DaimlerChrysler-Chef im Zeugenstand: Der gute Mr. Shrimp - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

DaimlerChrysler-Chef im Zeugenstand Der gute Mr. Shrimp

Höhepunkt im amerikanischen Daimler-Prozess: Konzernchef Jürgen Schrempp musste in den Zeugenstand. Er verteidigte die Fusion mit Chrysler - und gewährte dem Gericht widerwillig Einblick in die neurotische Welt globaler Wirtschaftslenker.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?



Wilmington - Jürgen Schrempp ist tatsächlich nervös. Er verzieht den linken Mundwinkel zum Halbgrinsen, leckt sich die Lippen, tippt die Fingerspitzen aneinander, greift nach dem Wasser im Styroporbecher, Brille auf, Brille ab, Brille auf, die Krawatte sitzt leicht schief. Und immer wieder schielt er zu seinen Anwälten, die im Dutzend hinter ihren Laptops sitzen.

Kein Wunder. Immerhin geht's hier um seinen guten Ruf und den seines Konzerns - und um bis zu vier Milliarden Dollar Schadensersatz und Strafgebühren. Also hat sich Jürgen Schrempp, Vorstandsvorsitzender von DaimlerChrysler, ins triste Wilmington in den US-Bundesstaat Delaware bequemt, um einem Bezirksgericht Rede und Antwort zu stehen: "Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit", schwört er, die rechte Hand erhoben, die linke auf der Bibel.

Eine Premiere, auch für ihn. Er hat noch nie vor Gericht gestanden. Vor allem nicht vor einem amerikanischen. Trotzdem verzichtet er auf die Dolmetscherin, spricht Englisch, hart, akzentuiert, doch sehr korrekt. Er wolle, sagt er fast zu anbiedernd, sich mit dem Richter in dessen Muttersprache unterhalten, "es ängstigt mich ein bisschen, aber ich versuche es, Sir."

Zeuge in eigener Sache

Und so schickt Schrempp - widerwillig, doch mit sprödem Charme - das Gericht auf eine Lehrreise durch die neurotische, einsame, von ewigen Existenzängsten geplagte Welt globaler Wirtschaftslenker - eine Welt, in der zwischen Dessert und Espresso Milliardensummen bewegt werden, zwei Männer das Schicksal von Hunderttausenden besiegeln können und - leider - so was auch mal böse daneben geht.

So sehr daneben, dass sich Schrempp, 59, jetzt in einem der kuriosesten Prozess der Wirtschaftsgeschichte wieder findet. Der 86-jährige Kirk Kerkorian - Ex-Boxer, Milliardär und einst Mehrheitseigner von Chrysler - hat diesen Prozess angestrengt. Er wirft dem Manager aus Deutschland Betrug vor, fordert Wiedergutmachung von dessen Konzern: Die 36-Milliarden-Dollar-Fusion von Daimler und Chrysler von 1998 sei keineswegs eine "Verbindung unter Gleichen" gewesen, wie Schrempp es den Aktienbesitzern vorgegaukelt habe, sondern eine verkappte Übernahme.

Notgedrungen haben ihn seine Anwälte in den Gerichtsstand gerufen, als Zeuge in eigener Sache. So was ist, da es den Zeugen danach dem Kreuzverhör aussetzt, immer der gewagte Höhepunkt eines jeden Verfahrens - und ein Spiel mit dem Feuer. Es sei denn, man ist sich seiner Sache wirklich sehr sicher.

Verkorkste PR-Offensive

Zunächst einmal ist es aber eine Inszenierung, die allein auf dramaturgischen Effekt zielt, selbst wenn es in diesem Fall kein Geschworenen-Publikum zu überzeugen gilt, sondern nur den US-Bundesrichter Joseph Farnan. Als erstes serviert Daimler-Anwalt Tom Allingham seinem Klienten (den er "Mr. Shrimp" nennt) die üblichen Volleys - in Form von theatralischen Fragen, die natürlich abgesprochen sind, samt ihrer Antworten.

Treffen die Vorwürfe zu? "Nein." Wollte er Chrysler schlucken? "Nein." Wollte er Mr. Kerkorian betrügen? "Nein."

Na denn. Dann geht's gleich ans Eingemachte, den Kern der Kerkorian-Klage: jenes unglückliche Interview mit der "Financial Times", in dem Schrempp Chrysler im Oktober 2000 als "Abteilung" von Daimler bezeichnet und der Idee des "merger of equals", die im ersten Satz des Fusionsvertrags verankert ist, als "symbolisch" abgetan hatte.

Da lacht er wieder nervös und sucht Blickkontakt zum Rest der Anwälte. Im Prinzip sei das Interview eine verkorkste PR-Offensive in einer sehr schwierigen Situation gewesen, auch um von den enormen Problemen des Konzerns abzulenken: "Ich wollte sagen, dass das Glas halb voll ist, nicht halb leer."

Kein Interesse an Details

Die Strategie war gründlich daneben gegangen. Das Interview hatte bei den Chrysler-Leuten "Anfälle" ausgelöst, wie es der damalige Chrysler-Chef James Holden vorige Woche hier formulierte. Holden hatte damals eine Erklärung Schrempps gefordert. Stattdessen wurde er kurz darauf von Schrempp persönlich gefeuert - Auftakt eines langen Exodus von Chrysler-Leuten.

Höchste Zeit, die Augen des Gerichts auf den netten, guten Schrempp zu steuern. Höchste Zeit für den vermenschlichenden Lebenslauf.

Und so darf Schrempp auf einmal über Freiburg plaudern und seine Kindheit, seine Begeisterung für "Motorautos und Teile", Wehrdienst, Weiterbildung und darüber, dass er in einer Kapelle Trompete spielte, um das Geld zu verdienen, weil sich meine Eltern nicht leisten konnten, dafür zu bezahlen.

Da kommt dann plötzlich auch erstmals Bewegung in seine Stimme. Und sogar ein Anflug von Begeisterung, wenn er von den tollen Mercedes-Trucks erzählt, die er einst in Südafrika bauen durfte. Da liegt seine wahre Passion, im Handfesten, und nicht, wie er erkennen lässt, in den Details der Verwaltung.

Hochkarätiges Lunch in Lausanne

Als Zugabe zieht ihm Allingham schnell auch noch ein paar humanitäre Auszeichnung aus der Nase: Frankreichs Ehrenlegion; den Order of Good Hope, den ihm Nelson Mandela verlieh; eine Ehrung für seine Verdienste um den Kampf gegen AIDS. Ein Wohltäter, kein Betrüger. "Dabei", sagt Schrempp, "möchte ich es belassen."

Im Zuschauersaal sitzt Gerichtszeichnerin Susan Shary und skizziert Schrempp in sanften Kreidefarben. Erst in schwarzweiß, dann immer farbiger, ganz wie es die verbale Strategie der Verteidigung vorne auch versucht. Auf dem Blatt sieht er aus wie ein Kirchenheiliger.

Unter diesem moralischen Flankenschutz rollt Schrempp nun furchtlos die Vorgeschichte der Fusion auf und gewährt dem Gericht damit seltene, doch sorgsam gesteuerte Einblicke in einen der größten Firmendeals des Jahrzehnts. Von ersten Gesprächen über eine Kooperation (1995/96) über die Automobilausstellung 1997, bei der er, von den Reden gelangweilt, zufällig neben Chrysler-Vizechef Bob Lutz zu sitzen kam, bis hin zum Lunch in Lausanne, bei dem die Führungsstruktur festgeklopft wurde.

Vorfrühes Ende des Honeymoons

Denn Daimler, reminisziert Schrempp, sollte "die erfolgreichste Company" werden. "Die anderen waren im Anmarsch. Wir konnten nicht einfach nur so da sitzen." Eine Nutzehe also: "Chrysler brachte genau das an den Tisch, was wir brauchten."

Doch der Honeymoon war vorbei, noch bevor er richtig begonnen hatte. Mitten in die Endphase der Fusion platzten die miesen Chrysler-Prognosen für 2000, die sich später auch bestätigen sollten. Auf einmal waren die beiden "gleichen" Vertragsparteien gar nicht mehr so gleich.

Die Krux des Prozesses liegt wahrscheinlich in eben dieser unseligen Endphase, bei der schließlich eine 58/42-Gewichtung von Daimler- und Chrysler-Aktien in der neuen AG herauskam, mehrere Chrysler-Abteilungen den deutschen Gegenübern untergeordnet wurden (etwa die Unternehmenskommunikation) und die gleichberechtigte Besetzung des Vorstands (je acht Vertreter beider Firmen) einer späteren "Anpassung" vorbehalten blieb.

Was damit gemeint war, demonstrieren die Kläger, indem sie im Gerichtssaal eine große Schautafel aufgestellt haben. Links zeigt sie den DaimlerChrysler-Vorstand, Stand 17. November 1998, symbolisiert durch je acht deutsche und US-Flaggen neben den Fotos. Rechts der Vorstand, 1. Januar 2004: zehn deutsche Flaggen und eine amerikanische.

Heute im Kreuzverhör

Dies, so hatte schon zuvor der Daimler-Aufsichtsratschef Hilmar Kopper in einer Video-Aussage erklärt, sei nicht die Schuld der Stuttgarter: Als man die scheidenden Chrysler-Mitglieder mit Amerikanern habe ersetzen wollen, "gab es keine Chrysler-Leute, die gut genug waren". (Koppers Aussage hatte einen ganz anderen Ton und Duktus als die Schrempps; er war unwirsch und bediente sich oft Formulierungen wie: "Meine Erinnerung ist nicht sehr präzise.")

Von einem "merger of equals", so räumt auch Schrempp plötzlich mit hartem Unterton ein, könne seit Mitte 2000 wirklich nicht mehr gesprochen werden. Chrysler könne vielmehr froh sein, dass es Daimler hätte, denn sonst wäre es "fraglich, und ich meine fraglich", ob es den US-Autobauer heute noch gebe. Den Charakter der Fusion ändere das nachträglich jedoch nicht.

Dazu dürfte Schrempp am Mittwoch noch viel mehr erzählen müssen. Dann steht er im Kreuzverhör der Kerkorian-Truppe, bevor die Verhandlung mit den Daimler-Vorständen Manfred Gentz und Eckhard Cordes zu Ende geht. (Ein Urteil wird nicht vor Frühjahr erwartet.) "Vielleicht", hofft Sholnn Freeman, der fürs "Wall Street Journal" in der dritten Reihe sitzt, "gibt's dann ja doch noch ein Feuerwerk."