KONJUNKTUR Dank abstatten
Arbeitsminister Herbert Ehrenberg bezweifelte die Lauterkeit eines Kollegen.
Unter Kabinettsmitgliedern äußerte der Diplom-Volkswirt in der vorigen Woche den Verdacht, Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff habe seine düstere Prognose über die wirtschaftliche Entwicklung des nächsten Jahres wohl eigenen politischen Interessen nachmodelliert.
Auch das Herbstgutachten der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute, von dem Lambsdorff sich am vorigen Montag »bestätigt« sah, konnte den Arbeitsminister nicht von seinen finsteren Verdächtigungen abbringen.
Bis zuletzt hatte Ehrenberg versucht, Lambsdorff zu einer Änderung seiner Vorhersage -- ein halbes Prozent Wachstum, im Schnitt über 1,1 Millionen Arbeitslose -- zu bewegen.
Nach Ehrenbergs Tableau sollte die Wirtschaft um ein halbes Prozent mehr zulegen, die durchschnittliche Zahl der Arbeitslosen sollte unter einer Million bleiben.
Der komische Streit um halbe Prozentpunkte scheint ökonomisch wenig Sinn zu machen. Es geht um politische Interessen: Während Lambsdorff mit pessimistischen Vorhersagen die gewerkschaftlichen Lohnforderungen niedrig halten will, möchte Ehrenberg mit seiner optimistischen Version allzu hohe Zuschußzahlungen für die Sozialversicherungen im Haushaltsplan für 1981 vermeiden.
Träfen Lambsdorffs Zahlenspiele zu, dann müßte Ehrenberg ein Milliardendefizit bei der Bundesanstalt für Arbeit decken und ein gewaltiges Minus bei der Rentenversicherung vertreten. Auch halbe Prozentpunkte bedeuten da Hunderte von Millionen.
Doch Lambsdorff wies die Ehrenberg-Devise, daß nicht sein kann, was nicht sein darf, zurück: Das von ihm prognostizierte 0,5-Prozent-Wachstum sei »eher optimistisch«.
So absurd das Gezerre um die Zahlen auch erscheint, es spiegelt die gegenwärtige Unsicherheit über den Lauf der Konjunktur. Möglich ist im Herbst 1980 ein ganzes Spektrum von Vorhersagen, aus dem sich jeder die ihm passende Kombination heraussuchen kann.
So schwankten die Prognosen der wirtschaftswissenschaftlichen Institute zwischen einem Wachstum von minus eins (Kieler Weltwirtschaftsinstitut) und plus eins (Rheinisch-Westfälisches Institut Essen). Für ihre Gemeinschaftsprognose verständigten sich die Fachleute einfach auf das arithmetische Mittel, also auf Null.
Mit den von Wissenschaftlern bestätigten trüben Aussichten kann Lambsdorff gleich eine ganze Reihe seiner eigenen Forderungen begründen. In der vorletzten Woche, als der Arbeitskreis Wirtschaft der FDP-Fraktion die Koalitionsverhandlungen vorbereitete, machte der Wirtschaftsminister vor den Parteifreunden deutlich, daß er vor allem die privaten Investitionen anheizen will. Die Unternehmen müßten daher frei bleiben von zusätzlichen Sozialkosten, und sie sollen auch nicht durch S.40 hohe Lohnsteigerungen belastet werden.
Dabei weiß auch der Wirtschaftsminister, daß seine traurige Vision vom Mini-Wachstum vorläufig nur für die ersten Monate des nächsten Jahres gilt. Alle Konjunkturdenker sind sich nämlich in der Erwartung einig, daß es irgendwann im nächsten Jahr wieder aufwärtsgehen wird.
Für eine vorübergehende Konjunkturschwäche spricht vor allem, daß die Unternehmen nicht aufgehört haben, neue Ausrüstungen für die Produktion zu kaufen. Steht eine längere Rezession an, dann bricht die Ausrüstungsinvestition in der Regel völlig ein.
Wann freilich der Umschwung kommt, ist offen -- nicht zuletzt deshalb, weil Produzenten, Groß- und Einzelhandel ihre Lager bis zum Rand mit Waren gefüllt haben. Zu hohe Umsatzerwartungen in der ersten Hälfte des Jahres und die Angst vor neuen internationalen Krisen veranlaßten Industrie und Handel, für 19 Milliarden Mark zusätzlich Vorräte aufzutürmen, das sind fast 30 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Vom Münchner Ifo-Institut befragt, klagten Mitte Oktober über 40 Prozent der Einzelhändler über zu große Lagerbestände -- eine Quote, die bisher nur vor den Rezessionen von 1967 und 1975 gemessen worden war.
Die Unsicherheit über das Wann und Wie der konjunkturellen Trendwende genügt dem Bonner Wirtschaftsminister und den Unternehmensverbänden, die Gewerkschaften für die nächste Lohnrunde unter Druck zu setzen.
Das könnte sogar Erfolg haben. Denn auch die Gewerkschafter werden sich nicht der Einsicht verschließen können, daß weder Bonn noch die Bundesbank der Wirtschaft wachstumsfördernde Drogen verpassen können.
Bonner Ausgabenprogramme kosten Milliarden, die nur mit noch höherer Staatsverschuldung zu bezahlen sind. Finanzminister Hans Matthöfer aber beteuert unablässig seinen Sparwillen.
Die Bundesbank, andererseits, kann vorerst nicht mit billigem Geld für neuen Schub sorgen. Der schwache Kurs der Mark und das Rekorddefizit in der Leistungsbilanz zwingen die Bundesbanker, mit hohen Zinsen die Mark für Anleger einigermaßen attraktiv zu halten.
Bleibt wohl nur der Lohn. Niedrige Abschlüsse sollen die Kosten drücken, die Gewinne nähren und deutsche Produkte preisgünstig und damit international wettbewerbsfähig halten.
In ihren vertraulich gestempelten »gesamtwirtschaftlichen Vorausschätzungen für die Jahre 1980 und 1981« haben dieser Tage die Frankfurter Bundesbanker hochrechnen lassen, was bei verschiedenen Lohnabschlüssen, läuft alles wie in den volkswirtschaftlichen Lehrbuchmodellen, 1981 mit der Konjunktur passiert.
Steigen die Tariflöhne im nächsten Jahr um sechs Prozent, dann gäbe es danach kein Wachstum. Die Arbeitslosigkeit würde auf durchschnittlich 1 050 000 hochschnellen, die Unternehmer-Einkommen stiegen um ein mageres Prozent.
Begnügen sich die Gewerkschafter aber mit 4,5 Prozent, so die Analyse, dann sieht das Bild viel freundlicher aus: Wachstum ein Prozent, Arbeitslosigkeit unter einer Million, Unternehmereinkommen plus 3,5 Prozent.
Verbittert kommentiert DGB-Vorsitzender Heinz Oskar Vetter: »Das geht wie immer, wenn nichts mehr geht, sollen die Löhne dafür zahlen.«
Es ist, wie meist, ein Vabanque-Spiel für die Gewerkschafter. Geringe Lohnabschlüsse sind nur dann zumutbar, wenn sich die Inflationsrate tatsächlich, wie in den Modellen unterstellt, bei vier Prozent einpendelt. Doch für Preisstabilität gibt es, springt die Konjunktur wieder an, von den Unternehmern keine Garantie.
Mit gutem Beispiel, so schreiben die wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute in ihrem jüngsten Gutachten, könnte der Staat vorangehen, indem er Lohnverzicht für seine Beamten verkündet. In seiner Streichliste hatte Finanzminister Hans Matthöfer auch vorgesehen, die nächste Besoldungserhöhung um drei Monate hinauszuschieben und frei werdende Stellen ein halbes Jahr vakant zu lassen.
In den Koalitionsverhandlungen der vergangenen Woche wurde dies alles gestrichen. Lambsdorffs FDP hatte Dank bei ihren zahlreichen Wählern aus dem Staatsdienst abzustatten.