 1,6 Milliarden Euro, teilte der Konzern heute früh mit, der Umsatz wuchs um sechs Prozent auf gut 19 Milliarden Euro. Die Siemens-Aktie sprang heute morgen bei Börsenbeginn um 4,2 Prozent auf 81,20 Euro.
Überschattet werden die Erfolge aber von dem Rekordbußgeld von 423 Millionen Euro, das die EU gestern wegen illegaler Preisabsprachen gegen Siemens verhängt hatte. Der Gewinn nach Steuern sank deshalb im ersten Quartal um 16 Prozent auf 788 Millionen Euro.
Beim Auftragseingang legte Siemens um vier Prozent auf knapp 24,6 Milliarden Euro zu. Insgesamt konnten sich beim Gewinn fast alle Bereiche verbessern. Sogar der kriselnde IT-Dienstleister SBS konnte erstmals seit drei Jahren wieder schwarze Zahlen schreiben. Der Bereichsgewinn betrug 24 Millionen Euro nach einem Verlust von 232 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Alle Sparten des Siemens-Konzerns arbeiten mittlerweile profitabel. Kleinfeld bekräftigte, dass sie schon im zweiten Quartal allesamt die Renditeziele des Konzerns erfüllen sollen.
Kleinfeld hatte vor der Hauptversammlung erklärt, Siemens wolle alles tun, um die Korruptionsaffäre aufzuklären. Die Konzernspitze hatte Mitte Dezember einräumen müssen, dass eine Gruppe von Siemens-Managern in der Netzsparte bis 2006 dubiose Zahlungen über 420 Millionen Euro geleistet habe. Höhepunkt des Skandals war die zwischenzeitliche Festnahme von sechs teils hochrangigen Konzernmanagern. Zu der Hauptversammlung werden in der Münchner Olympiahalle rund 12.000 Anleger erwartet.
Erst gestern hatte Siemens mit einer Rekordstrafe wegen Kartellabsprachen für weitere Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Die EU-Kommission verpflichtete die Münchner zur Zahlung von rund 420 Millionen Euro. Die Brüsseler Behörde wirft Siemens vor, gemeinsam mit anderen Branchenriesen wie ABB und Areva auf dem Markt für hochspezialisierte Schalter Kartellabsprachen getroffen zu haben. Der Konzern kündigte an, beim Europäischen Gerichtshof gegen die Strafe klagen zu wollen.
wal/dpa/AP