DaimlerChrysler Ex-Chef Reuter liest Schrempp die Leviten
Stuttgart - Er glaube nicht an eine Sanierung von Chrysler und Mitsubishi, sagte Reuter in einem Interview mit der "Stuttgarter Zeitung". Es gebe das Phänomen, dass sich schnelle Anfangserfolge einstellten, "wenn man per ordre de mufti regiert". Das sei wie bei einem Trainerwechsel in der Bundesliga, erweise sich jedoch häufig als "Strohfeuer, das sehr schnell wieder erlöschen kann".
Für seinen Nachfolger Schrempp hatte Reuter kein gutes Wort übrig. Ohne ihn beim Namen zu nennen, machte er die Shareholder-Value-Strategie Schrempps für die Krise des Unternehmens verantwortlich. "Man kann solche Positionen nicht verantwortungsvoll ausfüllen, wenn man sich nur Profit, Profit, Profit auf die Fahne schreibt und nicht auf der Grundlage ethischer Verantwortung handelt", sagte Reuter.
Shareholder-Value sei eine der "teuflischen Erfindungen" unserer Zeit. Der ehemalige Vorsitzende fühlt sich selbst als Opfer des gnadenlosen Sanierers Schrempp: Bei seinem Abgang habe man ihm "damals keinerlei Schutz angedeihen, sondern mich allein im Regen stehen lassen". Der "Turbokapitalismus" habe sich längst zu einem "Tanz auf dem Vulkan" entwickelt, kritisierte Reuter.
Seine Analyse des gegenwärtigen Zustands des Weltkonzerns fällt bitter aus. "Das tut mir sehr weh", antwortete Reuter auf die Frage, was er empfinde, wenn er heute vom Übernahmekandidaten DaimlerChrysler lese. Er wisse, was es "für die dort arbeitenden Menschen bedeutet, wenn solche Spekulationen aufkommen".
Reuter wehrte sich gegen den Vorwurf, der größte Kapitalvernichter Deutschlands gewesen zu sein: "Den ersten Rang beim Kapitalvernichten haben mir inzwischen andere abgenommen." Wie sie heißen, wollte er nicht sagen - "seien sie auch noch so bedeutend".
Reuter wiederholte auch seine private Dolchstoßlegende. Die von ihm verfolgte Strategie des so genannten integrierten Technologiekonzerns hält er noch heute für richtig: "Gescheitert ist sie nicht, sondern sie wurde gescheitert, nämlich mittendrin abgebrochen."
Scharf ins Gericht ging der Sozialdemokrat mit der gängigen Praxis, Spitzenmanagern zweistellige Millionenbeträge als Gehälter oder Abfindungen zu bezahlen. Damit nähere man sich "Sodom und Gomorrha". Diese Summen seien "unanständig", weil sie in keiner Relation zur Leistung stünden. Er hätte sich zu seiner aktiven Zeit "mit Händen und Füßen" gegen solche Beträge gewehrt.