DaimlerChrysler Vakuum an der Mercedes-Spitze
Stuttgart - Meldungen, Mercedes-Chef Eckhard Cordes wolle nach dem verlorenen Machtkampf um die Schrempp-Nachfolge seinen Posten aufgeben, wurden heute aus Kreisen des Aufsichtsrats indirekt bestätigt. Cordes hatte wohl zunächst nur Aufsichtsratschef Hilmar Kopper über seine Absichten informiert. Nach der Sitzung, in der das Ende der Ära Schrempp besiegelt wurde, hätten die Aufsichtsratsmitglieder davon erfahren, hieß es aus dem Umfeld des Gremiums. Sollte Cordes den DaimlerChrysler-Konzern verlassen, favorisiere das Gremium eine interne Nachfolgelösung. Es gebe zwar mehrere "interessante Kandidaten", zurzeit aber werde noch mit Cordes gesprochen. "Die Entscheidung liegt ganz allein bei ihm".
Noch hat Cordes allerdings noch nicht förmlich um die Auflösung seines Vertrags gebeten. Einig seien sich alle 20 Mitglieder des Aufsichtsrats, dass sich Cordes in einem "relativ engen Zeitrahmen" äußern müsse. Noch habe der Manager - trotz seines spontanen Rücktrittsangebots - die Chance zum Weitermachen. Der Aufsichtsrat sei mit seiner Arbeit in der Mercedes Car Group sehr zufrieden. Wie sich Cordes entscheide, sei derzeit offen: "Es kann sein, dass er seine persönlichen Konsequenzen zieht und das müsste man respektieren".
Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm sieht trotz der Unsicherheiten um die Besetzung des Vorstands keine Führungskrise bei Mercedes. Das Unternehmen habe ordentliche Zahlen vorgelegt. "Alle Bereiche sind auf einem guten Weg." Schrempp gehe in allen Ehren in den Ruhestand.
"Kein Anlass für außerordentliche Sitzung"
Zu einem möglichen Rückzug von Mercedes Car Group-Vorstand Eckhard Cordes wollte sich Klemm, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender ist, nicht äußern. Er habe keine Ahnung, ob es einen Anlass für eine außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrats gebe. Er selbst sei in den kommenden drei Wochen im Urlaub und habe nicht die Absicht, irgendeine Sitzung zu besuchen, bekräftige Klemm.
Was die Zukunft für die Arbeitnehmer betrifft, gab sich Klemm zuversichtlich. Es gehe davon aus, dass Zetsche an der Grundausrichtung des Konzerns nichts ändern werde und am Vertrag über die Beschäftigungssicherung festhalte Danach sind betriebsbedingte Kündigungen bis zum Jahr 2012 also ausgeschlossen. Gespräche über einen möglichen sozialverträglichen Personalabbau sollen im September starten. Ein Ergebnis werde für den Herbst erwartet. Genauere Angaben zum Ausmaß des Personalüberhangs wollte Klemm nicht machen. Die in zuletzt öffentlich gehandelte Zahl von 5000 Beschäftigten zu viel sei zu hoch und falsch.
Die "Business Week" hatte berichtet, die Lage bei DaimlerChrysler sei möglicherweise ernster als bisher bekannt. Speziell die Probleme beim Flaggschiff Mercedes könnten sich erneut negativ auf das Ergebnis auswirken. "Dem Unternehmen steht das Wasser bis zum Hals" zitierte das Magazin in seiner Onlineausgabe einen hochrangigen Manager. DaimlerChryslers Kommunikationschef Hartmut Schick dementierte gegenüber SPIEGEL ONLINE diese Darstellung. "Besonders der Juni und der Juli sind gut gelaufen", sagte er.
Kein "goldener Handschlag"
Wie die Nachrichtenagentur dpa-AFX aus Konzernkreisen erfahren haben will, hatte Schrempp in den vergangenen drei Monaten "intensive Gespräche" mit dem Aufsichtsrat geführt. Es sei insbesondere um den richtigen Zeitpunkt für den Abgang gegangen.
Als ungewöhnlich wird von Beobachtern die Tatsache gewertet, dass der Aufsichtsrat Schrempp nicht wie normalerweise üblich für seine Arbeit gedankt hat. Dies ist umso erstaunlicher, als Schrempp nicht nur zehn Jahre Unternehmenschef war, sondern insgesamt 45 Jahre "beim Daimler" gearbeitet hat.
Fragen werfen auch Schrempps Verzicht auf Gehalt und Abfindung auf. Wenn ein Vorstandschef vorzeitig in Rente geschickt wird, erhält er normalerweise eine größere Einmalzahlung, unter Umständen wird auch das Gehalt weiter überwiesen. Nicht so in diesem Fall. Auch die in deutschen Großunternehmen übliche Praxis, langjährige Vorstandschefs in den Aufsichtsrat zu befördern, greift bei Schrempp nicht. Er sagte gestern, dass er keinen Sitz in dem Kontrollgremium anstrebe.