Dax-Aufsteiger Das Comeback der Old Economy
Michael Frenzel hat viele Kritiker. Klein- und Großaktionäre, Analysten, Ex-Kollegen und auch viele Mitarbeiter sind auf den Tui-Chef nicht gut zu sprechen. Sie schmähen ihn als Geldvernichter ohne Strategie. Am 22. Dezember können sie sich alle bestätigt fühlen. Dann werden die jetzt von der Deutschen Börse verkündeten Wechsel im Dax wirksam.
Schmelzer an einem Hochofen: Comeback der Old Economy
Foto: DDPNeu in den Leitindex kommt ausgerechnet der Stahlkonzern Salzgitter , zehn Jahre, nachdem Frenzel das Unternehmen für 1,1 Milliarden Mark mit großem Verlust abgestoßen hatte. Die ehemalige Konzernmutter Tui , deren Vorstand Frenzel seit 20 Jahren angehört, ist dagegen schon seit September nur noch im MDax zu finden, ausgetauscht gegen den Rohstoffkonzern Kali und Salz (K+S) . Der Blamage eines direkten Wechsels von Tui zu Salzgitter entging Frenzel damals nur knapp.
Tui raus, Salzgitter rein - das ist das Ergebnis so vieler Strategiewechsel und verpasster Trends, wie sie kaum ein anderer deutscher Manager vorweisen kann. Aus dem einstigen Montanunternehmen Preussag (kurz für Preußische Bergwerks- und Hütten-AG) schuf Frenzel erst einen industriellen Mischkonzern. Dann kaufte er die Reederei Hapag-Lloyd hinzu, baute das Reisegeschäft mit der Tui aus, die dem Konzern dann auch einen neuen Namen gab. Weg von der Old Economy mit Stahl und Kohle, hinein in die Spaßgesellschaft mit klarem Fokus auf den Tourismus - so präsentierte sich Frenzel um die Jahrtausendwende als Visionär. Das brachte ihm sogar den Titel "Manager des Jahres" ein.
Doch dann brach das Reisegeschäft ein, aus der Not wurde die "Zwei-Säulen-Strategie" mit der Schifffahrt geboren. Im Nachhinein erwies sich der Abschied von der Preussag-Industrie als klarer Fehler. Seitdem folgten noch mehrere weitere Wenden. Mal wollte Tui die Schifffahrt abstoßen, dann die Touristik, auf Druck von Investoren trennte sich Frenzel schließlich doch von Hapag-Lloyd. Am Ende blieb die Holding in Hannover als nahezu leere Hülle übrig.
Die Frenzel-Story ist eine Lektion für Anleger, folgte er doch der jeweiligen Börsenmode. Was sich in den Vorjahren als Wachstumsbringer erwiesen hatte, wurde gekauft, was schlecht lief, abgestoßen. Doch oft fanden die Trends anschließend ein schnelles Ende. Frenzel zeigt: Wer prozyklisch investiert, verliert.
Für Häme haben Anleger, die sich am Dax orientieren, keinen Anlass. Denn auch der Leitindex, der die Elite der deutschen börsennotierten Unternehmen widerspiegelt, läuft den Trends oft nur hinterher. Seine im Vergleich zur Tui-Aktie bessere Performance verdankt er zum Großteil dem, was Finanzforscher Survivorship Bias nennen: Im Rückblick bestimmen nur die Überlebenden das Bild, die Aktien, die sich am besten entwickelt haben. Weil der Dax immer wieder angepasst wird, ist die Wertsteigerung von 1000 auf mehr als 4500 Punkte wenig aussagekräftig.
Wer vor 20 Jahren ein Portfolio aus den 30 Gründungsaktien des Dax kaufte, findet nur die Hälfte davon auch heute noch im Index. Der Rest stieg wegen Wertverlusten ab wie Karstadt (heute Arcandor ), wurde aufgekauft wie Nixdorf, zerschlagen wie Feldmühle Nobel oder ging pleite wie die Deutsche Babcock.
Auf dem Höhepunkt der New-Economy-Blase kamen die von Siemens abgespaltenen Elektronikfirmen Epcos und Infineon neu in den Index, während Traditionsnamen der Industrie wie Hoechst und Mannesmann verschwanden. Die Neulinge hatten ihre mit dem Computerboom verbundene goldene Zukunft schon hinter sich, sie wurden zu den größten Verlustbringer für viele Aktionäre. Infineon , für 35 Euro an die Börse gebracht, ist mittlerweile der erste Penny-Stock im Dax.
Jetzt verändert der Dax erneut radikal sein Gesicht. Gleichzeitig mit Salzgitter kommt der Konsumgüterhersteller Beiersdorf (Nivea, Tesa) in das Börsenbarometer. Schon im September kam der Tui-Ersatz Kali und Salz . Drei neue Dax-Mitglieder in einem Jahr - so viel Wechsel war noch nie. Abgesehen von jenen drei oder vier Indexänderungen durch Fusionen und Übernahmen, die aber kein echter Austausch von einem Unternehmen gegen ein anderes waren.
Alle drei Namen stehen für die Stärke klassischer Industrie- und Bergbauwerte, die Rückkehr der Old Economy. Doch auch diesmal vollzieht die Deutsche Börse eine Entwicklung der vergangenen Jahre nur nach. Zu ihren Gunsten muss gesagt werden, dass sie damit streng den eigenen Regeln folgt. Das Gütesiegel "Dax" soll nur nach streng objektiven, nachvollziehbaren Kriterien vergeben werden, um den Investoren Verlässlichkeit zu bieten. Der Vorstand folgt alle drei Monate einer Empfehlung des Arbeitskreises Aktienindizes, und die kann man anhand von Kursen und Umsätzen der Aktien an der Börse im Voraus berechnen.
Nicht im Voraus zu berechnen ist dagegen, ob die neuen Dax-Mitglieder eine gute Wahl für die Zukunft sind. Vielleicht bildet der Dax 2009 die Stärken der deutschen Wirtschaft mit ihrem industriellen Herz besser ab als vor einem Jahr, vielleicht ist das Comeback der Old Economy aber auch schon wieder nur die Börsenstory von gestern.
Die Aktie von Kali und Salz stieg mit den Getreide- und Düngerpreisen kometenhaft auf knapp hundert Euro im Juni. Seit Rohstoffe wegen der Rezession billiger werden, stürzte auch die K+S-Aktie auf nur noch rund 30 Euro. Das Unternehmen drosselte bereits die Kaliproduktion.
In einer Werbekampagne verweist die Firma auf langfristige Trends: "Die Weltbevölkerung wächst, die Ansprüche an die tägliche Ernährung verändern sich, und die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten steigt - vor allem in Schwellenländern - stetig an." Also werde immer mehr mineralischer Dünger gebraucht, den neben K+S nur wenige andere herstellen. Klingt einleuchtend, doch so stetig wie erwünscht sind "das Plus an Wachstum und reiche Ernte" eben nicht.
Auch die Salzgitter-Aktie mag ihren Zenit bereits überschritten haben. Im Sommer kostete sie noch gut 140 Euro, jetzt pendelt der Kurs um 50 Euro. Auch hier bestimmen fallende Preise, fehlende Aufträge, gedrosselte Produktion das Bild. Analysten loben die geringe Verschuldung und die große Kriegskasse, mit der Salzgitter in der Krise andere Firmen aufkaufen kann. Im Branchenvergleich steht der Konzern gut da, nur die Branche insgesamt eben nicht.
"Die Leute brauchen Stahl", erklärt Vorstandschef Wolfgang Leese seine Hoffnung auf eine Wende im kommenden Jahr. Dafür müssen sich aber zuerst die Auto- und Maschinenbauindustrie und Salzgitters Spezialgeschäft mit Röhren für Öl- und Gasleitungen erholen.
Am stabilsten, damit aber auch am langweiligsten, ist noch die Aktie von Beiersdorf . Ihr Kurs steigt seit Jahrzehnten nahezu stetig, ohne allzu große Sprünge. Die Marken des Konzerns sind weltbekannt und versprechen solides Geschäft. Das Unternehmen wird an der Börse mit mehr als zehn Milliarden Euro bewertet, hätte also längst in den Dax gehört.
Dagegen sprach nur, dass die Mehrheit der Anteile in den Händen der Tchibo-Familie Herz liegt und damit der Börse entzogen ist. Auch Beiersdorf wird für seine solide, fast schuldenfreie Bilanz gelobt. Die hohe Barreserve spricht aber auch dafür, dass dem Management trotz bescheidener Gewinnmarge nicht viel einfällt, um das Geschäft weiter zu verbessern.
"Produkte für den täglichen Bedarf, wie fürs Haarewaschen oder die Gesichtspflege, sind nicht die Dinge, die Menschen in schlechteren Zeiten als erstes weglassen", beschreibt Konzernchef Thomas-Bernd Quaas im "Hamburger Abendblatt" seinen Optimismus. Und doch: Im Dax bekommt der private Konsum mit Beiersdorf endlich ein größeres Gewicht - aber leider ausgerechnet zu Beginn einer weltweiten Konsumkrise.