AFFÄREN Das Musterbeispiel
Mit freundlichen Grüßen«, aber sonst ziemlich barsch, ließ der Vorstand der PWA Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg bei den 2500 Kommanditisten der Abschreibungsgesellschaft Starlight Fluting KG Halbzellstoff-Fabrik AG & Co. im hessischen Witzenhausen Geld anmahnen.
»Schnellstens« müßten die Starlight-Eigner. deren Firma seit August aufgrund eines Betriebsüberlassungsvertrages von PWA regiert wird, volle 30 Millionen Mark nachschießen. Andernfalls werde sich PWA die jäh von Illiquidität befallene Fabrik, für die vorsorglich schon der Vergleich angemeldet sei, ganz einverleiben -- und zwar kostenlos.
Mit diesem Eilbrief wurde unvermittelt ein neuer Skandal offenbar, der hinter den Polstertüren der Chefsuiten schon seit Monaten nahezu unerkannt schwelt. Denn wieder einmal hatte ein Star des Abschreibungsgewerbes seine Finger im Spiel, und wieder einmal war die Hessische Landesbank (Helaba) an prominenter Stelle dabei.
Für die Frankfurter Bankiers, denen dank leichtsinniger Kreditgewährung schon runde zwei Milliarden Mark abhanden gekommen waren, stehen dies-
* 1972 bei der Grundsteinlegung der Starlight Fluting.
mal über 86 Millionen Mark im Feuer. Grund genug, die Beteiligten auf die »absolute Vertraulichkeit« des Vorgangs hinzuweisen, weil sonst wieder einmal »negative Publizität« drohe.
Allerdings stand die Helaba nicht allein. Mit rund 20 Millionen Mark Zonenrand-Subventionen und 35 Millionen Mark Bürgschaften hatte sich auch die öffentliche Hand um Starlight Fluting verdient gemacht. Hessens Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry (FDP), der das Werk von Anfang an ungemein favorisierte, mauerte 1972 sogar eigenhändig den Grundstein der auf 210 Millionen Mark Investition ausgelegten Fabrik.
Die Cash- und Karry-Aktion von Bank und Bundesland, dazu angelegt. die hessische Wirtschaftsstruktur zu bessern, diente vornehmlich aber nur einem Herrn: dem aus Berlin hergekommenen Wahlvaduzer Peter Saile, einem einschlägigen Abschreibungsroutinier.
Es gelte, so hatte Saile im Akademiedeutsch getönt. »breitere Bevölkerungsschichten als Partner zu beteiligen und damit dazu beizutragen, daß wachsendes Anspruchsdenken gegenüber dem Staat abgebaut wird«. Das gefiel dem freidemokratischen Wirtschaftsminister ebenso wie den angesprochenen Geldgebern aus der Schicht der Freiberufler. Der Saile-Slogan: »Fluting -- der Stoff, mit dem man Steuern spart« lockte zweieinhalbtausend Betuchte -- darunter auch Bundesbank-Vizepräsident Otmar Emminger.
Mit wem sie es dabei zu tun hatten. war den Geldgebern von Bank und Staat ebensowenig aufgefallen wie den auf Steuervorteile versessenen Kommanditisten. Saile nämlich hatte schon vor seinem Starlight-Manöver auf dem Markte der Abschreibungsgeschäfte Beträchtliches zuwege gebracht.
Begonnen hatte er als 24jähriger Jura-Student 1965 in Berlin mit einem Halbdutzend der dort üblichen Absehreibungsfirmen. Dann lernte er bei einem Vaduzer Advokaten den Umgang mit Briefkastenfirmen und empfindet sich seither als »erfahrener, multinational ausgerichteter Finanzkaufmann«. In dieser Eigenschaft baute sich Saile unter dem eindrucksvollen Namen Ameropa ("Weltwoche« Zürich: »Kaum jemand kennt bei uns die Ameropa") einen verschachtelten Konzern. den kaum einer entwirren kann.
Dort gebietet Präsident Peter Saile über ein Sammelsurium von stark 50 Unternehmen sehr unterschiedlichen Zuschnitts. Es befinden sich darunter etwa eine Rollbeton KG oder auch Langnamfirmen wie die Arcadia Investitions AG Orgofina Treukapital Florida oder die Alberta Spanplatten AG & Co. Verwaltungs KG, eine Witzenhausener Zonenrand-Beteiligungsgesellschaft an einer Holzfabrik in Kanada. Werbespruch: »152 Prozent Steuervorteile -- Schlag auf Schlag«.
Saite, für den stets allerlei Provisionen, Honorare und Spesen übrigblieben, tut sich zunehmend in Hessen um. So legte er 1970 mit einigen Kommanditisten (Saile: »Sichere Rentabilität« und 2,8 Millionen Mark Staatszuschuß den Grundstock der Holzfaserfabrik Deutsche Pres Tock an der nordhessischen Zonengrenze.
»Profit mit Pres Tock« (Werbeslogan) sollten Auslandspatente in »Exklusivlizenz« garantieren doch die Lizenz war nichts wert. Das verdroß den Multi-Unternehmer jedoch nicht. Vielmehr gründete er eine weitere Abschreibungsgesellschaft. die Pres Tock Entwicklungs KG, die bald wiederum leuchtend rote Zahlen bilanzierte.
Den Kommanditisten jedoch rechnete ein Sailes Manager vor, daß sie »unter Berücksichtigung aller bisherigen Steuerersparnisse« seit 1971 je 100 000 Mark Beteiligung immerhin einen »Nutzen« von »ca. 5900 Mark« gehabt hatten -- 5,9 Prozent in vier Jahren.
Mit seiner Ameropa entwickelte Saile aus solchen Anfängen schon bald den Vorläufer seines Starlight-Schlagers, die Klopapierfabrik Starlight Tissue KG zu Witzenhausen. Diese Steuersparfirma« mit zwei Millionen Mark öffentlicher Gelder gefördert. aber wurde Gegenstand einer Betriebsanalyse des Rationalisierungskuratoriums der Wirtschaft (RKW).
Die RKW-Leute fragten sich. wie ein Unternehmen, das auf Abschreibungsgeldern und Staatszuschüssen steht. jemals im Markt würde bestehen können. und analysierten Erstaunliches: »Die Preisunterbietung (ist) die erste Stufe des Vertriebs«, dann werde »durch Kooperationsgespräche mit führenden Wettbewerbern eine wirtschaftliche Lösung gesucht werden«. Im Klartext: Wenn das Geld alle ist, wird das Unternehmen an die Konkurrenz verramscht -- den Kommanditisten bleibt die Erinnerung an genossene Steuervorteil je.
»Wir können jederzeit unser Modell für jeden anderen Industriebereich einsetzen«, ließ Absehreibungsartist Saile ungerührt wissen, »ob das nun eine Zellstoff-Fabrik oder eine Raffinerie oder eine Sargfabrik ist.« Bald kreierte er das 26-Millionen-Projekt der Coron Formteile KG zur Serienproduktion von Särgen an der Zonengrenze.
Als Saile dann aber seine Starlight Fluting auf Kiel legte und eine Wiederholung des Starlight-Tissue-Modells drohte, lamentierte PWA-Chef Norbert Lehmann: Die »Kombination der Verlustzuweisungen mit öffentlichen Geschenken« sei mörderisch. Statt 5,5 Millionen Mark Gewinn, den Saile der Starlight Fluting für 1976 geweissagt hatte, werde die Firma mindestens 27 Millionen Mark Verluste produzieren und den ohnehin maroden Papiermarkt durch Dumpingpreise »noch ganz zusammenhauen«.
Bald aber arrangierte sich Lehmann mit dem Newcomer. PWA erwarb über eine Tochtergesellschaft in Chur dreiviertel der Starlight-Komplementärin Halbzellstoff-Fabrik AG in Zollikon bei Zürich, eine der üblichen Briefkasten-Firmen.
Bei der Weihe des Witzenhausener Werks, im vorigen Sommer, machte der PWA-General schon als Saile-Partner die Honneurs, Hessens Ministerpräsident Albert Osswald gratulierte, Bundestagspräsidentin Annemarie Renger schrieb ins Starlight-Gästebuch »herzlichen Dank«.
Nun wähnten sich die 2500 Starlight-Finanziers aller Risiken durch eine »Abnahmegarantie« enthoben, von der Saile ihnen Erstaunliches berichtete: Ein Liefervertrag mit PWA stelle sicher, so behauptete er, daß Starlight »neben sämtlichen Selbstkosten, Zinsen und sonstigen betriebswirtschaftlich relevanten Aufwendungen eine angemessene Verzinsung für das Eigenkapital der Starlight Fluting erwirtschaften kann«.
Starlight sei, versicherte Saile nun doppeldeutig, »für uns so etwas wie ein Musterbeispiel«. Dann startete er zu neuen Horizonten: die Gründung der Zeitungspapierfabrik Sontraprint, für die Saile -- die Provision im Auge -- 400 Millionen Mark zu besorgen verspricht, um 200 Arbeitsplätze zu schaffen.
Dazu aber wird es kaum noch kommen. Denn unvermittelt geriet Saile in den Abwehrkampf. Saile ("Alles läuft planungsgemäß") muß erklären, warum Starlight die subventionierte Halbzellstoff-Fabrik gar nicht gebaut hat. sondern nur eine unrentable Altpapieranlage, das Geld aber dennoch weg ist.
Mit dieser Erklärung allerdings läßt er sich Zeit. Die Unterlagen über den Zahlungsverkehr zwischen den Saile-Firmen, so umschrieben die Starlight-Manager selbst die Qualität ihrer Finanzbuchhaltung, wären »beim besten Willen eines großen sachverständigen Prüfungs- und Experten-Teams nur in monatelanger Arbeit fertigzustellen«
im Konkursfall bedeutet das Freiheitsstrafe.
Um das Ganze noch mehr zu verwirren, hatte sich Saile ungeniert auch gleich die Interessenvertretung der von ihm Geprellten gesichert: Seine Cura Treuhand vertritt das Kollektiv der Kommanditisten.
Gegen höhere Mächte allerdings kann der Finanzjongleur sich so elegant nun nicht mehr abfedern: Unter Aktenzeichen 50 Js 89/75 ermittelt die Wirtschafts-Staatsanwaltschaft Kassel bereits seit vorigem Jahr gegen Sailes Ameropa-Management.