DaimlerChrysler-Kompromiss "Modell für Deutschland"
Stuttgart - Der Vorsitzende des Arbeitgeber-Verbandes Südwest-Metall, Ottmar Zwiebelhofer, kritisierte, mit der Steinkühler-Pause und den Schichtzuschlägen seien zwei Antiquitäten nicht wegverhandelt worden. Auch Mercedes-Chef Jürgen Hubbert sieht darin einen Nachteil. Derzeit wird in Sindelfingen im Jahr 72 Stunden weniger gearbeitet als im Norden, künftig sind es nur noch 42 Stunden. "Die schleichenden Wettbewerbsnachteile haben wir nicht ganz eliminieren können", erklärte Hubbert. Immerhin werde der Standortnachteil von Sindelfingen gegenüber dem Bremer Werk deutlich reduziert.
Die einst vom damaligen IG-Metall-Chef Franz Steinkühler durchgesetzten fünf Minuten Pause pro Arbeitsstunde sollten ursprünglich vor allem Bandarbeiter entlasten. Sie werden inzwischen jedoch nicht mehr direkt abgefeiert, sondern auf einem Arbeitszeitkonto verbucht. Sie sind einer der Gründe für das Kostengefälle zwischen Sindelfingen und Bremen.
Zustimmung von Seiten der Politik
Von Seiten der Politik fand die Einigung dagegen ungeteilte Zustimmung. Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte, der Kompromiss werde zu einer Verstärkung der konjunkturellen Erholung beitragen. Die Vereinbarung sichere Arbeitsplätze an deutschen Produktionsstandorten. Er sei sich sicher, dass auch die Verhandlungen bei Volkswagen über Kosteneinsparungen und Beschäftigungssicherung erfolgreich abgeschlossen würden. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement äußerte sich zufrieden damit, dass weitere Protestaktionen im Konzern vermieden würden. Die FDP empfahl die Einigung als Modell auch für den Mittelstand. Das Paket aus längeren Arbeitszeiten, Maßhalten bei den Vorstandsbezügen und langfristiger Beschäftigungssicherung könne sich sehen lassen.
Ausnahmsweise waren sich die Liberalen sogar mit IG-Metall-Chef Jürgen Peters einig, der allerdings den Aspekt der Beschäftigungssicherung hervorhob. Es könne nicht hoch genug bewertet werden, dass die Arbeitsplätze langfristig abgesichert seien. "Der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen für acht Jahre ist ein wichtiges Signal", sagte Peters. Sein Stellvertreter Berthold Huber betonte, der Kompromiss spreche für die Flexibilität der Tarifverträge in der Metallindustrie.
Am frühen Morgen hatten sich Vorstand und Arbeitnehmervertreter nach zähem Ringen auf ein Sparpaket im Umfang von 500 Millionen Euro geeinigt. Im Gegenzug erhalten die Mitarbeiter in Deutschland aber eine Beschäftigungsgarantie bis 2012.
Steinkühler-Pause wird gestutzt
Den größten Teil der 500 Millionen Euro wollen die Verhandlungspartner beim Programm ERA einsparen, das die Angleichung der Bezüge von Arbeitern und Angestellten zum Ziel hat. Diese Angleichung wird nun langsamer kommen. Die Steinkühler-Pause bleibt zwar erhalten, wird künftig aber knapp zur Hälfte mit Weiterbildungszeiten verrechnet. Dies verringert das Lohngefälle zwischen den Werken in Sindelfingen und Bremen. Nicht angetastet wird die Sonderregelung, nach der im Südwesten bereits ab 12 Uhr Spätschichtzuschläge bezahlt werden.
Gespart werden soll dagegen im Dienstleistungsbereich, der bei Daimler künftig nicht mehr nach dem höheren Konzerntarif bezahlt werden wird, sondern nach den branchenüblichen Tarifen. In den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen wiederum soll auf freiwilliger Basis die 40-Stunden-Woche möglich werden. Auch bei vollem Lohnausgleich ist dies nach Konzernangaben günstiger, als den Mitarbeitern dort ständig Überstundenzuschläge zu bezahlen.
"Wir haben eine gute Lösung für DaimlerChrysler, aber auch für den Standort Deutschland gefunden", sagte Konzernchef Jürgen Schrempp am Freitagmorgen in Stuttgart. Die Vereinbarung könne Modellcharakter für den gesamten Standort Deutschland haben. Sie zeige, dass das Land keine pauschale Arbeitslänge oder Diskussionen über Urlaubs- und Feiertage brauche, sondern mehr Flexibilität in den direkten Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern vor Ort. Zugleich bekräftigte Schrempp, auch das Management werde seinen Beitrag leisten. Die Gesamtvergütung der Vorstandsmitglieder werde um zehn Prozent pro Jahr gesenkt. Auch die 3000 leitenden Angestellten in Deutschland würden zum Sparen herangezogen.
Hubbert entschuldigt sich
Mercedes-Chef Jürgen Hubbert entschuldigte sich bei der baden-württembergischen Landesregierung für den von ihm geprägten Begriff der "baden-württembergischen Krankheit". Die öffentliche Diskussion darüber sei aber ein Beweis dafür, dass inzwischen ein Prozess zur Abschaffung der Besonderheiten in dem Land in Gang gekommen sei, der unumkehrbar sei.
Der Vorstand hatte gedroht, die Fertigung der C-Klasse nach 2007 aus Kostengründen von Sindelfingen nach Bremen und Südafrika zu verlegen. Dies hätte über 6000 Arbeitsplätze im Südwesten bedroht. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sagte, die Einigung sei eine vernünftige Lösung und habe zukunftsweisenden Charakter.
In der vergangenen Woche hatten zehntausende Mitarbeiter von DaimlerChrysler aus Protest gegen die Sparpläne zeitweilig die Arbeit niedergelegt. Für den Fall eines Scheiterns der Gespräche waren erneute Proteste angekündigt. Die DaimlerChrysler-Aktie tendierte nach der Einigung freundlich. Nach einem Hoch von 36,77 Euro notierte sie am Vormittag in einem behaupteten Gesamtmarkt mit 36,33 Euro noch 0,3 fester als am Vortag.