Creditreform: Pleitewelle schwillt noch an - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Creditreform Pleitewelle schwillt noch an

Herlitz, Holzmann, Fairchild Dornier und möglicherweise bald Kirch - Meldungen über Firmenpleiten reißen nicht ab. Auch wenn die Konjunktur bald anzieht, Insolvenzen würden dieses Jahr weiter zunehmen, schätzt Creditreform.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wiesbaden/Neuss - Einen Anstieg von 25 Prozent auf insgesamt 40.000 Firmenpleiten im Jahr 2002 erwartet die Insolvenz-Spezialistin Anne Sahm von Creditreform. Bereits das vergangene Jahr machte viele Unternehmen zahlungsunfähig. Insgesamt 32.000 Unternehmen beantragten ein Insolvenzverfahren und damit 14 Prozent mehr als im Jahr zuvor, meldet das Statistische Bundesamt in Wiesbaden. Besonders stark getroffen hat es größere Firmen mit mehr als 100 Mitarbeitern. Die Zahl der Pleiten stieg hier um rund ein Drittel. Dieses Jahr könnten es noch mehr werden, schätzt Sahm. Düstere Aussichten auch für den Arbeitsmarkt: Durch Unternehmenspleiten würden rund 550.000 Arbeitsplätze in diesem Jahr verloren gehen, meint die Expertin.


Nach Einschätzung des Wirtschaftsforschers Rüdiger Pohl sind die aktuellen Insolvenzfälle ein Zeichen für das Ende der Deutschland AG. Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle führte diese Woche in der "Mitteldeutschen Zeitung" die Pleitewelle auf einen Mangel an Kapitalreserven zurück.

Unter Deutschland AG verstehe man ein Netzwerk von Banken, Politikern und Industrie, das unter dem Beifall der Gewerkschaften dafür gesorgt habe, dass Großunternehmen nicht Pleite gehen. "Die Ziele sind ehrenwert (Arbeitsplätze retten), eigennützig (Kapitalverluste vermeiden) und anrüchig (ausländische Interessenten von strauchelnden Unternehmen fern halten). Das funktionierte lange gut, jetzt aber nicht mehr."

Die Banken müssten sich dem weltweiten Wettbewerb stellen und könnten es sich nicht mehr leisten, über Kredite Unternehmensrisiken mitzutragen, die die Unternehmen eigentlich mit Eigenkapital abdecken müssten. "Doch am Eigenkapital mangelt es der Wirtschaft. Stattdessen dominiert der Bankkredit", sagt der Wirtschaftsforscher. Pohl forderte zudem die Politik auf, ihre Rolle in der Deutschland AG zu überdenken. "Natürlich spielen Politiker gerne den Unternehmensretter. Die großen Insolvenzen unserer Tage zeigen, wohin dies führt." Die Politik helfe - unter anderem mit Steuergeldern - häufig gerade den Unternehmen, für die kein privater Investor einen Euro hergebe, weil die Risiken zu hoch seien.