Konzerne Dauerndes Genöle
Vorstandschef Jürgen Strube liebt nautische Bilder, die BASF vergleicht er gern mit einem Schiff in stürmischer See.
Es reiche nicht, Ballast über Bord zu werfen und auf ein gütiges Geschick zu hoffen, sagt der Chemie-Manager. Als entschlossener Seemann müsse er das Sturmsegel setzen und das Steuer noch fester in die Hand nehmen.
Weniger blumig, aber ähnlich problematisch sieht Bayer-Chef Hermann Josef Strenger die Lage. Sein Konzern sei schwierigen Verhältnissen und Belastungen ausgesetzt, die Erwartungen dagegen seien verhalten.
Es steht schlimm um die chemische Industrie, das ist die Botschaft aller Klagen. Der Gewinn der Branche sei im vergangenen Jahr um 15 Prozent gesunken, verkündet Hoechst-Chef Wolfgang Hilger. Seit Monaten zeichnen die Chemie-Manager das Szenario eines kriselnden Industriezweiges. Und die Aussichten sind trübe. »Seit Beginn des Jahres«, konstatierte Strube vor kurzem, »hat sich die wirtschaftliche Situation weiter verschlechtert.« Tristesse auf der ganzen Linie.
Doch zwischen Worten und Zahlen gibt es eine erstaunliche Diskrepanz. Die Jammertöne entsprechen ganz und gar nicht den vorgelegten Bilanzen. Die ergeben ein völlig anderes Bild - das einer prosperierenden Branche.
Und am lautesten klagen ausgerechnet die Chefs jener Firmen, denen es am besten geht: Bayer, BASF und Hoechst.
Spitzenreiter beim Geldverdienen ist Bayer. Der Konzern erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen stolzen Gewinn von 3,2 Milliarden Mark vor Steuern. Das ist immerhin das viertbeste Ergebnis in der 128jährigen Firmengeschichte.
Die beiden Konkurrenten Hoechst und BASF liegen zwar um einiges darunter. Aber auch ihre Werte sind so gut, daß selbst größere Konzerne wie Veba und VW in ihren besten Jahren da nicht mithalten können (siehe Grafik).
Wie gut es um die Branche bestellt ist, zeigt das Verhältnis von Gewinn zu eingesetztem Kapital, ein Gradmesser für Profitabilität. Nicht einmal der fast konkurrenzlose Strom-Konzern RWE oder der Elektro-Gigant Siemens erreichen solche Spitzenwerte.
Neiderfüllt sehen die Manager anderer Industriezweige, wie die Kollegen von der Chemie Geld scheffeln. In den letzten zehn Jahren erzielten Bayer, BASF und Hoechst zusammen einen Gewinn vor Steuern von rund 85 Milliarden Mark, allein im Rekordjahr 1989 brachte es das Trio auf über 12 Milliarden Mark.
Dennoch wird in der Chemie geklagt, als ringe die Branche seit vielen Jahren um ihre Existenz. Mit Horrorbildern warnen die Manager unermüdlich vor den verheerenden Folgen zu hoher Kosten und steigender Umweltauflagen. Kein Vergleich ist abwegig genug, um ein vermeintliches finanzielles Desaster zu beschwören.
Deutliche Anzeichen für eine »Chemie-Verhinderungspolitik« entdeckte bereits 1986 der damalige BASF-Chef Hans Albers. Die Vorstände müßten bei ihren Entscheidungen immer mehr gesetzliche Einschränkungen hinnehmen. »Ich fühle mich«, ärgerte sich Albers später, »an den Klempner erinnert, der einen tropfenden Wasserhahn so repariert, daß er den Rohrbruch riskiert.«
Sein Nachfolger setzt die Tradition des Zeterns fort. »Die schleichende Verschlechterung der Standortbedingungen in Deutschland«, erklärte Strube, erfülle ihn mit Sorge. Die größten Gefährdungen für seinen Konzern sieht er im politischen Umfeld.
Das dauernde Genöle tat seine Wirkung. Die angepaßte Industriegewerkschaft Chemie und Bataillone von Politikern setzten sich mächtig für die Branche ein. Aus Angst, die Konzerne könnten immer mehr Produktionen ins Ausland verlagern, verhinderte die Lobby schärfere Auflagen und verwässerte so manche Vorschrift.
Ob bei der Verklappung von Dünnsäure, dem hochtoxischen Holzschutzmittel Pentachlorphenol oder dem gefährlichen PCB - stets wurden Verbote um Jahre verschleppt oder großzügige Übergangsregelungen gefunden.
Die Klagen der Konzerne haben sogar kritische Fachleute wie Ulrich Steger anfällig für die Sorgen der Chemie gemacht. »Im Kampf gegen die ozonschädigenden FCKWs«, stellte der ehemalige hessische Wirtschaftsminister und jetzige VW-Vorstand fest, »wird erstmalig weltweit versucht, eine erfolgreiche Chemikalie wieder zu eliminieren.«
Die Stuttgarter Zeitung sah die großen Konzerne schon wirtschaftlich abdriften. »Schwächeanfall schüttelt Deutschlands Chemieriesen«, schrieb das Blatt über die Krise aus der Retorte.
Sorgen sind fehl am Platze. Wie wundersam sich die hypochondrische Branche von ihren eingebildeten Leiden erholen kann, zeigt das Beispiel der Pharmaindustrie. Die schien am Ende, als in Bonn Festbeträge für Arzneimittel beschlossen wurden.
»Wir steuern auf einen Zustand zu«, sorgte sich beispielsweise Bayer-Chef Strenger im Mai 1990, »bei dem Pharma keinen Gewinn mehr abwirft.« Die Ausgaben für die Forschung müßten drastisch reduziert werden, gegen die Konkurrenz aus den USA und Japan wäre dann nicht mehr anzukommen.
Von den Problemen bei Pharma ist keine Rede mehr. Im Gegenteil, Strenger, Strube und Hilger äußern sich über den einstigen Sorgensektor geradezu überschwenglich. Mit ihren Pillen und Pulvern, Seren und Säften verdient das Trio wie einst in den besten Jahren.
Der Sektor Arzneimittel, schwärmte Hilger Ende März, stehe bei Hoechst mit einem Zuwachs von zwölf Prozent auf der Sonnenseite. Auch der Umsatz im Inland sei, trotz Einbußen aus dem Gesundheitsreformgesetz, erfreulich angestiegen. Bei Bayer hat sich Pharma zur tragenden Säule des Konzerns entwickelt. Die Mittel für die Forschung wurden kräftig aufgestockt. So schnell kann sich vieles ändern.
Auch die gewaltigen Probleme, die Strenger einst in den USA auf sich zukommen sah, sind kein Thema mehr. Sogar protektionistische Hindernisse hatte er auf dem wichtigsten Auslandsmarkt der Branche befürchtet.
Es kam wieder einmal ganz anders. Mit einem Umsatz von sechs Milliarden Dollar, verkündete Strenger, »sind wir dort das größte ausländische Chemie-Unternehmen«.
Gelegentlich räumen die Chemie-Manager sogar ein, daß auch der heimische Markt nicht so schlecht ist. »Wir kennen«, sagte Hilger vor kurzem, »die Qualitäten des Standortes Deutschland sehr wohl und bewerten sie sehr hoch. Wir bekennen uns zu diesem Standort.«
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_158_ Konzerne: Ertragslage der großen Chemiekonzerne 1990
_____ / Vergleich mit anderen Spitzenunternehmen d. deutschen
_____ Wirtschaft
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