DaimlerChrysler-Prozess Schrempps Showdown mit Kerkorian beginnt
Stuttgart - Kerkorian wirft dem Stuttgarter Autokonzern Irreführung und Schädigung der Chrysler-Aktionäre vor. Vorstandschef Jürgen Schrempp habe die Fusion zwischen Daimler-Benz und Chrysler nach außen als "Fusion unter Gleichen" dargestellt, aber von Anfang an als Übernahme durch die deutsche Seite geplant. Als früherer Chrysler-Großaktionär habe Kerkorian dadurch ein schlechtes Geschäft beim Aktientausch gemacht.
Kläger ist Kerkorians Investmentgesellschaft Tracinda, benannt nach seinen Töchtern Tracy und Linda. Wenn es nach DaimlerChrysler gegangen wäre, hätte der Prozess gar nicht erst begonnen. Rund 250.000 Seiten mit Dokumenten legte das Unternehmen dem Gericht vor, um die Vorwürfe zu entkräften. Doch Richter Joseph Farnan Jr. ließ sich von dem Aktenberg nicht beeindrucken. "Meiner Meinung nach ist es logisch, aus Tracindas Beweisen zu folgern, dass die Beklagten für Chrysler mehr gezahlt hätten, wenn die Transaktion eine Übernahme gewesen wäre", teilte er in einer schriftlichen Erklärung am vergangenen Donnerstag mit. Eine Abweisung der Klage ohne mündliche Verhandlung lehnte Farnan ab.
Seitdem bereiten sich Heerscharen von Anwälten auf den Prozess in der kommenden Woche vor. Ihr langes Wochenende nach Thanksgiving - dem einzigen Feiertag, an dem in den USA die Geschäfte geschlossen haben - müssen die amerikanischen Juristen dafür opfern. Der Prozess beginnt am Montag um 9.30 Uhr in einem unscheinbaren Justizgebäude in der North King Street in Wilmington im Bundesstaat Delaware. Nach Medienberichten könnte Kerkorian bereits am ersten Tag in den Zeugenstand gerufen werden. Schrempps Auftritt sei für die zweite Prozesswoche eingeplant, das Urteil werde erst für Anfang 2004 erwartet. Allerdings bleiben der genaue Ablauf und der Ausgang des Prozesses völlig ungewiss.
Dass die Deutschen bei Chrysler heute das Sagen haben, bestreitet inzwischen niemand mehr. Ohne die Finanzkraft des Konzerns und insbesondere von Mercedes-Benz hätte der drittgrößte amerikanische Autobauer die Rabattschlacht der vergangenen Jahre möglicherweise gar nicht durchgehalten. Ob sich die Fusion für beide Seiten gelohnt hat, kann hingegen noch nicht abschließend beurteilt werden.
Für Schrempp, der neben Finanzvorstand Manfred Gentz in dem Verfahren persönlich beschuldigt wird, geht es genau fünf Jahre nach dem Zusammenschluss neben allen juristischen Streitfragen also auch um seine Vision eines weltumspannenden Autokonzerns und seine Glaubwürdigkeit.
Einen Antrag Tracindas auf einen Geschworenenprozess wies Richter Farnan zurück. Das ist nach Einschätzung von Juristen ein kleiner Vorteil für DaimlerChrysler: Laien-Geschworene seien leichter durch emotionale Argumente zu beeinflussen. In einer Auseinandersetzung mit Chrysler-Kleinaktionären, die aus dem gleichen Grund wie Kerkorian klagten, einigte sich der Autokonzern deshalb im Sommer lieber auf einen Vergleich. DaimlerChrysler zahlte 300 Millionen Dollar - die Forderung hatte bei 22 Milliarden Dollar gelegen - die zum Teil von einer Versicherung übernommen wurden.
Auch mit Kerkorian gilt ein Vergleich noch vor Prozessbeginn als nicht völlig ausgeschlossen, ein Sprecher von DaimlerChrysler wollte Verhandlungen darüber jedoch nicht bestätigen.