Davos Der große Sturm ist ausgeblieben
Davos - "Es ist uns gelungen, den normalen Verlauf des WEF aufrecht zu erhalten", sagt Kommandant Markus Reinhardt. Dass sich die Wut der Demonstranten in Zürich entlud, wo Autos brannten und Fensterscheiben zu Bruch gingen, ist für den Einsatzleiter in Graubünden zweitrangig. Nach der in Davos verhinderten Demonstration von Globalisierungsgegnern war es dort zu schweren Ausschreitungen gekommen. Rund 1000 Demonstranten zogen randalierend durch das Bahnhofsviertel. Sie steckten Autos und Container in Brand, schlugen Schaufensterscheiben und attackierten Ordnungskräfte mit Steinen. Die Polizei setzte Wasserwerfer, Tränengas und Gummigeschosse ein, etwa 100 Demonstranten wurden festgenommen.
Null-Toleranz-Strategie in der Kritik
Mit ihrer Null-Toleranz-Strategie in Davos hat die Polizei chaotische Aufmärsche wie bei der Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) vor 13 Monaten in Seattle, bei der Weltbanksitzung im Herbst in Prag und beim EU-Gipfel in Nizza zwar verhindert. Dafür hagelte es aber Kritik. "Wir sind doch nicht im Krieg", empörte sich der sozialdemokratische Graubündner Abgeordnete Andrea Hämmerle. Die Polizei habe das Maß verloren, schrieb die Schweizer "Sonntagszeitung".
Schon vor Beginn des Weltwirtschaftsforums hatte die Polizei markige Worte gefunden. Dies sei die größte Herausforderung seit Gründung der Polizei 1804, befand sie. Mit meterhohen Stacheldraht- und Gitterverhauen, Wasserwerfern und gepanzerten Jeeps verwandelte sie das Kongresszentrum in eine uneinnehmbare Festung. Die Tagungsteilnehmer waren darin praktisch gefangen.
"Reichlich übertrieben", ärgerte sich ein WEF-Teilnehmer im abgeschotteten Kongresszentrum. "Da draußen kommen ja zehn Polizisten auf einen Demonstranten." Warum man den Leuten nicht Raum für ihren Protest gegeben habe, fragten andere. "Mit dieser Kritik müssen wir leben", sagte ein junger Polizist. "Aber wenn Randalierer durchgekommen wären und das Forum echt gestört hätten, wäre es auch nicht recht gewesen."
Breuer fürchtet um den Geist von Davos
Einer, der Verständnis äußerte, war der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Rolf-Ernst Breuer. "Man sieht ja ein, dass es sein muss" sagte er. "Der berühmte Geist von Davos wird leiden, fürchte ich. Wenn das zu einer Dauereinrichtung wird und wir uns hier jedes Jahr in einer ähnlichen Art und Weise bewegen müssen, dann geht der Charme und das Besondere von Davos verloren."
Dass das Forum zur Zielscheibe der Globalisierungsgegner geworden ist, hat es sich nach Ansicht der "Sonntagszeitung" auch selbst zuzuschreiben. "WEF-Gründer Klaus Schwab ist nicht unschuldig an dieser Entwicklung. Der Professor, der so gern den Dialog beschwört, tut sich schwer mit Kritikern, die er nicht selber an seinen Tisch geladen hat", kommentierte das Blatt.
Das Treffen in Davos ist der private Anlass einer geschlossenen Gesellschaft, der Mitglieder der Stiftung Wirtschaftsforum. Das sind aber die mächtigsten Wirtschaftsbosse der Welt. Und die bestimmen, wer nach Davos eingeladen wird. Präsidenten und Spitzenpolitiker, Nobelpreisträger und gefeierte Ökonomen sind willkommen. Damit ist das Forum zu einem Gipfel der Mächtigen geworden. Wer aus dem Kreis der kritischen Umwelt-, Menschenrechts- und Dritte-Welt-Gruppen dazu stoßen darf, bestimmt das Forum. Es sind in diesem Jahr 60 - von insgesamt rund 3 000 Teilnehmern. Organisationen wie die entwicklungspolitische "Erklärung von Bern" haben sich frustriert zurück gezogen. Sie fühlt sich als Feigenblatt missbraucht.
Christiane Oelrich, dpa