Das sind Saisonpreise
Fischer Zbrog in List auf Sylt, Hafenstraße 4, wird Strohwitwer. Er schickt Frau und Kind zur Mutter ins Westfälische. Seinem Fischkutter FS 306 »Seeteufel« ist die Welle gebrochen. Reparaturkosten runde 200 DM. Und die kann Fritz Zbrog nicht auftreiben.
Bis zur Währungsreform war immer Geld im Hause. Der Fang war gut, hauptsächlich Schollen und Makrelen. Die gingen reißend weg. Zbrog war froh, daß er im Januar 1948 seine 30000 R-Mark Ersparnisse noch so gut anlegen konnte. Der »Seeteufel« ist ein schönes Schiff, 10,5 m lang, mit einem 25-PS-Motor.
Nach dem X-Tage ging es auch noch ganz schön. Der Fischgroßhandel Portzig & Kroppenstedt in Westerland, die amtliche Fischannahmestelle für List, zahlte gute Preise. Bis zum Frühjahr 49. Da konnten Portzig & Kroppenstedt ihre Ware nicht mehr so recht loswerden. »Fische sind keine Preßkohlen«, sagte sich Albert Portzig, »die man stapeln kann« Er zahlte den Fischern weniger Geld.
Für Schollen der Sorte II hatte es sonst rund 55 Pfg. für das Pfund gegeben. Nun brachten sie auf einmal weniger als die Hälfte. Aber die Betriebskosten der Kutterfahrten waren die gleichen geblieben Das war überall so. In den Fischerwohnungen an der Nord- und Ostseeküste fiel mit den Fischpreisen auch die Stimmung.
Der Verdienst reichte oft nicht mehr aus, die notwendige Ausrüstung für die nächste Fahrt zu kaufen. Der Großhandel nahm teilweise überhaupt keine Fische mehr ab. Auf den westdeutschen Küchentischen machte sich die landwirtschaftliche Konkurrenz breit.
An der Ostseeküste fanden einige Fischer den rettenden Ausweg. Sie bringen ihre Ladung in der Dämmerung an der russischen Zonenküste an Land. Die Russen nehmen ihre Fische mit Kußhand. Bezahlung erfolgt in Lebensmitteln, Dieselöl und Fischnetzen. Angeblich gehen die Fische dann als Truppenverpflegung der Sowjets nach dem Balkan. Aber das interessiert die westdeutschen Fischer wenig.
Fritz Zbrog kann sich an dem Ostzonen-Törn nicht beteiligen. In seinem Lister Kasernenzimmer, wo früher einmal die Schreibstube war, brütet er über seinen Abrechnungen.
Da ist ein gutes Beispiel: Einmal war er drei Tage und drei Nächte unterwegs. Fangergebnis: 27 Zentner Fisch. Portzig zahlte 622 DM dafür. Verfahrener Betriebsstoff 105,90 DM, mitgenommenes Eis 37,50 DM. Der Verdienst geht zur Hälfte an den Schiffseigner, der Rest wird auf die Besatzung verteilt. Fritz Zbrog hatte immer zwei Mann an Bord.
Ein schlechtes Beispiel: Acht Stunden Fahrt. Betriebsstoff 11,60 DM. Fangergebnis: ganze zwei Makrelen. Die aß Fritz dann zum Abendbrot. Die schlechten Beispiele nehmen überhand.
Das Preisbarometer im Fischgroßhandel steht dauernd auf veränderlich. Mal bekommt Fritz Zbrog für Fische gleicher Güte 40 Pfennig das Pfund, mal 8 Pfg.; je nach Marktlage. Nur die Unkosten bleiben konstant.
Das viele Auf und Ab der Preise wird vom Großhandel auf höherer Ebene etwas ausgeglichen. Da liegen dann die Verdienstchancen. Der Kleinhandel hält sein Niveau ziemlich konstant. Damit die Hausfrauen nicht kopfscheu werden.
Zur selben Zeit, zu der Großhändler Albert Portzig für 26 Pfg. das Pfund vom Fischer Paul Nötzel aus List Schollen der Sorte II kaufte, kosteten Schollen II ein paar Häuserecken von Portzigs Büro entfernt beim Westerländer Einzelhändler Julius Jensen 0,80 DM das Pfund. »Das sind Saisonpreise für die Badegäste«, sagt Albert Portzig. »Im allgemeinen liegen die Verdienstspannen nicht so hoch. Wir schlagen durchschnittlich 6 Pfg. pro Pfund auf. Davon müssen wir dann noch die Fischkisten, das Eis und zum Teil den Transport bezahlen«
Er blättert einen Vorgang aus den Akten, nach dem er am 10. 7. 1949 31 Zentner zu 35 Pfg. das Pfund kaufte und froh war, als er sie schließlich zur Hälfte für 32 und zur Hälfte für 34 Pfg. das Pfund wieder loswurde Höchstens zwei Tage kann er die Ware halten. Dann muß er sie an den nächsten Großhändler weitergeben
Manchmal kommt es auch vor, daß Albert Portzig den 14 Lister Fischern ihren Fang überhaupt nicht abnehmen kann, wenn er nicht darauf sitzenbleiben will. Aber die dürfen ihre Fische nur an den amtlichen Portzig verkaufen. Wenn sie sie billig etwa in den Flüchtlingsblocks der Insel umsetzen, machen sie sich strafbar. Sie müssen sie, und wenn es Seezunge zu 1 DM das Pfund ist, in die Fischmehlfabriken geben.
»Die Verordnungen aus der RM-Zeit sind weiß Gott reformbedürftig«, sagt Dr. Arno Meschkat vom Landesfischereiverband Schleswig-Holstein im Kieler Taulow-Museum. »Der Großhandel macht ganz in freier Wirtschaft, und der Fischer darf mit seinem Fang nicht tun, was er will und kann sich gegen die Preis-Ebben nicht wehren«.
Die Preisstürze kommen entweder dann, wenn besonders günstiges Fangwetter ist und Fisch in Massen angelandet wird, oder wenn die JEIA in rauhen Mengen Auslandsfrischfisch einführt, ohne Abstimmung mit den deutschen Anlandungen.
Die Fischkonservenfabriken - Schleswig-Holstein hat mit 200 Betrieben und 6000 Beschäftigten etwa ein Viertel der deutschen Fischindustrie - bekommen kaum Kredite und haben selbst keine Mittel. Wenn sie heute Fisch dosieren, kriegen sie das Geld erst in Monaten wieder herein. Sie halten mit Einkäufen zurück.
Die Dummen dabei sind also Leute wie Fritz Zbrog, die auf ihren Fängen sitzenbleiben. Zbrogs Frau trägt sich zuweilen mit dem Gedanken, den »Seeteufel« zu verkaufen. »Man hört so viel von Flüchtlingschancen in der französischen Zone«.
Aber ihr Mann will davon nichts wissen. »Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich an dem Kahn hänge«, sagt er, wenn er breitbeinig zum Hafen hinuntergeht.
[Grafiktext]
FISCHFANG UND-VERBRAUCH
1928 553 kg ° 1938 943 kg ° 1948 667 kg
JÄHRL VERBRAUCH
JE KOPF (in kg)
1928 8,0 kg
1938 12,5 kg
1948 14,9 kg
[GrafiktextEnde]