»Das Klima wird eisiger« - DER SPIEGEL
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»Das Klima wird eisiger«

Geld ist für viele Zeitgenossen kein Problem, die Zahl der Reichen und der Super-Reichen ist in den letzten Jahren beträchtlich gestiegen. Zugleich schnellte aber auch, am unteren Ende der Einkommensskala, die Schar der Bedürftigen hoch. Die Kluft zwischen reichen und armen Bundesbürgern ist breiter denn je.
• aus DER SPIEGEL 52/1990
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Mit 23 Jahren ging der Germanistikstudent Werner Jaspers seiner Ängste wegen erstmals zum Arzt. Agoraphobie, Platzangst, diagnostizierte der Marburger Mediziner, verschrieb dem Patienten Beruhigungsmittel und empfahl dem Mann, zur Entspannung »ein Bierchen zu trinken«.

Wenig später griff Jaspers regelmäßig zur Flasche, und er schluckte zeitweise bis zu 40 Valium pro Tag. Im zehnten Semester brach er sein Studium ab und glitt nahtlos von Bafög zur Sozialhilfe über.

Die Abhängigkeit von Alkohol und Medikamenten hat Jaspers überwunden, die Ängste sind geblieben. Der heute 38jährige hat einen 470-Mark-Job; 111,50 Mark von dem Verdienst darf er behalten, der Rest wird von seiner Sozialhilfe abgezogen. Nach Bezahlung von Strom- und Telefonkosten verbleiben dem Mann monatlich etwa 400 Mark zum Leben. Seine finanzielle Lage, das ahnt Jaspers, wird sich bis ans Lebensende wohl nicht bessern.

Wer einmal, wie Jaspers, aus der Leistungsmaschinerie gefallen ist, wer auf staatliche Stütze angewiesen ist, der bleibt zumeist für immer draußen vor den Toren der Wohlstandsgesellschaft.

Von Jahr zu Jahr schwillt das Heer der Menschen an, die sich auf den Sozialämtern der Städte drängen.

Derzeit leben etwa 3,4 Millionen Deutsche ganz oder teilweise von der Sozialhilfe. Weitere drei Millionen haben so wenig zum Leben, daß sie Sozialhilfe beanspruchen könnten. Und ein paar Millionen Menschen aus der Ex-DDR, so fürchten Experten, werden die Zahl der Armen in Deutschland bald sprunghaft nach oben schnellen lassen. _(* Schlemmer-Imbiß im Hamburger ) _(Hanseviertel. )

So stetig, wie die Zahl der Minderbemittelten in der Bundesrepublik anschwillt, so zügig wächst am anderen Ende der Einkommensskala die Zahl der Wohlhabenden. Noch nie haben so viele Deutsche soviel Geld besessen wie heute.

Sie zeigen mittlerweile gern, was sie sich alles leisten. »Der wachsende Reichtum unserer Gesellschaft«, klagt Professor Ernst-Ulrich Huster von der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, »gerät in einen immer deutlicheren Kontrast zur ebenfalls zunehmenden Armut.«

Nur wer genau hinsieht, nimmt die Gegensätze wahr. Eher wie eine exotische Randerscheinung wirken für viele Zeitgenossen die Bettler vor den Kaufhäusern der Stadtzentren oder die Obdachlosen-Lager unter den Münchner Isarbrücken. »Armut ist versteckt«, weiß Otto Fichtner, Bundesvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt.

Um so augenscheinlicher tritt der Luxus zutage, der, so Huster, »zum Teil schon aggressive Formen angenommen hat": das demonstrative Austernschlabbern in den Kaufhaus-Passagen, der Kaschmirmantel für 5000 Mark, die 30 000-Mark-Rolex am Handgelenk.

»Der Trüffelhobel«, belehrte vor Weihnachten das Zeitmagazin seine gut verdienende Leserschaft, »sollte in keiner besseren Küche fehlen.«

Wie weit inzwischen der Abstand zwischen Groß- und Kleinverdienern geworden ist, zeigt die Entwicklung der sogenannten bereinigten Lohnquote. Diese Meßziffer gibt an, wie hoch bei konstant gehaltenem ("bereinigtem") Prozentsatz der Arbeitnehmer der Anteil der Bruttolöhne und -gehälter am gesamten Volkseinkommen ist (siehe Grafik Seite 68).

Mitte der siebziger Jahre flossen 70,8 Prozent des Volkseinkommens auf die Konten der Arbeitnehmer. In diesem Jahr fällt die Lohnquote auf 62,7 Prozent. Das ist der tiefste Stand, der je in der Bundesrepublik ermittelt wurde.

Die gewaltige Umverteilung begann vor allem in der zweiten Hälfte der Achtziger. Wohlstandszuwachs kommt seither weniger den Arbeitnehmern, sondern vielmehr den Unternehmern und Freiberuflern zugute; zugleich laufen innerhalb der Arbeitnehmerschaft die Einkommen weiter denn je auseinander.

»Das soziale Klima wird eisiger«, merkte das SPD-Vorstandsmitglied Herta Däubler-Gmelin.

Eine wachsende Schar von hochqualifizierten Arbeitnehmern - häufig mit akademischem Abschluß - hat ihre Gehälter merklich nach oben getrieben. Bei den Arbeitern, Verkäuferinnen und Büroboten sind die Einkommenszuwächse sehr bescheiden ausgefallen. Leistung sollte sich wieder lohnen.

Noch vor einigen Jahren verlangten die Gewerkschaften eine prozentual stärkere Anhebung der unteren Lohn- und Gehaltsgruppen. Diese Forderung wird nicht mehr oder allenfalls halbherzig aufgestellt. Pauschal zehn Prozent mehr will die ÖTV. Das würde dem einen 220 Mark mehr im Monat bringen, dem anderen über 1500 Mark mehr.

Zwei weitere Umstände haben dazu beigetragen, daß sich die Einkommen so gegensätzlich entwickelt haben und auch weiter entwickeln werden: die rapide Zunahme der Geldvermögen und der Segen dicker Erbschaften.

In den letzten 20 Jahren ist das alljährlich von Privatleuten auf Sparbüchern, in Pfandbriefen oder Aktien angelegte Geld von knapp 60 auf rund 170 Milliarden Mark angeschwollen (siehe Grafik). Vermögenserträge spielen eine zunehmend wichtigere Rolle bei den Einkommen.

In den letzten zehn Jahren sind die Deutschen doppelt so reich geworden. Im vergangenen Jahr hatten sie die gewaltige Summe von 2,6 Billionen Mark gehortet - nur Geldvermögen, ohne Immobilien und andere Sachwerte. Würden diese 2,6 Billionen mündelsicher zu acht Prozent Zinsen angelegt, dann würden sie pro Tag über 560 Millionen Mark Zinsen abwerfen.

Der bundesdeutsche Durchschnittshaushalt kassierte nach Erkenntnis des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung im vergangenen Jahr 4500 Mark an Zinsen und Dividenden. Der durchschnittliche Arbeiterhaushalt kam auf Vermögenseinnahmen von gut 2600 Mark - über 15 000 Mark waren es bei den Selbständigen.

Mitte Dezember legten die Statistiker die Ergebnisse der Einkommens- und Verbraucherstichprobe 1988/89 vor. Knapp 15 Prozent derjenigen, die etwas angespart hatten, besaßen weniger als 2500 Mark. 1,1 Prozent der Haushalte hatten 200 000 Mark und mehr - 13,4 Prozent des gesamten Geldvermögens konzentriert sich in dieser Gruppe. Wie viele Milliarden die Wohlhabenden auf Schweizer oder Luxemburger Konten gebunkert haben, weiß niemand.

»Eine Vermögensexplosion« beobachtete der Münchner Anlageberater Gottfried Heller, dessen Fiduka Depotverwaltung den Deutschen bei der Geldvermehrung hilft, sofern der Kunde mindestens eine halbe Million anzulegen hat. Den rasch wachsenden Reichtum der Deutschen erklärt Heller zum großen Teil mit den Erbfällen.

Die Generation, die nach dem Krieg die Bundesrepublik aufgebaut hat, tritt ab und hinterläßt ein riesiges Vermögen. Die Erben kassieren in diesem _(* Obdachlose unter Münchner Isarbrücke. ) Jahr rund 100 Milliarden Mark, und die Erbschaften werden immer stattlicher: Bis zum Jahr 2000, so schätzt die Deutsche Bank, werden rund fünf Millionen Bundesbürger etwa 2000 Milliarden Mark erben.

Die durchschnittliche Hinterlassenschaft taxiert Heller auf derzeit 200 000 bis 250 000 Mark - ein Wert, der wenig aussagekräftig ist. Denn wie die Einkommen, so sind auch die Erbschaften höchst ungleich verteilt. Wer arm ist, hat auch meist arme Eltern. Der eine erbt ein paar wertlose Möbelstücke, der andere ein Aktiendepot.

»Geld«, lautet ein alter hanseatischer Kaufmannsspruch, »ist immer da; es wechselt nur den Besitzer.« Anfang der achtziger Jahre begann die große Umverteilung, allerdings bei einem auf breiter Front steigenden Wohlstand.

Höchstwahrscheinlich hat Meinhard Miegel, der Direktor des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft, mit seiner Behauptung recht, ein Sozialhilfeempfänger von heute lebe besser als ein Durchschnitts-Arbeitnehmer in den dreißiger Jahren. Doch Armut ist relativ, sie ist am Lebensstandard des Umfelds zu messen.

Weil keine absolute Armutsgrenze zu ziehen ist, greifen Wissenschaftler zu einer Hilfskonstruktion: Als arm gilt der Haushalt, dessen Nettoeinkommen höchstens halb so hoch ist wie das Einkommen des entsprechend großen Durchschnitts-Haushalts. Uneins sind die Experten, ob die Armutsgrenze bei 50, bei 40 oder 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens liegen soll.

Nach diesem Kriterium sind in der Bundesrepublik die Armen ärmer geworden. Ulrich Schneider, Referent für Sozialpolitik beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, hat errechnet, daß von 1962 bis 1986 die Nettolöhne und -gehälter real - also unter Berücksichtigung der Inflationsrate - um 351 Mark gestiegen sind. Bei den Sozialhilfeempfängern kletterte der sogenannte Regelsatz real um 63 Mark.

Nicht nur immer mehr Arbeitslose, Kranke und Behinderte müssen den Gang zum Sozialamt antreten. In zunehmendem Maße werden auch Arbeitnehmer der unteren Gehaltsgruppen an die Armutsgrenze gedrückt. Dafür sorgen vor allem die steigenden Mieten, die einen Großteil des Verdienstes wegfressen. Eine Kindergärtnerin verdient in Hamburg 1560 Mark netto. Ziemlich genau die Hälfte ihres Gehalts geht für die bescheidene Wohnung drauf. Zum Lebensunterhalt, von der Seife bis zur Monatskarte für die U-Bahn, verbleiben ihr 26 Mark täglich.

Ein Lagerarbeiter im Hamburger Großhandel, Lohngruppe 2, kommt auf einen Stundenlohn von 10,23 Mark brutto. Das bringt einem Ledigen 1223 Mark netto im Monat. Dieses Einkommen liegt schon dicht an dem Betrag, den das Sozialamt für Lebensunterhalt, Miete und andere Aufwendungen zahlen würde.

Daß es dem unteren Drittel der Gesellschaft schlechter- und dem oberen Drittel bessergeht, ist nicht zuletzt eine Folge der Bonner Politik. Die Steuerreform hat die Nettoeinkommen weiter auseinandergespreizt: Um insgesamt 25 Milliarden Mark im Jahr werden die Bürger entlastet; doch mehr als die Hälfte dieses Betrags kommt dem oberen Fünftel der Steuerzahler zugute.

Im Sommer dieses Jahres korrigierten die Politiker das Sozialhilferecht. Die Hilfe zum Lebensunterhalt bemißt sich seit Juli nicht mehr nach dem Wert eines fiktiven Warenkorbs, sondern orientiert sich an den »Verbrauchsgewohnheiten unterer Lohngruppen«. Das sei, so hieß es, gerechter und gebe den Armen etwas mehr.

Ernst-Ulrich Huster, der an seiner Bochumer Fachhochschule Sozialarbeiter ausbildet, hat sich die Feinheiten des neuen Modells genauer angesehen: Der Staat gibt, dank der neuen Berechnung, den Armen 500 Millionen Mark weniger.

* Schlemmer-Imbiß im Hamburger Hanseviertel.* Obdachlose unter Münchner Isarbrücke.

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