Damenwahl - DER SPIEGEL
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BANKEN Damenwahl

Zum erstenmal wurde eine Frau in den Aufsichtsrat einer deutschen Bank gewählt. Westdeutschlands Wirtschaftsbosse erwiesen sich bisher durchweg als frauenfeindlich.
• aus DER SPIEGEL 22/1971
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»Ich bin entsetzt über diesen Vorschlag«, entrüstete sich Kleinaktionär Erich Nold auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank (DB). »Dieser Sturz die Treppe hinauf führt zu, führt zu -- Dingen, die ich nicht aussprechen kann.«

Die verbale Hilflosigkeit des Kleinaktionärs Nold galt einem in der Tat ungewohnten Vorgang: Zum erstenmal in der deutschen Banken-Geschichte stellte sich eine Frau -- auf Wunsch des Managements -- der Wahl zum Aufsichtsrat.

Kaum zuvor erlebte eine westdeutsche Hauptversammlung eine derart ausführliche Personaldiskussion wie am Freitag vorletzter Woche die Besucher der Deutschen Bank in Frankfurt: Der Vorschlag der Banker stand zur Debatte, der Düsseldorfer Hausfrau Hannelore Winter, 39, einen Posten in ihrem Kontrollorgan anzutragen. Im Kreise der »crème de la crème der deutschen Wirtschaft« ("Der Aktionär") sollte sie dafür jährlich etwa 40 000 Mark Tantieme sowie Sitz und Stimme erhalten.

Ausgerechnet Westdeutschlands renommierteste Großbank -- mit Hermann Josef Abs als Aufsichtsratvorsitzer Inbegriff einer konservativen Männerwelt der Macht und Milliarden -- bot einer Hausfrau einen Führungsposten, die ihre Qualifikation auf ihre einstige Tätigkeit als Vorstandssekretärin zurückführt. War die Wahl der Stuttgarter Rechtsanwältin Elgin Gärtner-Amrhein in den Aufsichtsrat der Volkswagen AG vor zehn Jahren schon ein unerwartetes Ereignis -- Elgin Gärtner-Amrhein wird dem jetzt neu zu wählenden VW-Aufsichtsrat nicht mehr angehören -, so erschien die Damenwahl der Bankiers als emanzipatorische Sensation.

Die Anwalts-Ehefrau Hannelore Winter war den Herren im vergangenen Jahr auf der DB-Hauptversammlung in Düsseldorf aufgefallen: Mit einigen Fragen zur Bedeutung der Dividende für das Haushaltsgeld hatte sie bei den Bankiers sogleich Gefallen gefunden. Abs damals: »Frau Winter hat eine Chance, weil sie ihre Fragen in kürzester Zeit angebracht hat.«

Die Deutsch-Banker glaubten sich verpflichtet, einer Frau einen Aufsichtsrat-Sitz frei zu machen, da sie festgestellt hatten, daß 33 Prozent ihrer DB-Aktien von weiblichen Anlegern gehalten werden. Wie kein anderes Unternehmen genießt die Deutsche Bank das Vertrauen der Hausfrau; mit Abstand erst folgt Siemens (20 Prozent der Aktien bei Hausfrauen).

Dennoch arbeiteten Frauen bislang nur sehr selten in den Führungsgremien der Wirtschaft: Die Vorstandssessel der 2300 Aktiengesellschaften werden allein von Männern gehalten, und in den Aufsichtsräten dieser Unternehmen »gibt es bisher allerhöchstens ein Dutzend Frauen -- und dann zumeist nur solche, die mit dem Großaktionär liiert sind« (Aktionärsvertreter Kurt Fiebich). Selbst Positionen auf der Geschäftsleitungs-Ebene mittlerer Betriebe, so errechnete der Düsseldorfer Personalberater Jörg Zauber, werden in der gesamten Bundesrepublik »nur zu ungefähr 0,3 Prozent von Frauen besetzt«.

Ursula Kneer, Geschäftsführerin der Vereinigung von Unternehmerinnen, glaubt deshalb, daß »die Frauen immer mehr in die Selbständigkeit flüchten, weil sie keine Management-Aufgaben übertragen bekommen«. Ein Drittel aller deutschen Unternehmerinnen haben ihre Betriebe selbst gegründet, wie beispielsweise die Berlinerin Sigrid Kressman-Zschach, die ein Architektenbüro mit über 100 Beschäftigten leitet, oder die Westfälin Marianne Busch-Bastert, Chefin über 600 Arbeiter und Angestellte der von ihr aufgebauten Zigarren-Fabrik Elbaco.

Auch die Frankfurter Personaldebatte der Männer über Hannelore Winter blieb nicht frei von virilen Vorurteilen. Die Aktionäre mochten ihr nicht zutrauen, im Elitegremium der deutschen Wirtschaft -- neben Friedrich Karl Flick. Jörg Henle, Herbert Quandt und Ernst von Siemens -- bestehen zu können. »Da ich unbekannt bin«, interpretierte die Düsseldorferin das Mißtrauen, »kann ich diese Skepsis ja verstehen.«

In der vierstündigen Aussprache über Jahresabschluß, Geschäftsbericht und Erhöhung des Grundkapitals fiel ihr Name 21mal. Die Kleinaktionärin Hildegard Gottlob aus Essen plädierte sogar für »mindestens drei Frauen« im Aufsichtsrat.

Mit 99 Prozent aller Stimmen schließlich wurde Hannelore Winter gewählt; denn, so Bank-Pressesprecher Walther Weber, »die Vorschläge unseres Aufsichtsrats finden meist Gehör«.

Nur der Darmstädter Nold, Opponent auf fast allen bedeutenden Hauptversammlungen, konnte sich mit der Karriere der Düsseldorfer Kleinaktionärin nicht abfinden: »Ihre Wahl, Frau Winter«, räsonierte er, »verdanken Sie auch meiner Tätigkeit. Ihre Fragen hätten Sie im letzten Jahr nicht so gut formulieren können, wenn ich nicht schon seit sieben Jahren gefragt hatte.«

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