DaimlerChrysler: Daten-Striptease für den Roadster - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

DaimlerChrysler Daten-Striptease für den Roadster

Den neuen Roadster von Smart bekommt nicht jeder. Schon der Weg zum ersten Info-Prospekt ist hart und steinig.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer Smart fährt, grenzt sich ab von den lauten, schweren Blechkisten, mit denen der retardierte Rest der Menschheit durch die Gegend fährt. Das gilt für den Roadster mehr noch als für das Normalmodell, denn der Sportwagen ist nicht nur hip, er ist auch noch schnell und teuer.

Deshalb hat DaimlerChrysler für den Roadster sogar ein eigenes Acht-Punkte-Manifest ersonnen. Darin stehen philosophische Leitsätze wie "Geschwindigkeit wird am Puls gemessen" oder "Fahrspaß hat nichts mit PS zu tun".

Logische Folge dieses elitären Anspruchs: Um am Smart-Erlebnis teilhaben zu dürfen, muss der Kunde auf einiges verzichten. Zum einen auf die in der gebeutelten Autoindustrie üblichen Preisnachlässe. Während andere beim Neuwagenkauf um ein paar Prozent nachgeben, gelten Smart-Händler als unerschütterlich: Wer nicht den vollen Preis zahlen will, soll doch zum Blechhöker gehen.

Zum anderen muss der Smart-Aspirant sein aufrichtiges Interesse dokumentieren, indem er gegenüber DaimlerChrysler   eine ungewöhnlich große Zahl an privaten Daten preis- und zur vielseitigen Verwendung freigibt.

Autokauf als moralisches Dilemma

Wer einen Roadster-Info-Prospekt möchte, muss auf der Smart-Website nicht nur Adresse, Email und Geburtsdatum eintragen. Weitere erwünschte Angaben sind der momentan verwendete Wagen, der Zweitwagen und der angestrebte Zeitpunkt des Roadster-Kaufs. Außerdem soll der Aspirant erklären, wie sehr und warum er sich für den Roadster erwärmt hat. Ferner will Smart wissen, ob der Kunde sich ausreichend mit dem Manifest identifiziert - misst er Geschwindigkeit am Puls oder an der PS-Zahl? Genießt er Umwege oder will er nur schnöde von A nach B kommen? Ist er ein Regelfetischist oder lässt er auch mal Fünfe gerade sein?

All diese Fragen zu beantworten dauert natürlich ein paar Minuten. Aber auch dies entspricht ganz der Roadster-Philosophie. Nicht umsonst heißt es in Punkt Sechs des Manifests: "Der kürzeste Weg ist unmoralisch".

Wer alles brav ausfüllt, muss seine ehrliche Absicht zum Schluss mit einer Einverständniserklärung dokumentieren. Wer auf "Ja" klickt, gewährt DaimlerChrysler und allen seinen Vertriebspartnern das Recht, die gewonnenen Daten für "Betreuung, Information, Dienstleistungen und sonstige Aktivitäten" zu verwenden. Was genau das alles beinhaltet, war bei Smart auf Anfrage nicht zu erfahren.

Hart, aber unfair

Helke Heidemann-Peuser vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) hält solch weit gefasste Einverständniserklärungen für äußerst problematisch. Derzeit sei der VZBV dabei, Unternehmen abzumahnen, deren Websites durch Blankoformulierungen die geltenden Datenschutzbestimmungen aushebelten. "Das hier wäre so ein Fall, den wir beanstanden könnten", so Heidemann-Peuser.

Der Aspirant hat natürlich die Möglichkeit, die Einverständniserklärung mit einem "Nein"-Klick abzulehnen. In diesem Fall gelangt er zu einer Seite mit einem traurig drein blickenden Emoticon, das ihn verständnislos anblafft: "Nach der ganzen Mühe haben Sie tatsächlich auf Nein gedrückt?!" Dann wird klar gestellt, dass keiner, der ein solch renitentes Verhalten an den Tag legt, mit Smart ins Geschäft kommt: "Tut uns leid, in diesem Fall können wir Sie auch nicht informieren."

Das ist nur konsequent. Denn schließlich heißt es in Punkt Sieben des Roadster-Manifests: "Wer innovativ ist, kennt keine Kompromisse."

Mehr lesen über