Das 100-Milliarden-Ding - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 41 / 124

MOBILFUNK Das 100-Milliarden-Ding

Wie im Rausch steigerten die Mobilfunkkonzerne den Preis für die UMTS-Frequenzen in unvorstellbare Höhen. Das freut vor allem den Finanzminister, doch für einige der Handy-Konzerne könnten sich die hohen Kosten als - zu - schwere Last erweisen.
• aus DER SPIEGEL 34/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sieger sehen anders aus. Von überschäumender Freude war jedenfalls nichts zu bemerken, als sechs Konzernmanager am Donnerstag vergangener Woche gegen 18.30 Uhr die Urkunden für eine der begehrten UMTS-Lizenzen erhielten. Ein Handschlag, ein Gläschen Sekt, das war''s.

Selbst Mobilcom-Chef Gerhard Schmid gab sich ungewohnt zurückhaltend. »Wer eine UMTS-Lizenz hat, gehört zu den Gewinnern«, sagte er. Der Preis sei vielleicht ein wenig hoch. Doch insgesamt, sekundierte E-Plus-Vorstand Horst Lennertz, sei man mit dem Verlauf der Auktion »äußerst zufrieden«.

Gut zweieinhalb Stunden zuvor hatte der Chef der Bonner Regulierungsbehörde,

Klaus-Dieter Scheurle, ein letztes Mal auf die Stoppuhr gedrückt, mit der knapp drei Wochen lang die Einhaltung des 40-Minuten-Taktes der insgesamt 173 Bieterrunden überwacht worden war.

Das Ergebnis, das wenig später auf die Wand des Konferenzsaals der ehemaligen Kaserne in Mainz-Gonsenheim projiziert wurde, bricht alle Rekorde.

Fast 100 Milliarden Mark werden die sechs siegreichen Unternehmen in den nächsten zwei Wochen auf ein Sonderkonto der Bundesregierung überweisen müssen. Das sind fast 80 Milliarden mehr, als Finanzminister Hans Eichel offiziell in den Haushalt eingeplant hatte, rund 25 Milliarden mehr als der Fabelpreis, der bei der ersten UMTS-Auktion vor einigen Wochen in Großbritannien erzielt wurde und fast 6,5 Prozent der Gesamtverschuldung des Bundes.

Einen solchen Geldsegen hatte es für einen deutschen Finanzminister noch nie gegeben. Kein Wunder, dass die gewaltige Summe im Berliner Sommerloch die Phantasie der Politiker beflügelt - sie übertreffen sich mit immer neuen Vorschlägen, wie das Geld am besten unters Volk zu bringen sei: Nicht nur Not, auch Überfluss macht offenbar erfinderisch.

CSU-Chef Edmund Stoiber zum Beispiel, so ließ er über »Bild am Sonntag« wissen, würde mit den Milliarden am liebsten bei der Steuerreform nachbessern, sein rheinland-pfälzischer Ministerpräsidentenkollege Kurt Beck dagegen hält eine Bafög-Erhöhung für wichtiger. Umweltminister Jürgen Trittin hob sofort die Hand für »Energieeinsparung, Wärmedämmung und Nahverkehr«, der SPD-Sozialpolitiker Ottmar Schreiner mahnte niedrigere Steuern bei Arbeitnehmerabfindungen an.

Kaum eine öffentliche Einrichtung, die nicht vom UMTS-Segen profitieren sollte: von der Bundeszentrale für politische Bildung (FDP-Chef Wolfgang Gerhard) bis zum »öffentlich-rechtlichen Rundfunk« (der sächsische PDS-Abgeordnete Heiko Hilker). Zum Spitzenreiter im Forderungswettlauf aber entwickelte sich - weil es so schön zur aktuellen Sommerdebatte passte - der Kampf gegen rechts. Dafür wollen die grüne Parteichefin Renate Künast, SPD-Fraktionsgeschäftsführer Wilhelm Schmidt sowie der brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe Geld aus der UMTS-Versteigerung ausgeben.

Doch Eichel will hart bleiben - obwohl die Erlöse weit höher sind, als er selbst erwartet hat. Die UMTS-Milliarden sollen allein dem Schuldenabbau dienen.

Auch dem Drängen der Länder, sie an den Erlösen zu beteiligen, wollen Eichel und Bundeskanzler Gerhard Schröder auf keinen Fall nachgeben. Die Klagen mancher Ministerpräsidenten, die hohen Kosten für die Lizenzen minderten die Steuerzahlungen der Unternehmen - und damit die Einnahmen von Ländern und Kommunen -, halten sie für einen Ausdruck von Weinerlichkeit. Wie jede Investition können auch Lizenzgebühren abgeschrieben werden. Später, wenn sich der lukrative Markt für die dritte Generation des Mobilfunks entfaltet habe und die Unternehmen Gewinne machten, profitierten auch die Länderkassen, hält Eichel dagegen.

Der geplante Schuldenabbau stimuliere die gesamte Wirtschaft, argumentieren die Experten im Finanzministerium. Wenn der Bund 100 Milliarden Mark an Krediten zurückzahle, würden auch die Zinsen auf dem Kapitalmarkt tendenziell sinken. Dadurch würden Unternehmen entlastet und Investitionen angeregt. Diese Entwicklung komme auch den Ländern zugute.

Die Schuldentilgung sei deshalb wachstumsintensiver als einmalige Ausgabenprogramme, die schnell verpuffen, argumentieren Eichels Experten. Und die meisten Ökonomen sehen das genauso. Die Versteigerungserlöse müssten »vollständig zum Abbau der Staatsschulden eingesetzt werden«, verlangt zum Beispiel Horst Siebert, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung. Alles andere würde nur »zu neuen Diskussionen führen, um die staatlichen Ausgaben doch wieder nach oben zu schrauben«.

Der Bonner Volkswirt Manfred Neumann dagegen, zugleich Mitglied des wissenschaftlichen Beraterstabs beim Bundeswirtschaftsministerium, hält die Eichel-Linie dagegen für »ein wenig stur«. Der Ökonom plädiert stattdessen dafür, mit einem Teil der Einnahmen für mehrere Jahre den Spitzensatz bei der Einkommensteuer zu senken. Das mache »Arbeiten und Investieren wieder attraktiver« und werde »Konjunktur und Wachstum so auf Trab bringen, dass auch der Staat nach einiger Zeit wieder höhere Steuereinnahmen verbuchen kann«. Damit ließen sich die Schulden dann sogar leichter abbauen als heute. Neumann: »Steuersenkungen jetzt sind besser als Steuersenkungen in der Zukunft.«

Wohl dem, der Eichels Sorgen hat: Er ist der unbestrittene Gewinner der Lizenzversteigerung. Für die sechs siegreichen Firmen jedoch bedeutet der Ausgang eine äußerst schwere Hypothek für die Zukunft - und zugleich ein gewaltiges Ärgernis.

Denn das Ergebnis, das Scheurle am Donnerstag verkündete, wäre bereits einige Tage vorher, nach dem Ausstieg der Stuttgarter Telefongesellschaft Debitel, möglich gewesen - allerdings mehr als 35 Milliarden Mark billiger.

Genau zwölf Frequenzblöcke hatte die Regulierungsbehörde nämlich zum Kauf angeboten. Zwei davon mussten die Unternehmen mindestens ersteigern, um eine der begehrten Lizenzen zu erhalten. Maximal drei durften sie kaufen. Nach dem Ausstieg von Debitel wäre somit rechnerisch für jeden der verbliebenen sechs Bieter eine kleine Lizenz vorhanden gewesen.

Doch anstatt sich bereits am vergangenen Montag mit zwei Frequenzblöcken für den immerhin schon horrenden Preis von rund zehn Milliarden Mark zufrieden zu geben, setzten die beiden Marktführer T-Mobil und Mannesmann auf eine so genannte große Lizenz mit drei Blöcken.

Eine Frequenzausstattung von drei Blöcken bringt für den späteren UMTS-Betrieb nur geringe Vorteile. Wer nur zwei Blöcke besitzt, muss sein Handy-Netz lediglich enger stricken: Das bedeutet einen Kostenaufwand von maximal ein bis zwei Milliarden Mark für mehr Sendemasten und andere technische Anlagen - rechtfertigt aber keineswegs die Preise, die Telekom und Mannesmann für den dritten Block zu zahlen bereit waren.

Das Kalkül der beiden Marktführer war ein anderes: Sie wollten einen weiteren potenziellen Wettbewerber aus dem Markt drücken. »Die Preise«, so ein Telekom-Manager Anfang vergangener Woche, »haben inzwischen ein so hohes Niveau erreicht, dass einem der Konkurrenten auf kurz oder lang einfach die Luft ausgehen muss.«

Das war wohl eine der teuersten Fehleinschätzungen in der deutschen Wirtschaftsgeschichte: Sie kostete die beteiligten Unternehmen rund 35 Milliarden Mark.

Allein am Montag vergangener Woche kletterte die Summe der Höchstgebote von 64 Milliarden auf über 78 Milliarden Mark. Doch weder der vermeintliche Außenseiter 3G, ein von der spanischen Telefónica angeführtes Bieterkonsortium, noch die als finanzschwächer eingestufte Mobilcom oder E-Plus stiegen aus dem Rennen aus.

Selbst die Viag Interkom, deren Miteigentümer E.on angesichts der horrenden Lizenzkosten mitten im Bietergefecht seinen 45-prozentigen Anteil panikartig dem zweiten Haupteigentümer British Telecom zum Kauf anbot, blieb dabei. Auch fallende Börsenkurse und Warnsignale von Analysten, die das Versteigerungsverhalten inzwischen mit einem »unkalkulierbaren Goldrausch« verglichen, konnten die sechs verbliebenen Firmen nicht abschrecken.

Und so stiegen die Gebote weiter, Milliarde für Milliarde, im von Scheurle und seinen Beamten streng überwachten Takt von 40 Minuten. Am Dienstag war die Gesamtsumme bereits auf über 85 Milliarden Mark angewachsen - genug, um jedem »Deutschen einen 1000-Mark-Schein in die Hand zu drücken« oder die »Mineralölsteuer für ein Jahr abzuschaffen«, rechnete »Bild« genüsslich vor.

Mittwoch wurde die kaum für möglich gehaltene 90-Milliarden-Mark-Schallmauer durchbrochen. Und immer noch zeigte kein Bieter Anzeichen von Schwäche.

»Wenn das so weitergeht«, kommentierte Scheurle den Auktionsverlauf in Mainz gegenüber Kollegen, »werden wir uns wohl auf eine äußerst brutale Endphase einstellen müssen.« Zwar hatte Mannesmann durch mehrfache Gebote mit der Endziffer »6« signalisiert, sich notfalls auch mit sechs Lizenznehmern auf dem deutschen Markt abzufinden.

Doch erst am Donnerstag, kurz vor Erreichen der 100-Milliarden-Mark-Grenze, beendete Telekom-Chef Ron Sommer endgültig den »wirtschaftlichen Wahnsinn«, den die Telekom selber angezettelt hatte.

Längst war auch das Limit überschritten, das sich die Telekom zu Beginn der Auktion gesetzt hatte. Investmentbanker und Analysten hatten dem Konzern in hektischen Telefonkonferenzen eindeutig klargemacht, dass ein noch höherer Preis sich deutlich negativ auf den Börsenwert auswirken werde.

Das Poker der beiden Marktführer, die ihr Ziel, einen sechsten Konkurrenten vom deutschen Markt fern zu halten, letztlich doch nicht erreicht haben, ist für die Telekom und Mannesmann nicht nur äußerst peinlich. Es könnte für die gesamte Branche sogar verheerende Folgen haben.

Denn selbst für die kleine Lizenz müssen die Handy-Firmen nun rund 16,5 Milliarden Mark zahlen. Das ist fast doppelt so viel, wie die Telekom-Tochter T-Mobil im gesamten vergangenen Jahr mit ihren rund 15 Millionen Kunden umgesetzt hat, und mehr als viermal so viel, wie die bayerische Viag Interkom bisher in den Aufbau ihres gesamten Mobilfunknetzes investiert hat.

Dabei ist es mit den horrenden Lizenzkosten, für die sich die Firmen am Kapitalmarkt hoch verschulden - und entsprechend hohe Zinsen zahlen müssen -, nicht einmal getan. Weitere acht bis zehn Milliarden Mark müssen die Handy-Firmen in den nächsten Jahren für den Aufbau ihrer Netze aufbringen. Weitere Millionen werden in Werbung, Marketing und den Zukauf von Inhalten fließen.

Besonders hart trifft es Konzerne wie die Telekom oder den Weltmarktführer Vodafone, die sich in weiteren europäischen Ländern wie Italien, Frankreich oder Österreich um Lizenzen bewerben. Für sie können sich allein die Lizenzkosten auf 30, 40 oder 50 Milliarden Mark addieren.

Ob sich solch gewaltige Summen jemals wieder einfahren lassen, ist völlig offen. Denn noch ist UMTS nicht viel mehr als ein Experimentierfeld für Ingenieure in großen Ausrüsterfirmen wie Siemens, Ericsson, Nokia, Alcatel oder Lucent Technologies, die die neue Technik seit Monaten - wie sollte es anders sein - in den höchsten Tönen preisen.

Doch mehr als einige Versuchsstrecken im Labor, aufgemotzte Handy-Dummys mit bunten Bildschirmen und große Versprechungen über die schnelle Verfügbarkeit und künftige Leistungsfähigkeit gibt es noch nicht. Die jedoch klingen verlockend. Denn wenn in zwei bis drei Jahren die ersten UMTS-Handys über die Ladentheke gehen, sollen sich die schlichten Fernsprecher in hochmoderne Multimedia-Terminals verwandelt haben. Mit ihnen sollen die Kunden dann problemlos Internet-Seiten abrufen, Bankgeschäfte erledigen, E-Mails verschicken und sogar Spielfilme herunterladen und anschauen können.

Über 200-mal höhere Übertragungsgeschwindigkeiten als die bisherige Handy-Technik verspricht UMTS, selbst Heimcomputer mit ISDN-Anschluss sind deutlich langsamer. Lizenzgewinner wie Mobilcom-Chef Schmid rechnen sogar damit, dass UMTS einen Großteil der Festnetzanschlüsse überflüssig machen könnte.

Doch bei aller Euphorie: Auch die Risiken sind gewaltig. Bereits im nächsten Jahr werden in den Handy-Netzen Übertragungsverfahren eingesetzt, die einiges von dem vorwegnehmen werden, was UMTS erst in zwei oder drei Jahren verspricht.

Auch von der Bundesregierung, dem Gewinner der Auktion, droht Gefahr. Denn während auf der großen Bühne die schöne Show der Milliardenrekorde lief, agierte hinter den Kulissen einer, der eigentlich gar nicht dazugehört, aber gerade deshalb für viel Ärger sorgen kann: Bundesumweltminister Jürgen Trittin.

Bei routinemäßigen Ressortbesprechungen mit ihren Umweltkollegen erfuhren Beamte aus dem Wirtschaftsministerium verschreckt, dass der Umweltminister beabsichtigt, die Elektrosmog-Verordnung zu verschärfen. Die Grenzwerte sollen auf ein Zehntel des jetzt Zulässigen sinken.

Auf den ersten Blick klingt das harmlos, weil die Grenzwerte heute meist weit unterschritten werden. Mit dem Handy-Boom der neuen Generation, befürchten die Beamten hingegen, könnte sich das in Ballungszentren ändern. Sollte sich Trittin durchsetzen, so ein Experte im Wirtschaftsministerium, könnte das für die Handy-Firmen gravierende Folgen haben - und den Wert der gesamten Auktion in Frage stellen. »Im normalen Leben«, philosophiert ein Staatsdiener, »wäre das vielleicht der Wegfall der Geschäftsgrundlage.«

Völlig unklar ist zudem, ob überhaupt genügend Verbraucher Dienste wie Homebanking, Internet oder Bildübertragung nutzen - und was sie dafür zu zahlen bereit sein werden. Und ob die Handy-Firmen in der Lage sein werden, in der kurzen Zeit genügend lukrative Inhalte anzubieten. An widersprüchlichen Prognosen zumindest besteht kein Mangel.

Sicher hingegen ist, dass die UMTS-Versteigerung in Mainz den deutschen und europäischen Handy-Markt gewaltig verändern wird. Denn kaum ein Unternehmen wird in der Lage sein, die enormen Kapitalkosten allein zu schultern. »Schon in den nächsten Wochen und Monaten«, prophezeit ein Telekom-Manager, werde man sich deshalb »auf eine große Welle von Fusionen und Kooperationen einstellen müssen, die den gesamten Markt noch einmal kräftig durcheinander wirbeln könnte«.

Die UMTS-Milliarden werden auch den großen Telekommunikationsfirmen noch lange zu schaffen machen, sie schmälern ihre Gewinnaussichten für viele Jahre. Die Folge: Der Aktienkurs sinkt, die Gefahr einer Übernahme steigt.

Globale Telefonkonzerne könnten so vergleichsweise günstig zu einer der begehrten Lizenzen in Deutschland kommen: Die Gewinner der vergangenen Woche wären dann die Verlierer von morgen. WINFRIED DIDZOLEIT, FRANK DOHMEN,

CHRISTIAN REIERMANN, MICHAEL SAUGA

* Maximilian Ardelt (Viag Interkom), René Obermann (T-Mobil),Nina Siitaari (Sonera Finnland), Eduardo Martínez Mendizábal(Telefónica), Jürgen von Kuczowski (Mannesmann Mobilfunk), GerhardSchmid (Mobilcom) und Horst Lennertz (E-Plus) am Donnerstagvergangener Woche.

Zur Ausgabe
Artikel 41 / 124