Datendiebe am Werk: Bankräuber im Cyberspace - DER SPIEGEL
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Datendiebe am Werk Bankräuber im Cyberspace

Eine Datenklau-Welle überrollt die USA. Allein im ersten Halbjahr 2005 wurden schon über 50 Millionen Amerikaner Opfer von Identitätsdiebstahl, fünfmal so viele wie im vergangenen Jahr. Doch Washington verschleppt Schutzgesetze - auch auf Druck der Daten-Lobby.
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New York - Das Tenement Restaurant auf Manhattans Lower East Side rühmt sich schräger Gemütlichkeit. Dekoriert wie eine viktorianische Wohnstube, serviert die In-Kneipe "neue amerikanische Cuisine": Brathühnchen mit Yucca-Knödeln, Lachs in Meerrettichkruste, obstgefüllte Koteletts. Am Wochenende legt ein DJ Verdauungsmusik auf.

Mindestens eine der Kellnerinnen kümmerte sich aber noch auf andere Weise um die Gäste. Nach einer Razzia von Sonderbeamten des New York Police Departments (NYPD), Einsatzgruppe Identitätsdiebstahl, gab Dominika Szymanska vorige Woche zu, drei Dutzend Gourmets mit einer selbst gebastelten Kreditkarten-Lesemaschine abgezockt zu haben. So habe sie Tausende Dollar ergaunert.

Interessant daran ist vor allem, dass das NYPD einen eigenen Sondertrupp für Identitätsdiebstahl hat. Kein Wunder: 2004 zählte die zuständige US-Kartellbehörde FTC im Großraum New York fast 20.000 Fälle von Datenklau. Das macht New York - das sonst so stolz ist auf seine schrumpfenden Verbrechensraten - in Sachen Cyber-Kriminalität zur gefährlichsten Großstadt der USA.

Fast jeder dritte Erwachsene betroffen

Identitätsdiebstahl grassiert in den USA. 2004 zählte die FTC 9,3 Millionen Fälle. Die Geschädigten verloren dabei über 53 Milliarden Dollar - im Schnitt 5698 Dollar pro Kopf.

Und die Datenkriminalität boomt weiter. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres wurden nach grober Zählung der Verbraucherschutzgruppe Privacy Rights Clearinghouse schon weit über 50 Millionen Amerikaner Opfer von Datenraub - fast jeder dritte Erwachsene. "Jeden Tag", resümiert die "New York Times", "gibt es neue Horror-Geschichten." "Was in der Depression Banküberfälle waren", sagt der demokratische Senator Chuck Schumer, "ist im Informationszeitalter der ID-Diebstahl."

Die jüngste Welle begann Mitte Februar, als ein Betrüger dem größten Informationssammler der USA, der Datenfirma ChoicePoint, die persönlichen Angaben von 145.000 Kunden abluchste. Seither ging es Schlag auf Schlag, quer durch die Branchen und mit rasant wachsenden Betroffenenzahlen: Time Warner (600.000), Bank of America (1,2 Millionen), Citigroup (3,9 Millionen), CardSystems (40 Millionen).

Schlüssel zur wirtschaftlichen Identität

Vor allem der letzte Fall hat die Amerikaner geschockt. CardSystems verwaltet die Daten von Kreditkartenbesitzern - Visa, Mastercard, American Express. Das Unternehmen räumte inzwischen ein, mit Schuld an dem Debakel zu tragen: Es habe Millionen Daten unberechtigt in seinen Computern gespeichert, statt sie wie vorgeschrieben an die Banken weiterzuleiten.

Wenigstens kamen dabei keine Sozialversicherungsnummern (SSN) abhanden. Denn die sind die Schlüssel zur wirtschaftlichen Identität aller Amerikaner. Sie öffnen den Zugang zu Konten, Krediten, Banken, Investitionen, Mietverträgen. So enthielten die 3,9 Millionen Kundenlisten, die der weltgrößte Finanzkonzern Citigroup Anfang Juni beim Transport von Backup-Datenträgern mit dem Paketdienst UPS "verlor", neben den Kontonummern auch alle neunstelligen "SSN".

"Totale Totgeburt"

Die Unternehmen stecken in einem Dilemma: Ohne Datenspeicherung geht heutzutage nichts mehr. In den USA gilt das ganz besonders. "Jede Minute finden Millionen finanzieller Transaktionen statt", sagt Tom Arnold, Mitinhaber der Datenfirma Payment Software. "Sie sind das Fundament unserer Wirtschaft."

Mehr noch: Die Kredit- und Bankinformationen, die hier Hunderte von Firmen wie CardSystems horten, sind Grundlage für die Kreditwürdigkeit jedes Amerikaners. Dieses "credit rating" bestimmt das tägliche Leben: Wer darf ein Konto eröffnen, Kreditkarten besitzen, eine Wohnung mieten, ein Auto kaufen.

Wem ID-Diebe einmal das Rating verderben, "der ist tot", sagt die New Yorkerin Joan Woods. Seit sieben Jahren kämpft Woods um Wiederherstellung ihrer Kreditwürdigkeit, nachdem ihr ein Cyber-Schwindler 10.000 Dollar Schulden eingebrockt hatte. "Doch niemand will das korrigieren. Denn damit lässt sich kein Geld verdienen." Oder Politik machen. Ein Beispiel für das Desinteresse staatliche Stellen ist Kalifornien, der bevölkerungsreichste US-Bundessstaat. Dort verschliefen die Politiker das Problem - bis sie selbst Opfer wurden.

Ein Gesetz, wonach Unternehmen Datendiebstähle offenlegen müssen und diese nicht mehr länger aus PR-Gründen geheim halten dürfen, scheiterte lange am Widerstand der High-Tech-Lobby im Silicon Valley. "Das war eine totale Totgeburt", erinnert sich Herb Wesson, der Ex-Sprecher des Parlaments in Sacramento.

Das änderte sich, als Hacker in die Datenbank der kalifornischen Regierung einbrachen. Kurz darauf bekamen die Parlamentsabgeordneten einen Brief, in dem ihnen mitgeteilt wurde, dass auch ihre persönlichen Daten gefährdet seien. Und auf einmal konnten sie das ID-Gesetz nicht schnell genug verabschieden.

Paris Hiltons Sozialversicherungsnummer

Doch noch steht Kalifornien mit der Initiative alleine da. So musste ChoicePoint im Februar nur seine 35.000 Kunden dort über den enormen Datenraub informieren. Die anderen 110.000 Betroffenen wurden im Dunkeln gelassen.

"Unser System zum Identitätsschutz ist nicht existent", klagt Senator Schumer, einer der wenigen Befürworter strengerer Gesetze auf Bundesebene. Schumer überzeugte sich jüngst selbst vom Ernst der Lage, indem er sich im Internet die Sozialversicherungsnummern von Brad Pitt, Jennifer Aniston, Paris Hilton und Vizepräsident Dick Cheney besorgte. "Und alles nur mit einem Tastendruck", berichtete er.

Um ihr Image bangend, treten nun aber auch die Großbanken in Aktion. So führt Visa jetzt eine neue Buchungstechnologie ein, die Kartenbetrug "stoppen kann, bevor er stattfindet". Das Computerprogramm, das erste dieser Art in der Branche, soll in den kommenden fünf Monaten Verluste in Höhe von rund 164 Millionen Dollar verhindern.

Verbraucheranwälte halten solche Schritte für Ablenkungsmanöver. "Einzelhändler und Banken laufen Sturm auf Washington", sagt Chris Hoofnagle, der Westküstendirektor des Electronic Privacy Information Centers (EPIC). "Sie wollen schwächere Gesetze als in Kalifornien." Allein die sieben größten US-Informationsbroker haben nach Recherchen des "Wall Street Journals" im vorigen Jahr 2,4 Millionen Dollar für Lobbyistendienste in der Hauptstadt ausgegeben, um die Gesetzeslage zu ihren Gunsten zu verwässern. Mit 970.000 Dollar am spendabelsten: ChoicePoint.

Derweil geht die Cyber-Piraterie weiter. Die führende US-Drogeriekette CVS kappte gestern ihren Internet-Zugang zu 50 Millionen Kunden-Kreditkarten: Es war bekannt geworden, dass deren Kundendaten ohne weiteres über die CVS-Website eingesehen werden konnten. Inklusive rezeptpflichtiger Medikamente und sehr persönlicher, "peinlicher" Ausgaben, etwa für Kondome und Schwangerschaftstest.

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