DaimlerChrysler Analysten sehen gestiegenes Übernahmerisiko
Frankfurt am Main - "Für den Konzern sind zur Zeit alle Szenarien bis hin zu einer Zerschlagung denkbar", sagte heute der Leiter des Nürtinger Instituts für Automobilwirtschaft, Willi Diez. Hauptaufgabe für den künftigen DaimlerChrysler-Chefs Dieter Zetsche müsse es daher sein, die Nobelmarke Mercedes möglichst schnell zu alter Ertragskraft zu führen, um die Börsenkapitalisierung des deutsch-amerikanischen Autobauers zu erhöhen. Nur so könne DaimlerChrysler vor einer Übernahme geschützt werden, so Diez.
Das Risiko für DaimlerChrysler steigt auch nach Einschätzung von Ferdinand Dudenhöffer, dem Leiter des Gelsenkrichener Center Automotive Research. Das liege vor allem daran, dass die Aktie des weltweit fünftgrößten Autobauers trotz des Kurssprungs der vergangenen Woche immer noch unterbewertet sei. Die Bewertung werde sich allerdings mit der bei Mercedes absehbaren Ertragssteigerung verbessern. Er erwarte, dass der Kurs der Aktie im nächsten Jahr deutlich über 50 Euro steigt.. "Dann geht das Risiko zurück. Die Frage ist, wie schnell können Investoren eine Übernahmeofferte jetzt auf die Beine stellen", fügte Dudenhöffer hinzu.
Interessante Filetstückchen
Die Deutsche Bank hatte den Höhenflug der DaimlerChrysler-Aktie nach der Rücktrittsankündigung von Konzernchef Jürgen Schrempp zum Anteilsverkauf genutzt und ihre Beteiligung auf 6,9 von zuvor 10,4 Prozent reduziert. Deutschlands größtes Kreditinstitut, das eng mit dem Stuttgarter Autobauer verbunden ist und mit Ex-Chefbanker Hilmar Kopper den Aufsichtsratschef stellt, hat mehrfach die Absicht bekräftigt, sich von seinen Industriebeteiligungen zu trennen.
Georg Stürzer, Branchenexperte der Münchener HypoVereinsbank , sagte, es gebe wenig Unternehmen, deren Struktur für Finanzinvestoren so interessant sei wie die von DaimlerChrysler. Das gelte sowohl für die Marke Mercedes als auch für die US-Tochter Chrysler und den Nutzfahrzeugbereich. Investoren könnten die Situation dazu nutzen, um den Konzern in seine Einzelteile zu zerlegen und diese gewinnbringend zu verkaufen.
DaimlerChrysler war in den vergangenen Monaten schon einmal Gegenstand von Übernahmespekulationen. Im April hatte die "Financial Times" berichtet, Finanzinvestoren hätten den Großaktionären Kaufangebote unterbreitet. Die Aktionäre hätten die Offerten jedoch als zu niedrig abgelehnt. Neben der Bank sind die beiden Golf-Emirate Kuwait und Dubai maßgeblich an DaimlerChrysler beteiligt. Drei Viertel des Kapitals liegen nach früheren Angaben des Konzerns bei institutionellen Anlegern.
Clement will die ungeschminkte Wahrheit
Angesichts der Spekulationen über den vorzeitigen Abgang Schrempps hat sich Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) für Transparenz bei der Darstellung der Hintergründe für den Rückzug ausgesprochen. Transparenz sei die beste Antwort auf alle Spekulationen, sagte Clement am Montag in Berlin. Dies habe auch EU-Industriekommissar Günter Verheugen gemeint, und diese Ansicht teile er, sagte Clement.
Schrempp hatte am Donnerstag völlig überraschend seinen Rücktritt zum Ende des Jahres angekündigt, obwohl sein Vertrag noch bis 2008 gegolten hätte. Zudem verzichtete der Manager auf seine Abfindung, bezieht nur noch bis Ende 2005 Gehalt und wechselt nicht den Aufsichtsrat.