DaimlerChrysler Zwergenaufstand gegen Schrempp
Berlin - Der große Ansturm ist ausgeblieben. Lediglich rund 10.000 Aktionäre hatten sich im Messezentrum in Berlin zur Hauptversammlung von DaimlerChrysler eingefunden - erwartet hatten die DaimlerChrysler-Strategen 18.000. In einer braven Rede versuchte der DaimlerChrysler-Chef so gut wie möglich, die Wogen zu glätten. Er versicherte, die Sanierung von Chrysler komme gut voran. Die Firma werde 2002 wieder die Gewinnzone erreichen. Die Übernahme des 3,3-Prozent-Anteils von Volvo an Mitsubishi konnte er als einzige Neuigkeit verkaufen. Der Anteil der Stuttgarter an dem japanischen Autobauer steigt damit auf 37,3 Prozent. Zusätzlich erhält DaimlerChrysler Zugriff auf die profitable Lkw-Sparte von Mitsubishi.
Aktionäre mit Wut im Bauch
Danach versuchten die Kritiker, dem Vorstand einzuheizen. Viele Kleinaktionäre machten in 28 Gegenanträgen ihrem Unmut über die drastischen Kursverluste der Aktie nach der Fusion mit Chrysler zum drittgrößten Autohersteller der Welt Luft. "Selten sind Aktionäre mit einer solchen Wut im Bauch zu einer Hauptversammlung angereist", sagte der Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Klaus Kessler.
Er und andere Aktionäre wollten die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat des Konzerns verhindern. Sie warfen der Daimler-Führung vor, die Fusion von Daimler-Benz und Chrysler 1998 schöngeredet zu haben. Schrempp und sein Vorstand hätten die Aktionäre teils unrichtig informiert und es an Sorgfalt bei Chrysler fehlen lassen.
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Doch nur wenigen Rednern gelang es, das Publikum mitzureißen. Am ehesten schaffte dies noch Ekkehard Wenger. Der für seine bissigen Anmerkungen auf Hauptversammlungen bekannte Würzburger Wirtschaftsprofessor nannte die Fusion die bislang "katastrophalste Fehlentscheidung einer deutschen Aktiengesellschaft".
"Schrottladen zum Mondpreis
"Man hat ganz bewusst nicht so hingeschaut", sagte Wenger. Dies sei geschehen, "damit Schrempp und Konsorten an die große Kohle kommen". Man habe nicht den Wert von Chrysler geprüft und "einen Schrottladen zu einem Mondpreis" erhalten, kritisierte er unter dem tosenden Beifall der Aktionäre. "Wenn sich etwas ändern soll, muss nicht nur Herr Schrempp verschwinden, sondern der ganze Aufsichtsrat." Als Jürgen Schrempp den Aktionärsschützer in seiner Antwort mit einem Halbsatz abspeiste, waren zum ersten Mal Pfiffe im Saal zu hören.
Andere Redner sprachen sich hingegen dafür aus, der Führung noch eine Chance zu geben. "Statt den Kopf der Verantwortlichen zu fordern, sollten wir sie in die Verantwortung nehmen, damit der Karren wieder aus dem Dreck kommt", sagte ein Kleinaktionär. DSW-Sprecher Kessler machte aber klar, dass die Geduld vieler Aktionäre nahezu erschöpft ist. "Entweder andere Zahlen oder andere Köpfe", forderte er. Kleinaktionär Kurt Fiebich, normalerweise ein scharfer Kritiker, sagte, der Zusammenschluss mit Chrysler sei strategisch weitsichtig und richtig gewesen.
Die kämpferische Stimmung ging schnell verloren
Doch die kämpferische Stimmung ging während der teilweise langatmigen Reden und Rechtfertigungen schnell verloren. Am Nachmittag verfolgten nur noch wenige Zuhörer die Ausführungen, die über Lautsprecher überall zu hören waren. Außerhalb des Hauptsaals wirkte die Stimmung beinahe friedlich.
Zufrieden war aber fast keiner. Besonders erbost äußerte sich ein Kleinaktionär, der kurz nach der Fusion von Daimler-Benz und Chrysler eingestiegen ist: "Seitdem der Aktienkurs eingebrochen ist, spricht keiner der Herren mehr vom Shareholder Value." Ein anderer forderte: "Die Kapitalvernichter gehören rausgeschmissen".
Das die Attacken wirklich etwas bewirken könnten, erwartet niemand. Zu gering ist der Stimmenanteil, den die Unzufriedenen repräsentieren. 25 Prozent der Anteile verteilen sich auf 1,9 Millionen Privatanleger, von denen gerade 10.000 in Berlin erschienen sind. Gegen Großaktionäre wie die Deutsche Bank (12 Prozent Anteile), das Emirat Kuwait (sieben Prozent) und Institutionelle Investoren (insgesamt 56 Prozent), die hinter dem Schrempp-Kurs stehen, können sie nichts ausrichten.
Am späten Abend schließlich bekam Vorstand und Aufsichtsrat die erwartete Entlastung. Die Mehrheit für den Vorstand von 94,03 Prozent und den Aufsichtsrat von lediglich 76,86 Prozent wird von Experten allerdings als heftige Ohrfeige gewertet. Im Vorjahr hatten beide Gremien noch knapp 99 Prozent Zustimmung erhalten. Den Rednern bleibt die Genugtuung, den hohen Herren mal richtig eingeheizt zu haben.