Das ging schief - DER SPIEGEL
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MANAGER Das ging schief

Nach neuen Millionen-Verlusten bei AEG-Telefunken muß sich Konzernchef Walter Cipa nun wohl nach einem neuen Job umsehen.
• aus DER SPIEGEL 13/1979
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Walter Cipa, der hemdsärmeligautoritäre Vorstandschef des angeschlagenen Elektrokonzerns AEG-Telefunken gab sich nie zimperlich, wenn sein Personal einmal anderer Meinung war. In den vier Jahren, die er bisher bei AEG abdiente, verschliß Cipa ein glattes Dutzend Top-Manager aus der Beletage des Konzerns -- eine Etage tiefer räumten die leitenden Herren ihre gutbezahlten Jobs gleich scharenweise.

Jetzt, so meldeten Insider Ende der vergangenen Woche, habe es den Chef selbst erwischt: Der als AEG-Sanierer glücklose Cipa soll seinen Sessel räumen. Am 23. April, dem Tag der nächsten AEG-Aufsichtsrats-Sitzung, soll der Abschuß schon auf der Tagesordnung stehen.

Das Votum gegen Cipa wird den Aufsichtsräten um so leichter fallen, als sie den 180 000 AEG-Aktionären, für die in den Cipa-Jahren stets hoffnungsfrohe Sprüche, aber keine Dividenden abfielen, erneut Millionenverluste eingestehen müssen. Ein voraussichtliches Minus von 350 Millionen Mark ist offiziell für 1978 bereits angekündigt.

In Wahrheit aber sollen die roten Zahlen weit stattlicher sein. Es geht um einen Verlust von über 400, wenn nicht sogar 500 Millionen Mark. Und das kann auch der Riese AEG nur noch schwer verdauen.

Bei einem Eigenkapital von zuletzt noch 1,4 Milliarden Mark und einer Verschuldung (einschließlich Exportbürgschaften) von 5,2 Milliarden wäre mit dem neuen Verlust rein rechnerisch der Konkurs nicht mehr fern. Allerdings, einem Konzern mit 162 000 Arbeitnehmern und der Deutschen, der Dresdner und der Commerzbank als gewichtigsten Aktionären wird der Exitus erspart bleiben.

Schlecht stand es um die AEG, dem nach Siemens zweitgrößten westdeutschen Elektrokonzern, schon im August 1975, als der heute 50jährige Cipa als Sanierer zur AEG geholt wurde. Ein nachlässiges Management hatte die einstige Renommierfirma mit einer falschen Investitionspolitik und mit schlechter Produktplanung herabgewirtschaftet.

Cipa, der zuvor das Öl-Unternehmen Gelsenberg (Aral) geführt hatte, verließ sich bei seinem Sanierungsvorhaben auf zwei Methoden, mit denen er bis dahin Erfolg hatte: auf eine autoritär-straffe Führung und auf eine totale Neuorganisation des Konzerns. Der studierte Geologe hatte freilich das Handikap, daß er weder etwas von den vielfältigen Produkten der AEG verstand noch sich auf dem heißumkämpften Elektromarkt auskannte.

Das ging schief. Auch mit dem neuen Chef gab es weitere Rückschläge im Verkauf. Die verschleißfreudige Personalpolitik Cipas, seine rüde Autorität und eine Überorganisation, die den »Leitenden« kaum Spielraum für eigene Initiativen ließ, nahmen dem AEG-Management jeden Schwung. Cipas frühkapitalistischer Führungsstil sprach sich sogar bis in die Bundeshauptstadt herum. Ein Bonner Minister über den AEG-Herrn: »Der kann kehle Leute mobilisieren.«

So wurde die Ära Cipa zu einer Periode weiteren Mißmanagements bei dem schlingernden Elektroriesen. Trotz völliger Neuorganisation, trotz des Verkaufs ganzer Geschäftsbereiche ist die AEG heute geschwächter als jemals zuvor; hohe Millionenverluste scheinen auch in diesem Jahr wieder unausweichlich.

Tief in der Verlustzone steckt die Wilhelmshavener Büromaschinen-Tochter Olympia mit 15 000 Beschäftigten; sie soll verkauft werden. Rote Zahlen melden die AEG-Manager auch im Konsumgütergeschäft mit Waschmaschinen und Kühlschränken, mit Küchengeräten und Elektroherden. Der Verkauf von Unterhaltungselektronik (Fernseher, Radios, Stereo-Anlagen) läßt sich inzwischen so schlecht an, daß den AEG-Werkern in diesem Bereich Kurzarbeit verordnet wurde.

Rückschläge muß die AEG auch in der einst florierenden Energietechnik einstecken. Durch Stopps im Kraftwerkbau gerieten der Turbinenhersteller AEG-Kanis, und die von der AEG beherrschte Frankfurter Firma Hartmann & Braun, die elektrische Schaltgeräte produziert, in Auftragsnot. Beide Unternehmen, so Branchengerüchte, wurden von Cipa jetzt zum Verkauf freigegeben.

Die Talfahrt beschleunigte sich nach der Ermordung des Dresdner-Bank-Chefs Jürgen Ponto, der als Aufsichtsratsvorsitzender bei der AEG die Fäden in der Hand gehalten hatte. Pontos Nachfolge bei der abwärts driftenden AEG mochte kein renommierter Bankier mehr übernehmen. Einspringen mußte der branchenfremde Pensionär Bernhard Timm, 69, der in seiner aktiven Zeit Chef des Chemie-Konzerns BASF gewesen war.

Als vor wenigen Wochen auch noch der Einflußreichste der Bankenvertreter im Aufsichtsrat, Deutschbankier Hans Leibkutsch, verstarb, wurde die Schwäche des Aufsichtsrates ganz offenkundig: Statt den Rat personell aufzuwerten, will die Deutsche Bank die Leibkutsch-Nachfolge einem im Industriegeschäft kaum erfahrenen Bankier zuschieben -- ihrem Personalvorstand Horst Burgard.

Der darf nun erst einmal mit auf die Suche nach einem Cipa-Nachfolger gehen. Denn bislang konnten die Banken-Herren keinen attraktiven Kandidaten auftun. Vorerst soll auf Cipas Sessel ein Interims-Kandidat Platz nehmen, sein bisheriger Stellvertreter Horst Brandt, der im Konzern bisher für die Finanzen zuständig war. Etliche aushäusige Kandidaten, darunter auch BP-Chef Hellmuth Buddenberg, hatten den heiklen Auftrag dankend abgelehnt.

Die Zwischen-Lösung soll so lange halten, bis die Aufsichtsräte einen neuen Großaktionär gefunden haben. Der Neue soll mit einer Kapitaleinlage von etwa einer Milliarde Mark die Finanzen der AEG sanieren, die Mehrheit des Aktienkapitals und damit die Führung im Konzern übernehmen.

Auf der Suche nach einem Milliardär ist die AEG allerdings schon seit geraumer Zeit. Ein Wunschkandidat ist VW-Chef Toni Schmücker, der intensiv nach lohnenden Anlageobjekten außerhalb der angestammten Autobranche sucht.

Schmücker allerdings kann an der AEG keinen Geschmack finden. Er hat das Angebot schon zweimal abgelehnt.

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