DaimlerChrysler Kokos für die S-Klasse
Belém - "Todo bem", sagt der Kapitän Apolinario Magno, 51, und streckt den rechten Daumen nach oben zur landesüblichen Geste. Alles o.k. Sein weißes Schiff, die "Lorena Mayra", liegt am Pier des Geländes der Universität do Pará in Belém. Ein warmer (38 Grad Celsius) und feuchter (95 Prozent) Wind von dem meeresbreiten Fluss lässt die grün-gelbe Flagge Brasiliens am Heck flattern "Das ist eines der modernsten Schiffe im Amazonas-Gebiet", sagt Comandante Magno stolz.
Er wird uns heute zu der kleinen Anlegestelle auf der anderen Flussseite bringen, von der nur ein grüner Strich als Horizont zu sehen ist. Von dort geht es per Lastwagen weiter zu einem der spannendsten Ökoprojekte des weltweiten Tropenwaldschutzes: nachwachsende Rohstoffe für den Automobilbau.
Das Aluminiumschiff mit Turboantrieb und Klimaanlage ist ein Bote der Globalisierung, die auch diese 18 Flugstunden von Europa entfernte Region verändert. Die hölzernen Amazonas-Dampfer mit der Hängematte für gemächlichen Flussreisen werden nach und nach als Museumsschiffe ausgesondert. Nicht mehr wettbewerbsfähig.
Ohrenstöpsel empfehlenswert
"Meine Passagiere sind mit der Geschwindigkeit sehr zufrieden", sagt Kapitän Magno im braunen Diensthemd mit goldenem Streifen. Er legt in der Fahrerkabine den Joystick um und fährt unter ohrenbetäubendem Motorenlärm hinaus auf den Fluss, mit 18 Knoten geht es zum Projekt Poema ("Armut und Umwelt in Amazonien"). Öko-Touristen sollten besser Ohrstöpsel mitbringen.
Auf der größten Flussinsel der Welt, Marajó, wird mit deutscher Finanzhilfe und brasilianischem Geschick auf degradierten Kahlschlagböden in einem mehrstöckigen Stufenwald wieder Nützliches für die Industrie angebaut: Pflanzenfasern für vielfältige Produkte - von der Sonnenblende aus gummierten Kokosfasern für DaimlerChrysler-Trucks bis zum feinen Kunstpapier aus Ananasfasern für den japanischen Markt.
Im Jahre der Uno-Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 begann das ungewöhnliche Urwaldprojekt mit einer eigenwilligen Begegnung. Der Ex-Grünen-Abgeordnete und damalige Daimler-Benz-Betriebsrat Willi Hoss überzeugte den Daimler-Sprecher Matthias Kleinert in seinem Stuttgarter Büro von der seltsamen Ökoidee.
"A-Klasse vom Acker"
Die Wiederbelebung der Gewinnung vorindustrieller Rohstoffe wie Kautschuk, Hanf, Sisal oder Paranussöle für den modernen Automobilbau schien ein überschaubares Abenteuer für die Daimler-Manager, die lediglich die Furcht umtrieb, sich damit bei den Kollegen lächerlich zu machen.
PR-Profi Kleinert begeisterte sich für das Ökoprojekt, insbesondere da auch der damalige Kanzler Helmut Kohl großzügig eine viertel Milliarde Mark für den internationalen Tropenschutz bereitgestellt hatte. Zur Rio-Konferenz galt Öko als chic. Dabei sein war alles, um so besser, wenn Ökoberichte wie "Guter Stern über dem Amazonas" ("Die Zeit") oder "A-Klasse vom Acker" (DER SPIEGEL) abfielen für eine Branche, deren spritschluckende Produkte immer noch als Klimakiller und Landschaftsfresser gelten.
Die Daimlers packten das Projekt allerdings als Kaufleute an. Eine Million US-Dollar flossen als Starthilfe aus der Firmenkasse für die ersten drei Jahre in das Gemeinschaftsprojekt mit der Unicef. In zehn Jahren wurden es gut zwei Millionen Euro, nicht gerade viel angesichts der Entwicklungskosten für beispielsweise die neue E-Klasse von 800 Millionen Euro.
Lesen Sie im zweiten Teil, wie am Amazonas das Börsenfieber ausbrach.
Die Entwicklungsabteilungen in Ulm und São Paulo nahmen die Forschung an der Faser auf. Der damalige Entwicklungschef Ferdinand Panik, zuvor beschäftigt mit Hochgeschwindigkeitsfahrzeugen der Formel 1, kümmerte sich fortan um so aufregende Dinge wie Hutablagen, Sonnenblenden oder Polstersitze aus Kokosfasern.
Börsenfieber am Amazonas
Heute sagt Panik, inzwischen für den Zukunftsbereich Brennstoffzelle im DaimlerChrysler-Konzern zuständig: "Damals galten wir als Spinner, jetzt sind wir die Pioniere."
Promoter der Partnerschaft zwischen Kapital und Kokosnuss ist allerdings der Poema-Projektleiter Thomas Mitschein, ein Soziologe aus Bielefeld, der als "Altlinker" in den achtziger Jahren Brasilien zu seiner Heimat gemacht hat. Unermüdlich trommelte er für seinen marktwirtschaftlichen Ansatz, die Entwicklungshilfe aus Europa in dauerhafte Arbeitsplätze und verkaufbare Produkte des Regenwaldes zu verwandeln.
Im Frühjahr 2002 ist es so weit. Poema beginnt sein eigenes Geld zu verdienen. Für die inzwischen vielfältigen Tropenwaldprodukte, in die auch die Forschungsleistungen von DaimlerChrysler eingegangen sind, initiierte Mitschein jetzt eine eigene Börse (www.bolsaamazonia.com ), ein Aktienfonds ist in Vorbereitung.
Tatsächlich sind die Bauteile für Lastwagen oder Pkws konkurrenzfähig gegenüber den bisherigen Produkten der Kunststoffhersteller. "Wenn der Preis und die Qualität stimmen", sagt DaimlerChrysler-Sprecher Wolfgang Scheunemann, "dann nimmt der Kunde auch die Fahrzeuge mit Naturprodukten". In der S-Klasse sind es inzwischen 32 Teile aus diversen Naturfasern, ein in Brasilien gebauter Laster enthält schon bis zu mehreren Kilogramm Naturmaterialen - vom Armaturenbrett bis zur Getriebekapselung. "Und der Fahrer schwitzt weniger auf unseren Kokosfasersitzen", sagt ein Entwicklerin bei DaimlerChrysler in São Paulo.
Kanzler Schröder kam doch nicht
Das autonahe Projekt des Tropenwaldschutzes ließ sich auch Bundeskanzler Gerhard Schröder an einem eigens aufgebauten Stand in der Deutsch-Brasilianischen Handelskammer von São Paulo bei seiner Brasilien-Visite Anfang des Monats erklären. Ein bereits vereinbarter Abstecher Schröders nach Belém scheiterte an der Angst des Berliner Protokolls, die Bilder des "Tropenwaldtouristen" Schröder könnten im Wahljahr für hämische Schlagzeilen sorgen.
Dabei steht Schröders Liebling Volkswagen in Brasilien kurz vor einem Vertragsabschluss mit dem Poema-Projekt. Der japanische Motorradhersteller Honda bezieht schon Sitze für seine Maschinen aus der Kokosteile-Fabrik Poematec in Belém. Und General Motors sowie Ford zeigen ebenfalls Interesse. "Wir müssen wohl anbauen", sagt Poema-Initiator Mitschein und zeigt hinüber zu den Freiflächen des geräumigen Industrieparks.
Comandante Magno auf dem Amazonas hat solche Probleme nicht. Er lässt sich einen kleinen schwarzen brasilianischen Kaffee im Plastikbecher nach vorne bringen. Der Kapitän muss höllisch aufpassen, bei hoher Geschwindigkeit keinen treibenden Baumstamm zu übersehen und zu rammen, dann wäre es um seinen Leichtbaudampfer aus Alu geschehen. "Todo bem", sagt er.