DaimlerChrysler Rätselraten um Schrempps abrupten Abgang
Stuttgart- Noch im März suchte Schrempp Gerüchte über ein vorzeitiges Ausscheiden zu zerstreuen. Er habe einen Vertrag bis 2008, den er zu erfüllen gedenke. "Ich weiß nicht, warum sie das fragen", erklärte der Manager seinerzeit im "Wall Street Journal", "ich sitze hier 2005, ich bin in guter Verfassung, und ich bin sehr glücklich".
Das Glück war nicht von Dauer. Der für die Öffentlichkeit überraschende Rücktritt Schrempps zum Jahresende ist wohl keine spontane Entscheidung gewesen. In einem Brief an mehrere Chefredaktionen hatte der Top-Manager gestern geschrieben, sein Ausscheiden sei bereits seit einiger Zeit geplant gewesen. Wie die Nachrichtenagentur AFX aus Konzernkreisen erfahren haben will, führte Schrempp in den vergangenen drei Monaten "intensive Gespräche" mit dem Aufsichtsrat.
Es habe mehrere Diskussionen mit Aufsichtsratschef und Schrempp-Duzfreund Hilmar Kopper sowie anderen Mitgliedern des Kontrollgremiums gegeben, wann der richtige Zeitpunkt für den Abgang gewählt werden könne. Schrempp ziehe sich nicht aus Privatgründen zurück, hieß es.
"Wasser bis zum Hals"
Die "Business Week" berichtet, die Lage bei DaimlerChrysler sei möglicherweise ernster als bisher bekannt. "Dem Unternehmen steht das Wasser bis zum Hals" zitiert das Magazin in seiner Onlineausgabe einen Daimler-Manager. Die deutsche Bank, so die Quelle, habe bereits seit zwölf Monaten über einen vorzeitigen Abgang Schrempps diskutiert. Von DaimlerChrysler lag zunächst keine Stellungnahme vor.
Als ungewöhnlich wird von Beobachtern die Tatsache gewertet, dass der Aufsichtsrat Schrempp nicht wie normalerweise üblich für seine Arbeit gedankt hat. Dies ist umso erstaunlicher, als Schrempp nicht nur zehn Jahre Unternehmenschef war, sondern insgesamt 45 Jahre "beim Daimler" gearbeitet hat.
Fragen werfen auch Schrempps Verzicht auf Gehalt und Abfindung auf. Wenn ein Vorstandschef vorzeitig in Rente geschickt wird, erhält er normalerweise eine größere Einmalzahlung, unter Umständen wird auch das Gehalt weiter überwiesen. Nicht so in diesem Fall. Auch die in deutschen Großunternehmen übliche Praxis, langjährige Vorstandschefs in den Aufsichtsrat zu befördern, greift bei Schrempp nicht. Er sagte gestern, dass er keinen Sitz in dem Kontrollgremium anstrebe.
Kein Nachfolger für Cordes in Sicht
Mercedes-Chef Eckhard Cordes, der das Rennen um die Nachfolge gegen Chrysler-Chef Dieter Zetsche verloren hat, soll dem Aufsichtsrat nach Informationen von manager-magazin.de seinen Rücktritt angeboten haben. Dies wollte der Konzern zunächst nicht kommentieren. Offenbar will der ehrgeizige Cordes nicht akzeptieren, dass er nicht zum Zuge kommt. In den nächsten Tagen werde es jedoch keine Entscheidung über die weitere Top-Personalie geben, so die Konzernkreise.
Der Aufsichtsrat, dem auch Manager aus den USA angehören, hatte am Donnerstag den Rücktritt von Schrempp gebilligt und Zetsche zum neuen Vorstandschef auserkoren. Eine erneute Einberufung des 20-köpfigen Gremiums zum Thema Cordes innerhalb kürzester Zeit sei nicht möglich, berichtetet AFX unter Verweis auf die Konzernkreise. Schnell einen geeigneten Chef für die sanierungsbedürftige Mercedes Car Group (Mercedes, Smart, Maybach) zu finden, gilt als schwierig.