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»Das jetzige System wird scheitern«

Pfizer-Chef Henry McKinnell über den Aufstieg seines Konzerns zum führenden Pharmahersteller der Welt, seine Kritik am deutschen Gesundheitswesen und die umstrittene Preispolitik seiner Branche
Von Heiko Martens und Gerald Traufetter
• aus DER SPIEGEL 50/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr McKinnell, der deutschstämmige Pharmapionier Georg Merck hat vor 100 Jahren gesagt: »Medizin ist für Patienten, nicht für Profite.« Ist das hehre Ziel aus den Kindertagen Ihrer Industrie beim größten und profitabelsten Pharmakonzern der Welt in Vergessenheit geraten?

McKinnell: Ich will Herrn Merck nicht interpretieren, aber unser heutiges Wirtschaftssystem funktioniert nur über die Ertragskraft, die auch die Voraussetzung für die wissenschaftliche Forschung ist. Nur in einem System, das es Unternehmen wie Pfizer erlaubt, durchschnittlich 800 Millionen Dollar in die Entdeckung und Entwicklung eines jeden neuen Medikaments zum Wohle der Patienten zu stecken, liegt die Chance für Innovationen und Fortschritt. Ohne Erfolg kein Fortschritt.

SPIEGEL: Nicht alle beherrschen offenbar dieses Geschäft. Was haben Sie besser

gemacht als etwa Ihre deutschen Konkurrenten, die noch in den achtziger Jahren zur Weltspitze zählten?

McKinnell: Der größte Unterschied zwischen Pharmaunternehmen in Amerika wie Pfizer und deutschen wie ehemals Hoechst liegt im politischen und sozialen Umfeld. In Deutschland fehlt das Klima für Innovationen und damit für den kommerziellen Erfolg. In einem Land, in dem die Gewinnmöglichkeiten durch staatliche Eingriffe und verordnete Preise rigoros eingeschränkt werden, kann niemand das hochriskante und forschungsintensive Pharmageschäft erfolgreich betreiben.

SPIEGEL: 2000 haben Sie in der teuersten Pharmaübernahme aller Zeiten für 90 Milliarden Dollar Ihren US-Konkurrenten Warner-Lambert geschluckt, in diesem Jahr für stolze 60 Milliarden Dollar Ihren Rivalen Pharmacia. Fusionen seien ein Zeichen von Schwäche, haben Sie noch ein Jahr vor dem ersten Kauf behauptet. War Pfizer zu schwach, um den Aufstieg zum führenden Pharmakonzern allein zu schaffen?

McKinnell: Wir waren nicht schwach, und ich habe auch meine Meinung über die üblichen Fusionen nicht geändert.

SPIEGEL: Was war denn bei Ihnen anders?

McKinnell: Normalerweise schließen sich in unserer Branche zwei Unternehmen dann zusammen, wenn sie beide schwächeln, weil sie Kosten sparen und Zeit gewinnen wollen. Warner-Lambert aber war ein prosperierendes Unternehmen und suchte trotzdem einen Partner. Das hatte es noch nie gegeben. Da haben wir zugegriffen.

SPIEGEL: Und Pharmacia?

McKinnell: In dem Fall waren die Chefs von Pharmacia und Pfizer der Meinung, dass sie zusammen vor allem mehr für die Aktionäre tun könnten als jeder für sich. Beides waren keine typischen Zusammenschlüsse, weder für die Vergangenheit noch für die Zukunft. Beides waren ungewöhnliche Gelegenheiten, die ich genutzt habe.

SPIEGEL: Und in beiden Fällen haben Sie einen Milliarden-Seller - von Warner-Lambert den Cholesterinsenker Lipitor, in Deutschland unter dem Namen Sortis auf dem Markt, und von Pharmacia das Rheumamittel Celebrex - mit eingekauft. Liegt der wirkliche Grund für Ihre teure Expansionslust nicht doch in der Schwäche Ihrer eigenen Forschung?

McKinnell: Lipitor und Celebrex haben natürlich eine Rolle gespielt. Aber das wäre für 150 Milliarden Dollar ein bisschen zu wenig gewesen. Mit beiden Übernahmen haben wir signifikant die Kosten gesenkt, und aus den Forschungspipelines beider Unternehmen erwarten wir weitere erfolgreiche Medikamente.

SPIEGEL: Also doch eigene Schwäche?

McKinnell: Nein. Aber natürlich ist mit wachsender Größe auch unser Forschungsetat gestiegen. Heute können wir im Dienst von Patienten Jahr für Jahr sieben Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung ausgeben - und haben Erfolg. Wir haben 20 neue Wirkstoffe, die wir bis 2006 zur Zulassung bringen wollen.

SPIEGEL: Keine spektakulären Übernahmen mehr?

McKinnell: Sicher nicht in der Größenordnung wie die beiden anderen.

SPIEGEL: Tatsache ist, dass Sie für das von Ihnen angekündigte zweistellige Wachstum in den nächsten Jahren fünf bis sechs neue Produkte mit mindestens einer Milliarde Dollar jährlichem Umsatz - so genannte Blockbuster - brauchen.

McKinnell: Das stimmt so nicht ganz. Viel hängt davon ab, wie sich unsere Arzneimittel, die jetzt auf dem Markt sind, weiterentwickeln. Medikamente wie etwa unser Cholesterinsenker Lipitor könnten einer großen Zahl von Menschen helfen.

SPIEGEL: Obwohl Lipitor mit acht Milliarden Dollar schon jetzt das umsatzstärkste Medikament aller Zeiten ist?

McKinnell: Wenn alle Patienten in den USA, die von Lipitor profitieren würden, unser Medikament auch bekämen, dann könnten wir unseren Absatz verdoppeln. In Deutschland würde sich der Umsatz von Lipitor mehr als verdreifachen.

SPIEGEL: Die massenhafte Abgabe von Cholesterinsenkern wird von vielen Ärzten als Irrweg angesehen.

McKinnell: Die Wirkung von Statinen, von Lipitor, ist eindeutig wissenschaftlich belegt. In mehrjährigen klinischen Untersuchungen hat sich erwiesen, dass Lipitor-Patienten bis zu 35 Prozent weniger Herzattacken erlitten als jene Testpersonen mit zu hohen Cholesterinwerten, die Placebos zu sich nahmen.

SPIEGEL: Sie sind Herr über die schlagkräftigste Verkaufsmannschaft der Branche. 35 000 Mitarbeiter Ihres Unternehmens suchen täglich weltweit die Ärzte heim. Und trotzdem gibt es noch Menschen mit erhöhtem Cholesterinwert, die nicht Lipitor zu sich nehmen?

McKinnell: Das ist nicht allein eine Frage der Verkaufsmannschaft. Wir müssen die Patienten überzeugen, natürlich auch die Ärzte. Und vor allem müssen Sie Regierungen und die Verantwortlichen öffentlicher Gesundheitssysteme davon überzeugen, dass Ausgaben für solche Medikamente durch Einsparungen an anderer Stelle des Gesundheitssystems mehrfach wieder hereinkommen - abgesehen vom unbezahlbaren Nutzen für die Patienten.

SPIEGEL: Lipitor wird voraussichtlich bis 2005 als erstes Medikament der Welt einen Jahresumsatz von über zehn Milliarden Dollar erreichen. Wird das nicht irgendwann zu viel des Guten?

McKinnell: Frank Lichtenberg von der Columbia University hat gerade eine Studie über die Effizienz moderner Medikamente veröffentlicht und nachgewiesen, dass jeder Dollar, der für prophylaktisch wirkende Medikamente ausgegeben wird, im Gesundheitssystem zu Einsparungen in Höhe von sieben Dollar für Krankenhausaufenthalte und Operationen führt.

SPIEGEL: In den USA.

McKinnell: Auch die Ausgaben für innovative Medikamente in Europa sollten vor dem Investmentgedanken gesehen werden. Allein die Verwaltung des deutschen Gesundheitssystems hat im vorigen Jahr acht Milliarden Euro verschlungen. Für innovative Medikamente sind nur fünf Milliarden Euro an Hersteller wie uns geflossen. Das heißt, dass für die Verwaltung wesentlich mehr ausgegeben wurde als für innovative und moderne Medikamente. Das halte ich für nicht sehr verantwortungsvoll.

SPIEGEL: Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland für patentgeschützte Medikamente haben sich in den vergangenen sechs Jahren verdoppelt.

McKinnell: Ja, wir haben heute glücklicherweise viele neue Möglichkeiten. Gleichzeitig reicht diese Summe noch nicht aus. Das deutsche Gesundheitssystem ist nicht zu kurieren, solange das Geld nicht dorthin fließt, wo es am effizientesten angelegt ist. Und die wirkungsvollste Art, Geld im Gesundheitssystem auszugeben, ist der rechtzeitige Einsatz moderner Pharmaka. In Deutschland aber wird mehr für Generika und für 20 Jahre alte Medikamente ausgegeben als für innovative, Kosten sparende. Das ist weder für die Patienten noch für die Ärzte gut ...

SPIEGEL: ... vor allem nicht für die Pharmaindustrie. Reichen Ihnen denn Gewinnmargen von bis zu 30 Prozent nicht? Das gibt es sonst nirgends in der Wirtschaft.

McKinnell: Sie dürfen nicht die gesamte Branche am Erfolgreichsten messen. Sicher, Pfizer ist ein hochprofitables Unternehmen, aber wir machen nur ungefähr halb so viel Gewinn wie etwa die Citigroup oder Microsoft.

SPIEGEL: Würden Sie tatsächlich weniger forschen, wenn Ihr Gewinn auf normale Margen schrumpft, oder müssten Sie sich nicht erst recht anstrengen, neue Präparate zu entwickeln?

McKinnell: Den Zusammenhang zwischen Gewinnen und Forschung in unserer Branche können Sie in anderen Ländern sehen. Die kontrollierten Preise in Japan sind seit zehn Jahren konstant. Dasselbe gilt für die Forschungsausgaben. Die Preise in Deutschland werden staatlich festgelegt, die Gewinnmargen nehmen ab, genauso wie die Investitionen in die Forschung.

SPIEGEL: Sie haben gerade die Schließung Ihres letzten Forschungsstandorts in Deutschland beschlossen. Haben Sie das Interesse am deutschen Markt verloren?

McKinnell: Nicht am Markt, der immer noch der drittgrößte der Welt ist. Aber wegen der unglücklichen Politik verlassen nun einmal auch die besten Wissenschaftler und Forscher Deutschland und gehen nach Großbritannien oder in die USA. Dem können wir uns nicht entziehen.

SPIEGEL: Sie setzen doch mit hohen Preisen die Gesundheitssysteme unter Druck und zwingen die Politik zum Handeln.

McKinnell: Wir setzen niemanden unter Druck. Wo eine offensichtlich fehlgeleite-

te Gesundheitspolitik betrieben wird wie in

Deutschland, fordern wir allerdings Kor-

rekturen unter der Prämisse, dass Prävention besser ist als spätere teure Behandlungen. Ein rationales System muss sich darauf konzentrieren, Patienten und Ärzte zu informieren, das Verhalten des Einzelnen zu ändern, Früherkennung zu fördern, statt teure Nachsorge zu betreiben. Dies war auch die Grundlage meines Gesprächs mit Minister Clement Mitte Oktober, dem ich bei dieser Gelegenheit das Pfizer-Partnerschaftsmodell in Florida vorstellen konnte. Es ist an der Zeit, dass die Menschen in Deutschland erkennen, dass die Gesundheitspolitik nicht wirklich ihr gesundheitliches Wohl fördert.

SPIEGEL: Wie denn das?

McKinnell: Das kann ich Ihnen sagen. Von den Patienten mit Depressionen werden in Deutschland 65 Prozent nicht adäquat versorgt. 30 Prozent der Diabetes-Kranken in Deutschland werden nicht medikamentös behandelt, weil das staatliche Gesundheitssystem an ihnen spart. Das ist beschämend. Ein System, das so etwas zulässt, muss geändert werden, denn es wird versagen.

SPIEGEL: Gespart werden soll vor allem dort, wo Ihre Industrie teure Pseudo-Neuheiten auf den Markt bringt.

McKinnell: Sicher gibt es viele Medikamente auf dem deutschen Markt, die nicht besonders wirkungsvoll sind, die veraltet sind. Die sollten aus der Erstattung durch die Krankenkassen herausgenommen werden. Einverstanden. Aber wo nicht gespart werden sollte, ist bei Medikamenten, die den Patienten echte Vorteile bringen, zum Beispiel auch durch erleichterte Einnahme. Da muss sich wirklich etwas ändern. Die deutsche Regierung sollte möglichst schnell erkennen, dass das jetzige System so scheitern wird.

SPIEGEL: Nicht nur die deutsche Regierung, auch die Amerikaner opponieren gegen hohe Profite und Preise der Pharmaindustrie. Immerhin hat sich kürzlich eine Mehrheit des US-Kongresses dafür ausgesprochen, das Einfuhrverbot für patentgeschützte Medikamente zum Beispiel aus Kanada oder Europa aufzuheben.

McKinnell: Und unsere Länderkammer, der Senat, hat das Einfuhrverbot gerade bestätigt. Eine richtige Entscheidung. Denn das Problem ist nicht das Importverbot, das Problem sind die staatlich reglementierten Preise in den Ländern, die Sie erwähnt haben.

SPIEGEL: Also rauf mit den Preisen in Deutschland, und die Welt ist für Sie wieder in Ordnung?

McKinnell: In Kanada müssen wir unsere Produkte bis zu 60 Prozent unter dem US-Preis verkaufen, in Europa ungefähr für die Hälfte. Die Deutschen und Kanadier leben schlicht auf Kosten der Amerikaner, profitieren davon, dass der amerikanische Konsument den größten Teil des immensen Forschungsaufwands bezahlt. Das kann so nicht weitergehen.

SPIEGEL: Für Menschen in der Dritten Welt sind die lebensnotwendigen Medikamente aus dem Westen völlig unerschwinglich.

McKinnell: Wir haben voriges Jahr Medikamente und Geld für Programme im Wert von 200 Millionen Dollar an Entwicklungsländer abgegeben. Die am wenigsten entwickelten Länder in Afrika und in der Karibik erhalten von uns kostenlos Diflucan, ein Mittel gegen Pilzerkrankungen, die eine große Bedrohung für Aids-Infizierte darstellen.

SPIEGEL: Wenn die Entwicklungsländer mit eigenen Firmen Generika produzieren könnten, wären sie unabhängig von Almosen.

McKinnell: Ich würde bevorzugen, wenn die Medikamente von der forschenden Pharmaindustrie direkt kämen und nicht von Herstellern billiger Generika. Im Falle von Aids haben die westlichen Produzenten den Zugang so erleichtert, dass es keinen Bedarf für Generika gibt.

SPIEGEL: Und wie sieht es mit Herzkrankheiten, Diabetes und Krebs aus? Insgesamt sterben daran auch in den Entwicklungsländern mehr Menschen als an Aids.

McKinnell: Nein, schlimmer sind Tuberkulose und insbesondere Malaria. Die Resistenz des Erregers gegen die heutigen Arzneien nimmt rasch zu. Deswegen haben wir ein Medikament - bestehend aus dem alten Malaria-Medikament Chloroquin und dem Antibiotikum Zithromax - in der letzten klinischen Testphase, das wieder an die ursprüngliche Wirksamkeit von 95 bis 98 Prozent herankommen wird.

SPIEGEL: Und das zu Preisen, die man sich in der Dritten Welt leisten kann?

McKinnell: Alle, die diesen Wirkstoff benötigen, werden über die dortigen Regierungen und Hilfsorganisationen Zugang dazu haben.

SPIEGEL: Herr McKinnell, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Henry McKinnell

hat das 1849 von dem deutschen Apotheker Karl Pfizer in New York gegründete Unternehmen innerhalb weniger Jahre zum größten und profitabelsten Pharmakonzern der Welt gemacht. Der 1943 im kanadischen Victoria geborene promovierte Wirtschaftswissenschaftler verbrachte sein ganzes Berufsleben bei Pfizer, zunächst auf Auslandsposten, später als Finanzchef. Seit 2001 führt er den Konzern. McKinnell berät den US-Präsidenten George W. Bush. Er gilt als der einflussreichste Pharmamanager der Welt - und neigt nicht zur Zurückhaltung, wenn er rund um den Globus die Interessen seiner Branche vertritt.

Das Gespräch führten die Redakteure Heiko Martens und GeraldTraufetter.* Beim Besuch des Dresdner Pharmaunternehmens AWD.pharma am 23.Januar 2002.

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