DaimlerChrysler Gezerre um Vorstandsbezüge
Stuttgart - Nach Ansicht von Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser ändert es wenig an den grundlegenden Problemen eines Unternehmens, wenn Chefs ihre Bezüge kürzen. In einem Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk sagte er, die Einsparungsmöglichkeiten lägen bei den Personalkosten. "Und die Masse der Personalkosten fällt nun einmal in der Regel nicht in den Chefetagen an, sondern die Masse der Personalkosten fällt da an, wo 98 Prozent der Belegschaften arbeiten." Dennoch sieht er in dem Vorstoß des DaimlerChrysler-Vorstands eine "sympathische Geste".
Vor dem Hintergrund der Proteste der Belegschaft des Autokonzerns, die sich heftig gegen verlangte Einsparungen in Höhe von 500 Millionen Euro wehrt, hatte Konzernchef Schrempp am Wochenende einen Gehaltsverzicht des Top-Managements angeboten. Mehreren Medienberichten zufolge wollen die Vorstände ihre Bezüge um zehn Prozent senken, sollte es zu einer einvernehmlichen Lösung mit dem Betriebsrat kommen.
IG-Metall-Vizechef Berthold Huber gab sich angesichts der Vorschläge skeptisch. Dies sei der Versuch, "Kosmetik zu betreiben, die Wogen zu glätten", sagte er heute im Westdeutschen Rundfunk. Das nehme aber den aktuellen Problemen nicht die Schärfe. Ohnehin sei dieses Angebot nicht zu vergleichen mit den gesamten Sparplänen: Die Manager bekämen bei einem Einkommensverzicht vielleicht zwei oder drei Millionen Euro zusammen. Auf der anderen Seite steht laut Huber weiter die Forderung an den Daimler-Betriebsrat, Einsparungen von 500 Millionen Euro zu akzeptieren. "Also irgendwie ist das alles ein unsauberes Spiel. Das ist Taktiererei", sagte der Gewerkschafter.
Ver.di-Vizechefin Margret Mönig-Raane bezeichnete das Verhalten der Manager von DaimlerChrysler gegenüber der "Berliner Zeitung" als heuchlerisch. "Es wird von den Arbeitgebern probiert, wie weit die Grenzen bei der Arbeitszeit, bei der Entlohnung, hinausgeschoben werden können", so Mönig-Raane. "Wenn dem nicht jetzt energisch entgegengesteuert wird, dann prophezeie ich, haben wir in fünf Jahren die 50-Stunden-Woche in Deutschland", sagte sie.
Der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber begrüßte dagegen den Vorstoß Schrempps, freiwillig auf Gehalt zu verzichten. "Ich hoffe, dass diese Maßnahme von DaimlerChrylser Schule machen wird", sagte er auf einer Vorstandssitzung seiner Partei. Es könne nicht sein, dass Firmenchefs sich ihre Bezüge vom Aufsichtsrat erhöhen ließen und zugleich viele Mitarbeiter entließen, um Personalkosten zu sparen.
Im Streit über die Arbeitsbedingungen im Mercedes-Werk Sindelfingen gibt es erste Anzeichen für einen Kompromiss. Schrempp sagte der "Welt am Sonntag", er rechne "in Kürze" mit einer Einigung. Auch Erich Klemm, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von DaimlerChrysler, äußerte sich zuversichtlich: "Es gibt Punkte, wo man sich schon sehr aufeinander zubewegt hat", sagte er.
Nach Informationen der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" will Klemm einen Tarifvertrag für Dienstleister vorlegen, wonach die Arbeitnehmer in Kantinen, Druckereien und im Werksschutz künftig schlechter bezahlt werden als die Metaller in der Automobilfertigung. Die Verhandlungen zwischen Gesamtbetriebsrat, IG Metall und der Konzernführung sollen am Dienstag fortgesetzt werden.
Im Werk Sindelfingen blieben nach Angaben des Betriebsrates am Samstag erneut die 12.000 Mitarbeiter der Frühschicht zu Hause. Weil der Betriebsrat seine Zustimmung zu Überstunden verweigerte, konnten dort abermals etwa 1000 Fahrzeuge nicht hergestellt werden. Im Werk Untertürkheim verweigerten 2500 Beschäftigte die Arbeit.
Die Auseinandersetzungen bei DaimlerChrysler hatte Mercedes-Chef Jürgen Hubbert angestoßen. Er hatte mit der Verlagerung von 6000 Arbeitsplätzen aus Sindelfingen hauptsächlich nach Bremen und nach Südafrika gedroht, sollten die Arbeitnehmer nicht einem Sparprogramm im Umfang von insgesamt 500 Millionen Euro zustimmen. Ein Kernpunkt ist die Verlängerung der effektiven Arbeitszeit, die in Baden-Württemberg laut DaimlerChrysler derzeit deutlich kürzer ist als in Bremen.