Das Riester-Risiko - DER SPIEGEL
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ALTERSSICHERUNG Das Riester-Risiko

Hohe Kosten und komplizierte Vorschriften belasten den Start der neuen Privatrente. Selbst Experten fällt es schwer vorherzusagen, welche Anlagen sich lohnen und welche nicht. Wird das Projekt zum Flop, droht der Regierung im Wahljahr ein Debakel.
• aus DER SPIEGEL 50/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rainer Knappe hat schon spannendere Jobs erledigt. Vor wenigen Monaten durfte der Versicherungsaufseher noch die Tarifkalkulationen von Allianz und Co. durchleuchten, jetzt sitzt er in weißem Hemd und grellgelber Smiley-Krawatte hinter einer Milchglastür in der Bonner Filiale des Finanzministeriums und hakt Antragsformulare ab, Hunderte Antragsformulare: Eingangsstempel drauf, Anlagen nachzählen und dann ab in die rote Umlaufmappe, damit der Kollege den Gebührenbescheid ausstellen kann. Keine sonderlich anspruchsvolle Aufgabe, räumt der Beamte ein, eher wie eine »Routineprüfung beim Finanzamt«.

Nur viel, viel wichtiger. Was der Leiter der »Zertifizierungsstelle für Altersvorsorgeprodukte« da auf den Weg schickt, soll pünktlich zur Jahreswende eines der wichtigsten Projekte der rot-grünen Regierung in Schwung bringen: die Rentenreform von Arbeitsminister Walter Riester.

Rund 4000 Sparverträgen von Banken, Versicherungen oder Investmentfonds will Knappe nächste Woche die »Riester-Fähigkeit« bescheinigen: Sie erfüllen die umfangreichen Auflagen der Regierung und werden mit staatlichen Zuschüssen und Steuervorteilen gefördert.

Die »Riester-Rente«, wie die neue, staatliche Privatvorsorge allgemein genannt wird, ist das Herzstück der rot-grünen Rentenreform: Sie soll als zweite Säule der Alterssicherung das staatliche Rentensystem ergänzen. Das verteilt die Rentenbeiträge der arbeitenden Bevölkerung auf die Ruheständler um und stößt aus demografischen Gründen bald an seine Grenzen: In Zukunft wird es in Deutschland immer weniger Erwerbstätige und immer mehr Rentner geben.

Die staatliche Rente wird deshalb immer weiter sinken, die private soll die Lücke füllen. Sie funktioniert wie eine klassische Kapitalversicherung: Die eingezahlten Beträge fließen auf ein persönliches Konto, werden dort verzinst und im Alter in monatlichen Raten ausgezahlt. Und damit möglichst viele Deutsche eine solche Versicherung abschließen, gibt der Staat etwas dazu.

Die Regierung feierte die Reform als »Quantensprung« - und das Geldgewerbe hoffte auf einen Milliardenmarkt. Noch vor der amtlichen Zulassung starteten die Versicherungen und Finanzkonzerne aufwendige Werbekampagnen und setzten ihre Vertreterkolonnen in Marsch, um den Deutschen eine »TopRente« (DWS), »FörderRente« (Victoria-Versicherungen) oder »Kaiser-Rente« (Hamburg-Mannheimer) aufzunötigen. Selbst die Gewerkschaften, die das Projekt lange bekämpft haben, raten neuerdings ihren Mitgliedern: »Richtig riestern«.

Doch seltsam: Ausgerechnet jetzt, wo der offizielle Startschuss des Vorhabens unmittelbar bevorsteht, weicht der Reklamerummel überall der Ernüchterung. Die Riester-Rente, als Zukunftswerk gefeiert, wird plötzlich zum Risiko - für die Kunden, die Versicherer und die Regierung.

Je länger Finanzberater und Verbraucherschützer die neuen Angebote analysieren, desto klarer wird ihnen, dass die neuen Vorsorgeverträge die hoch gesteckten Erwartungen wohl kaum erfüllen können: Banken und Versicherungen werden mit den Riester-Policen über Jahre Verluste einfahren, die Vertreter stöhnen über hohe Kosten und geringe Provisionen, und die Kunden fühlen sich von den komplizierten Regeln und Vorschriften derart überfordert, dass immer mehr von ihnen schon entnervt abwinken, wenn sie das Wort »Riester-Rente« nur hören. Waren im Frühjahr dieses Jahres noch 73 Prozent der Deutschen fest entschlossen, einen Vorsorgevertrag abzuschließen, sind es derzeit nur noch 51 Prozent.

Hält der Trend an, droht der Regierung ein Desaster: Eine kapitalgedeckte Zusatzversorgung für alle, das war das zentrale Ziel der Rentenreform. Wenn sich ein großer Teil der Bürger verweigert, müsste Riester zu einer Lösung greifen, die Bundeskanzler Gerhard Schröder mehrfach kategorisch ausgeschlossen hat: die Zwangsrente.

Jetzt rächt sich, dass der Arbeitsminister beim Versuch, jeden denkbaren Missbrauch staatlicher Fördergelder auszuschließen und auch die letzte Interessengruppe zufrieden zu stellen, einen Wust von Auflagen und Regelungen geschaffen hat, den selbst Experten kaum durchdringen. So ist es fast unmöglich vorherzusagen, ob sich eine Riester-Anlage wirklich lohnt oder nicht.

Ein erheblicher Teil der Beitragsgelder wird in einer gigantischen Bürokratie versickern. Allein die staatliche Kontrolle der Fördergelder, an der sechs verschiedene Behörden vom Finanzamt über die Rentenversicherung bis zur Familienkasse beteiligt sind, wird jedes Jahr mehrere hundert Millionen Mark verschlingen.

Noch größer ist der Aufwand bei den Anbietern. Während traditionelle Versicherungspolicen oft über Jahrzehnte unverändert laufen, müssen Riester-Verträge jährlich angepasst werden, etwa wenn der Kunde mehr verdient oder die Familie Nachwuchs bekommt. Mit mehr als doppelt so hohen Verwaltungskosten wie bei traditionellen Verträgen kalkuliert deshalb die Versicherungsbranche - und das bei meist niedrigeren Vertragssummen.

Wie das die Bilanz der neuen Vorsorge belastet, zeigt eine Untersuchung des Hofheimer Analysehauses Morgen & Morgen (siehe Grafik Seite 82). Bis zu einem Fünftel der Beitragsgelder werden danach allein dafür gebraucht, die Vertragskosten zu decken. Mit anderen Worten: Was der Staat an Zuschüssen gibt, wird in vielen Fällen gar nicht dazu dienen, ein privates Altersvermögen aufzubauen, sondern vollständig in die Verwaltungsapparate der Finanzkonzerne und ihre Vertreterkolonnen fließen.

Doch nicht nur die hohen Kosten dämpfen die Lust, einen Riester-Vertrag abzuschließen. Irritiert haben die Kunden auch zur Kenntnis nehmen müssen, dass die neue Privatrente in der Praxis weit weniger verbraucherfreundlich ist als angekündigt.

Mit einem eigenen Passus im Gesetz wollte die Regierung zum Beispiel für mehr Transparenz im Interesse der Kunden sorgen. Anders als bei traditionellen Lebensversicherungen sollten Riester-Kunden genau nachvollziehen können, wie viel sie für Verwaltung, Vertrieb und Abschluss ihres Vertrages zahlen.

Ein hübscher Plan. Doch in der Praxis weisen die Konzerne ihren Aufwand nun auf derart viele verschiedene Arten aus, dass ein Vergleich kaum möglich ist. Manche Unternehmen geben die Kosten als Prozent der eingezahlten Beiträge an, andere als Anteil vom angesammelten Kapital. Wieder andere erheben nach Jahren gestaffelte Gebühren oder behandeln Zulagen anders als Eigenbeiträge. Ein »totales Durcheinander« erkennt etwa Morgen & Morgen-Experte Joachim Geiberger, das »ohne Grundkenntnisse der Finanzmathematik praktisch nicht zu entwirren ist«.

Wenig ist auch aus dem Regierungsvorhaben geworden, gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Anbieter zu schaffen. Schon heute fühlen sich viele Sparer überfordert, weil für jede Anlageform unterschiedliche Regeln gelten. Mit dem neuen Gesetz aber ist das Tohuwabohu noch größer geworden.

Für Riester-Versicherungen gelten nun andere Kriterien als für Riester-Fonds und für Riester-Immobilien wieder andere als für Riester-Sparpläne. Dass die Verträge auch noch völlig anders besteuert werden als herkömmliche Anlagen, macht die Entscheidung endgültig zum Vabanquespiel: Wer die Angebote korrekt miteinander vergleichen will, müsste die Steuersätze der nächsten 30 Jahre kennen.

Mitunter kann die neue Privatvorsorge sogar zur echten Falle werden, denn viele Bürger wissen noch immer nicht, was sich im Kleingedruckten des neuen Gesetzes so alles verbirgt. So ahnen die wenigsten, dass sie mit ihrer Unterschrift unter einen Riester-Vertrag nicht nur über ihr Einkommen im Alter bestimmen, sondern auch über ihren Wohnsitz. Ausgezahlt wird die volle Rente nämlich nur, wenn der Kunde im Ruhestand auch brav in Deutschland bleibt. Wer dagegen seine letzten Jahre auf Mallorca verbringen will, verliert nicht nur seinen Förderanspruch. Er muss auch sämtliche Steuervorteile und Zulagen zurückzahlen, die er im Laufe seines Lebens erhalten hat.

Dass die Vorsorgeregeln so kompliziert und schwer zu durchschauen sind, ist jedoch nicht allein der Regelungswut der Berliner Ministerialbeamten anzulasten. Einen mindestens ebenso großen Schaden richteten die Verbandslobbyisten aus der Geldanlagebranche an.

Aus Angst, sie könnten das Geschäft des Jahrhunderts verpassen, wollten Versicherungen, Fondsgesellschaften oder Bausparkassen mit aller Macht im neuen Gesetz berücksichtigt sein - ob ihre Produkte nun in Riesters eigenwilliges Vorsorgekonzept passten oder nicht.

Es kam, wie es kommen musste. Beim Geschacher in den Berliner Fachausschüssen wurden die traditionellen Sparformen der Deutschen so lange auf Riester-Fähigkeit getrimmt, dass viele kaum noch zu erkennen sind. In der Praxis gehen manche Angebote nun weitgehend am Bedarf vorbei, in vielen Fällen kostet die Regelungswut die Bürger bares Geld.

Beispiel Aktienfonds: Zu den Riester-Regeln zählt, dass Anbieter ihren Kunden zusagen müssen, im Alter wenigstens die eingezahlten Beiträge zurückzuerstatten. Eine solche Garantie kennen die Investmenthäuser aber nicht. Um den Vorgaben des Gesetzes dennoch zu genügen, werden die meisten Aktienfonds einen Teil ihrer Kundengelder nun gar nicht in Aktien anlegen, sondern in andere Werte wie Immobilien oder fest verzinsliche Wertpapiere. Vergleiche zeigen: Was die Sparer dabei an Rendite einbüßen, übersteigt vielfach die Steuervorteile aus dem Riester-Vertrag.

Beispiel Immobilien: Obwohl die meisten Experten davon abrieten, das Eigenheim als Altersvorsorge zuzulassen, bettelte die Baulobby so lange um Aufnahme ins Gesetz, bis Bundes- und Landesminister entnervt nachgaben. In letzter Minute fügten sie das so genannte Entnahmemodell ins Regelwerk ein, das nun den zweifelhaften Ruf genießt, das Verunglückteste aller Riester-Produkte zu sein.

Danach dürfen Bauherren ihr Vorsorgekapital auch ins eigene Häuschen stecken, wenn sie anschließend ihr Riester-Vermögen wieder bis zur alten Höhe aufstocken. Doch was die Zusatzrente im Alter sichern soll, kann sich für viele Bauherren zur gefährlichen Doppelbelastung auswachsen. Ausgerechnet dann nämlich, wenn sie ihre Baukredite tilgen, muss auch der Riester-Vertrag wieder aufgestockt werden. Regelrecht »schädlich« nennen das heute sogar Branchenvertreter wie der Chef der Wüstenrot-Bank, Rolf Kornemann.

So geschickt die Bauverbände ihr fragwürdiges Konzept durchpaukten - den nachhaltigsten Lobby-Erfolg erzielten die Gewerkschaften. Ihre Zustimmung zur Rentenreform war der Regierung am wichtigsten. Kein Wunder also, dass nun jene Vorsorgeform am stärksten begünstigt wird, bei der IG Metall und Co. über Tarif- oder Firmenvereinbarungen mitreden dürfen: die Betriebsrente.

Das Resultat verkünden die Gewerkschaften derzeit in dicken Sonderteilen ihrer Zeitschriften: Wer einen Firmenvertrag abschließt, kann nicht nur vom ersten Tag an weit höhere Steuervorteile kassieren als bei einem Privatangebot. Er kann auch noch Sozialbeiträge sowie die Kosten für die Vertreterprovision sparen.

Für mindestens drei Viertel der Riester-Kundschaft ist deshalb eine Betriebsrente günstiger als ein Privatvertrag, schätzt der Darmstädter Rentenexperte Bert Rürup. Eine Einzelanlage komme dagegen eher für Geringverdiener, Kinderreiche oder Ehegatten ohne eigenes Einkommen in Betracht.

Vor allem für Besserverdienende dagegen kann sich die Riester-Rente als schlechtes Geschäft erweisen. Klar, mit den Policen lassen sich während des Erwerbslebens kräftig Steuern sparen, doch die Quittung folgt im Alter.

Denn dann müssen nach den Riester-Regeln die Auszahlungen der Policen voll versteuert werden. Bei herkömmlichen Anlagen wie Versicherungen oder Aktien greift der Fiskus dagegen weniger hart zu.

Weil Riester-Renten zudem niedrigere Renditen aufweisen als Konkurrenzprodukte, fallen die meisten Modellrechnungen eindeutig aus: Wer als Gutverdiener jedes Jahr 4200 Mark spart, kann mit einem herkömmlichen Aktienfonds fast 700 Mark mehr Alterseinkommen pro Jahr herausholen als mit einer staatlich geförderten Police.

Längst stellt sich auch die Geldbranche darauf ein, dass der Riester-Markt viel kleiner werden wird als anfangs gedacht. Manche Versicherungen werben nur noch halbherzig um Riester-Kunden, andere verlegen sich ganz auf Angebote für Betriebsrenten. Selbst Unternehmen, die anfangs voll auf das neue Geschäft gesetzt haben, sehen das Produkt mittlerweile in einer untergeordneten Rolle: als Türöffner. Es bestehe schließlich die Chance, sagt Victoria-Leben-Chef Michael Rosenberg hintersinnig, den Riester-Käufern auch andere Policen anzubieten.

So sehen das auch die Mitarbeiter im Außendienst. Der Wuppertaler Versicherungsvertreter Ulrich Brock zum Beispiel hat seinen 2000 Kunden bislang noch keinen einzigen Riester-Vertrag verkauft. »Erstens sind die Produkte noch nicht zertifiziert«, sagt der Vermittler, »zweitens gibt es vielfach bessere Wege, um die Versorgungslücke im Alter zu schließen.«

Vor allem für ihn. Eine herkömmliche Lebensversicherung ist nicht nur viel leichter zu erklären als ein Riester-Vertrag. Sie bringt auch eine deutlich höhere Provision. Kein Wunder, dass viele Vermittler von der neuen Vorsorge wenig wissen wollen.

Auch Policen-Prüfer Knappe hat schon seine Erfahrungen mit den unausgegorenen Bestimmungen des Regelwerks gemacht. Monatelang war seine Behörde lahm gelegt, weil sich Finanz- und Arbeitsministerium nicht einmal darüber verständigen konnten, was unter einem Vorsorgebeitrag zu verstehen ist. Der schwierigste Teil der bisherigen Arbeit, stöhnt Knappe, sei es gewesen, »das Gesetz zu interpretieren«.

Das wird nun etwas einfacher. Um den ratlosen Rentenaufsehern zu helfen, soll eine ganz besondere gesetzgeberische Rarität für Abhilfe sorgen: Gleichzeitig mit der Rentenreform tritt am 1. Januar auch das erste Korrekturgesetz in Kraft.

Neuer Ärger steht dagegen manchen Finanzkonzernen ins Haus. Rund eine Million Verträge hat die Branche in den vergangenen Monaten bereits verkauft - in der Annahme, dass die Bonner Zertifizierungsstelle ihre Bestimmungen schon abnicken wird. Doch wenn Chefkontrolleur Knappe nächste Woche die Bescheide verschickt, wartet auf manche Vorsorgemanager eine neue, böse Überraschung. »Einige Verträge«, sagt Knappe, »werden wir nicht akzeptieren.« MICHAEL SAUGA

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