TANKSTELLEN Das Schlüsselsystem
Westdeutschlands Automobilisten werden in einigen Monaten Gelegenheit erhalten, den praktischen Wert eines neuen Kreditsystems zu erproben, das in den letzten Wochen unter dem Slogan »Bargeldlos tanken« in großen Zeitungsinseraten angekündigt wurde.
Inserent war der sogenannte TANKRING e. V. in München, dessen Vorstandsmitglied Gustav Adolf Weise, 34, im Verein mit Mathematikern, Technikern und Marktforschern ein System des bargeldlosen Tankens ausgetüftelt hat, das er so anpries: »Wir wollen die Treibstoffverbraucher und die Tankstellen entlasten, indem wir den Kunden von der lästigen Barzahlung und die Tankstellen von diffizilen Schreibarbeiten freistellen.«
Dieses Ziel soll mittels einer Erfindung erreicht werden, die der ehemalige Theologie- und Mathematikstudent Weise in zweijähriger Arbeit entwickelt hat: mit einem Schlüssel aus Kunststoff, den berufs - und vergnügungsreisende Autofahrer gegen eine Gebühr von drei Mark bei solchen Tankstellen erwerben können, die dem Tankring angeschlossen sind. In den Schlüssel wird die Autonummer des Kunden eingraviert, auf der einen Seite in Ziffern, auf der anderen Seite in Gestalt einer Lochkombination. Mit Hilfe dieses Schlüssels wird sich künftig jeder Autofahrer bei allen Tankstellen des Tankring-Vereins Benzin und Dieseltreibstoff verschaffen können, ohne dafür sofort bar bezahlen zu müssen.
»Vor dem Tanken«, schrieb Weise in einem internen Bericht an seine Gesellschaft, »hat sich der Tankwart davon zu überzeugen, daß die Autonummer des Schlüssels mit der am Fahrzeug übereinstimmt. Dann locht er mit Hilfe eines speziellen Kassenapparates das Datum, den getankten Rechnungsbetrag und durch Einstecken des Schlüssels in die Kasse auch die Autonummer auf einen dreifachen Lochkarten-Formularsatz. Eine Namensnennung ist nicht notwendig. Die Kredithergabe erfolgt auf die Autonummer.«
Ein Formular erhält der Kraftfahrer als Quittung, ein weiteres dient der Tankstelle als Kontrollbeleg, und das dritte Formular reicht die Tankstelle beim Tankring ein, wofür sie binnen drei Tagen den Gegenwert in Form eines Verrechnungsschecks erhält. Allerdings läßt sich der Benzinverein diese Manipulationen teuer bezahlen: Er zieht den Tankstellen 1,5 Prozent des Rechnungsbetrages als Provision ab. Außerdem müssen die Tankstellen für den Kassenapparat 584 Mark erlegen. Weise rechnete den Tankstellenbesitzern jedoch vor, daß die zu erwartende Umsatzsteigerung sie für die Mehrkosten entschädigen würde.
Gegen eine jährliche Kontogebühr von fünf Mark erhalten die Tankringkunden alle vier Wochen eine spezifizierte Rechnung, auf der ihre Autonummer, die jeweiligen Tankstellen sowie Datum des Tankens und getankte Benzinmarke vermerkt sind. An Hand seiner Einzelquittungen kann der Kunde dann schnell den Rechnungsbetrag auf Richtigkeit überprüfen.
»Besonders Vielfahrern«, so meint Weise »mit mehr als 20 000 Kilometern im Jahr wird unser System Vorteile bieten, denn sie brauchen nicht mehr wie bisher Hunderte von Mark allein für Benzin mit sich zu führen.« Auch große Firmen mit vielen Vertretern und Reisenden versprechen sich von Weises Schlüsselsystem eine wesentliche Arbeitserleichterung; sie sind nicht mehr wie bisher genötigt, allmonatlich eine Vielzahl von Einzelbelegen mühsam durchzurechnen.
Großfirmen werden sich nach Weises Ansicht auch noch aus einem anderen Grunde für das bargeldlose Tanken entschließen: Bisher übliche Arrangements zwischen Tankwarten und Vertretern, die sich auf diese Weise mit frisierten Rechnungen ein Zubrot verdienen, werden unterbunden. Weise: »Unser System ist nahezu betrugssicher.«
Die Erfinder des Tankringvereins haben auch für den Fall vorgesorgt, daß besonders pfiffige und sparsame Kunden versuchen, auf Kosten anderer zu tanken, und zu diesem Zweck die Lochkombination des Schlüssels durch Zustopfen vorhandener oder Bohren neuer Löcher verändern. »Eine Lochkarten-Rechenanlage in der Verrechnungszentrale«, erklärte Weise, »greift diese Fälle sofort heraus, und wir haben den Mann«.
Den Tankstellen, so glaubt Weise, wird sein Schlüsselsystem trotz der hohen Provision ebenfalls nützlich sein. Durch eine Umfrage bei rund 500 westdeutschen Tankstellen ermittelte er, was in keiner bundesdeutschen Statistik steht: daß nämlich 31 Prozent des westdeutschen Treibstoffumsatzes ohnehin nicht bar bezahlt, sondern von den Tankstellen kreditiert werden.
Insgesamt schrieben Tankstellen 1956 Rechnungsbeträge über 700 bis 900 Millionen Mark an, obwohl die Mineralölgesellschaften derartige Kreditgeschäfte in allen Tankstellenverträgen formal untersagt haben. In Wirklichkeit ließen die Mineralölfirmen, wie Shell, BP und Esso, ihren Vertragshändlern jedoch gern freie Hand, weil der Kundenkredit den Absatz von Markenbenzin fördert und so auch den großen Gesellschaften nützt. Das formale Verbot von Kreditgeschäften soll die Mineralölfirmen lediglich vor Erlösschmälerungen schützen; denn dank dieser Verbotsklausel müssen die Tankstellen für Verluste beim Kreditgeschäft haften, sie müssen also ihren Zulieferern auch dann den Treibstoff bezahlen, wenn sie selbst von den Kunden um die Zahlung geprellt werden.
»Die Tankstellen«, erklärte Weise, »empfinden die Kreditgewährung an Kunden als Belastung, da der Stammkunde den Wunsch, nur noch monatlich abzurechnen, häufig mit der Forderung verbindet, einen Mengen- oder Treuerabatt zu erhalten. Die Tankstelle ist doch kein Kreditinstitut.«
Das Kreditgeschäft will Weise von den Tankstellen auf den Tankring übertragen. Da die Tankstellen ihr Geld binnen drei Tagen nach Verkauf des Benzins von der Verrechnungszentrale erhalten sollen, die Kunden ihre Monatsrechnung aber erst nach vier Wochen zu bezahlen brauchen, mußte sich der Tankring nach finanzieller Rückendeckung umtun, um die Zeitspanne zwischen Tanken und Bezahlung durch Kredite zu überbrücken.
»Wenn 20 Prozent der, 2,6 Millionen westdeutschen Pkw-Fahrer an dem Schlüsselsystem teilnehmen«, kalkulierte Weise, »so entspricht das bei 20 000 Kilometern pro Jahr und Automobil, bei einem Benzinpreis von 63 Pfennig je Liter und einem durchschnittlichen Verbrauch von zehn Litern je hundert Kilometer einer Kreditsumme von etwa 50 Millionen Mark im Monat. Dieses Geld müßten wir den Kunden jeden Monat vorstrecken.«
Lange Zeit schien es, als werde es dem Tankring nicht gelingen, eine Bank zu finden, die derartige Summen vorzustrecken gewillt ist. Dafür sorgten die Mineralölgesellschaften; sie sind keineswegs an einem wohlorganisierten Spezialverein interessiert, der stets haargenau über alle Vorgänge auf dem Benzinmarkt informiert ist. Weise: »Wir liefen uns die Hacken ab.«
Trotz derartiger Störversuche der Mineralölwirtschaft gelang es dem Tankring jedoch schließlich, eine westdeutsche Großbank für das Projekt zu interessieren, zumal sich auch der Gerling-Konzern bereit erklärte, die Kredite an die Autofahrer gegen Zahlungsausfall rückzuversichern.
Mit der finanziellen Unterstützung dieser Großbank will Weise nun bis zum 10. Januar nächsten Jahres dem offiziellen Beginn des neuen Tanksystems - ein ausreichendes Netz von Schlüsseltankstellen in Westdeutschland aufbauen. »Wir werden uns dabei nur auf die größten und bestausgerüsteten Tankstellen beschränken«, erklärte er. »Uns genügen vorerst 3000 der insgesamt 26 000 westdeutschen Tankstellen.«
Offenbar wird es dem Tankring nicht schwerfallen, dieses Ziel zu erreichen. In wenigen Wochen konnte der Benzinringverein allein in Hessen und Württemberg 400 Tankstellen für das Projekt verpflichten.
In den kommenden Wochen werden Weises Werber in allen übrigen Ländern des Bundesgebietes die größeren Tankstellen um Verträge angehen. Seinem Vertreterstab kann Weise dabei werbewirksame Unterlagen mitgeben: Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage, die die Hamburger Gesellschaft für Marktforschung unlängst unter den bundesdeutschen Automobilbesitzern abgehalten hat.
Nahezu 30 Prozent der befragten Treibstoffverbraucher hatten auf Anhieb zu Protokoll gegeben, sie würden Weises neues Schlüsselsystem gern ausprobieren.
Kreditschlüssel mit Lochkombination
Keine Chance für Betrüger
Tankring-Erfinder Weise
Mehr Kredit, mehr Umsatz