KAFFEE Das Korsett kneift
Ausgerechnet der Rosenmontag, der Höhepunkt des brasilianischen Karnevals, war für Jorio Dauster ein rabenschwarzer Tag.
Am Abend jenes Tages mußte der Präsident des brasilianischen Kaffee-Instituts einsehen, daß sein Kampf für höhere Kaffeepreise gescheitert war. Achttägige Verhandlungen Dausters und anderer Kaffeelobbyisten mit Delegierten aus den wichtigsten Verbraucherländern wurden abgebrochen. Die in London tagenden Kontrahenten konnten sich nicht darüber verständigen, wie die Kaffeepreise hoch zu halten sind.
Die internationalen Kaffeemärkte reagierten prompt. An der Kaffeebörse in London gingen am folgenden Morgen zunächst nur Verkaufsorders ein. Erst bei einem Preis, der um über zehn Prozent unter der Notierung vom Vortag lag, griffen Käufer zu.
»Der Markt erlitt einen Kollaps«, meldete die »Financial Times«. Über »Panik auf dem Kaffeemarkt« berichtete das »Handelsblatt«.
Nur einen weiteren Tag später, am Aschermittwoch, konnten sich Deutschlands Kaffeetrinker billiger mit Röstkaffee eindecken. Der Hamburger Großröster Tchibo senkte die Preise je Pfund-Packung um bis zu 1,50 Mark. Die Hauptkonkurrenten Aldi, Eduscho und Jacobs zogen sofort mit Preissenkungen von einer bis 1,50 Mark nach.
Dem Einbruch an den Rohkaffee-Börsen folgte die Herabsetzung der deutschen Röstkaffee-Preise allerdings nur zufällig derart schnell. So rasch, wie es vergangene Woche den Anschein hatte, schlagen niedrigere Großhandelspreise nicht auf den Preis für eine Packung im Aldi-Regal oder Tchibo-Laden durch.
Die deutschen Röstkaffee-Anbieter nahmen vergangene Woche die Preise zurück, weil ihre Einstandskosten schon seit längerem stark gesunken waren. Die in Dollar notierten Rohkaffee-Preise sind nur noch etwa halb so hoch wie zu Beginn des vergangenen Jahres. Obendrein hat sich der Kaffee für deutsche Importeure durch den Dollar-Rückgang gegenüber der Mark verbilligt.
Schon Ende Juli und Ende Dezember 1986 hatten die Röster daher ihre Preise um je eine Mark pro Pfund herabgesetzt. Für Kaffee, der heute je nach Qualität sieben bis 10,45 Mark kostet, wurden vor sieben Monaten noch 10,50 bis 13,45 Mark gefordert.
Solch starke Schwankungen der Preise hatte es eigentlich nicht mehr geben sollen. Mit einem Welt-Kaffeeabkommen wollten die in der Internationalen Kaffee-Organisation zusammengeschlossenen Kaffee-Erzeuger und -Abnehmer die Preisbewegung glätten.
Für jedes Erzeugerland wurden bestimmte Exportmengen festgesetzt. Dadurch sollte das Angebot so reguliert werden, daß die Preise sich zwischen einer bestimmten Ober- und Untergrenze einpendelten. Der in der Theorie fabelhafte Plan, den 50 Erzeugerstaaten (99 Prozent des Angebots) und 25 Verbraucherländer (90 Prozent der Nachfrage) unterstützten, klappte, solange nicht Dürre, Frost oder andere klimatische Probleme das Angebot des Agrarprodukts Kaffee stark verknappten. Immerhin fünf Jahre lang - vom Herbst 1980 bis zum Herbst 1985 - gelang es dem Kaffeeklub, den Preis für die Bohnen in der vereinbarten Preiszone von 1,20 bis 1,40 Dollar pro englisches Pfund (454 Gramm) zu halten.
Dann aber machte eine verheerende Dürre in Brasilien, dem weitaus größten Kaffeeanbaugebiet der Welt, dem Quoten-System ein Ende. Die Brasilianer konnten nicht einmal die Hälfte der in Normaljahren üblichen Mengen ernten. Abrupt schossen die Preise im Kaffeejahr 1985/86 hoch. Daraufhin wurden am 19. Februar 1986 alle Exportbeschränkungen aufgehoben. Der internationale Kaffeemarkt war nun völlig frei.
Die Freiheit sorgte für Preisverfall. Die meisten Erzeugerländer warfen nun so viel Kaffee auf den Markt wie sie ernten konnten. Von einem kurzen Zwischenhoch im August/September 1986 abgesehen, fielen die Preise so stark, daß sie im Januar dieses Jahres sogar die Preisuntergrenze des außer Kraft gesetzten Kaffeeabkommens durchbrachen.
Auch drückt seit Monaten gutes Wetter in Brasilien auf die Preise. Für das laufende Kaffeejahr (von Oktober 1986 bis September 1987) erwarten die Brasilianer eine Rekord-Ernte.
Um den Preisverfall zu bremsen, forderten die Brasilianer und die meisten anderen Kaffeeanbauer die Verbraucherländer auf, das alte Kaffeekartell mit etwas erhöhten Preisen wiedereinzuführen. Nach diesem System durften die Brasilianer 30 Prozent der gesamten Kartell-Menge liefern. Den Kolumbianern stand eine Quote von 16,1 Prozent zu, die Elfenbeinküste als drittgrößter Lieferant hatte einen 7,7-Prozent-Anteil.
Die Verbraucherländer waren durchaus willens, zu einem Quoten-System zurückzukehren. Einige der Abnehmerstaaten, vor allem Amerikaner, Deutsche und Holländer, forderten jedoch, die Exportanteile der Lieferanten zu ändern. Die Quoten sollten mehr auf die Bedürfnisse der Verbraucherländer zugeschnitten werden.
Ausgerechnet Lieferanten mit einer hohen Quote wie Brasilien und die Elfenbeinküste bauen nämlich Kaffeesorten an, die in vielen Verbraucherländern nicht sehr beliebt sind. Die Deutschen beispielsweise bevorzugen die milden und teuren Spitzenqualitäten aus Kolumbien sowie Zentralamerika und plädieren daher für höhere Quoten dieser Länder. »Das alte Quoten-Korsett kneift zu sehr«, meint Frieder Rotzoll, Geschäftsführer des Deutschen Kaffee-Verbands in Hamburg.
Die Allianz der Befürworter neuer Quoten scheiterte vergangene Woche vor allem am Widerstand Brasiliens. Der führende Produzent der Welt möchte
von seiner Rekordernte möglichst viel zu möglichst hohen Preisen im Ausland absetzen können.
Die Brasilianer haben sich gewiß keinen Gefallen getan. Die Kaffeetrinker aber können frohlocken. Ohne ein neues Kaffeeabkommen werden die Preise weiter schrumpfen - es sei denn, das brasilianische Wetter bringt mit Dürre oder Frost wieder einmal die Wende.