Dax-Geflüster Börsenparkett als Gerüchteküche
Hamburg - Die Postbank war Tagesgespräch am vergangenen Mittwoch. Der Verkauf des Instituts solle nun doch schneller gehen als erwartet, munkelten Investoren. Einen Tag zuvor hatten Mutmaßungen die Runde gemacht, die britische Bank HSBC sei an der Schweizer UBS interessiert. Viele schüttelten den Kopf - und verpassten damit die Chance, eine Menge Geld zu verdienen. Denn plötzlich rissen sich die Anleger um die Papiere. Die Aktie der UBS legte am Dienstag um zeitweise um sechs Prozent zu.
Gerüchte dürften so alt sein wie die Börsen selbst. "Gerüchte bedienen das Informationsbedürfnis der Anleger, welches sich aus den permanenten Schwankungen der Kurse an der Börse ergibt. Menschen verspüren ein Kontrollbedürfnis und suchen nach Erklärungen für das Marktgeschehen", sagt Manfred Hübner, Leiter Behavioural Finance bei der Dekabank. Und sie bergen eine Eigendynamik: "In den meisten Fällen beruht die Entstehung wohl auf dem 'Stille-Post-Syndrom'." Eine Information wird unvollständig aufgenommen und um Ausschmückungen ergänzt weitergegeben." Und Vermögensverwalter Markus Zschaber ergänzt: "Generell lebt doch alles von Analysen, Gerüchten, Meinungen, Stimmungen."
Das jüngste Gerücht
Vermutlich ist es nun einmal das Wesen eines Gerüchts - schwer fassbar zu sein, niemandem zuzuordnen. Nur ganz selten gelingt es, den Geisterbeschwörer zu stellen. Denn wo kräftige Kurssprünge möglich sind, wird die menschliche Kreativität angekurbelt. Besonders bei Neu-Emissionen soll es öfter dazu kommen. Profitieren können von solchen Gerüchten jene, die auf der richtigen Seite stehen, die die entsprechende Aktie also besitzen. Der Drang, durch gezieltes Streuen von Gerüchten etwas nachzuhelfen, lockt da gewaltig.
Es gilt also, die guten Gerüchte von den schlechten zu unterscheiden. Die Frage, wer profitiert, liefert da oft ein erstes Indiz. Aber selbst wenn man eine Finte wittert, muss das noch kein Anlass sein, auf das Investment zu verzichten. Nur gilt es dann, besonders aufmerksam darauf zu achten, wann das Kartenhaus beginnt zusammenzubrechen.
Kein dauerhafter Glanz
Doch Vorsicht: Eine Gebrauchsanweisung soll das nicht sein. Denn der deutsche Gesetzgeber nennt das Vorgehen nüchtern Kursmanipulation und verbietet es.
Doch zurück zu dem, was hoffentlich die Norm ist, den normalen Gerüchten. Experten unterscheiden dabei zwischen zwei Erscheinungsformen: zum einen das normale Grundrauschen am Markt, wie Holger Kerzel es ausdrückt, der bei der Fondsgesellschaft Meag den Aktienbereich verantwortet. "Solche Gerüchte lassen sich nicht zum Urheber zurückverfolgen." Doch sie haben genug Einfluss, um einen Kurs nach oben zu drücken oder auch nach unten. Chrysler ist so ein Beispiel: Der Autobauer stecke in finanziellen Schwierigkeiten, hieß es am Donnerstag. Prompt sackte die Aktie der ehemaligen Mutter Daimler ab, die noch immer knapp 20 Prozent an der ehemaligen US-Tochter hält.
Und dann gibt es die anderen Gerüchte, "wenn Sie so wollen, jene, die sich um einen Kern harter Fakten ranken", so Kerzel. "Wenn Sie es mehrfach lesen, am Montag, dann am Mittwoch, dann könnte da schon etwas dran sein. Die Postbank ist so ein Fall."
Anleger sollten daher durchaus auf solche Gerüchte achten. "Buy on rumours, sell on facts", bei Gerüchten kaufen, bei Fakten verkaufen, so lautet eine alte Regel an der Börse. Eine Küchenweisheit, die die Experten wie Kerzel auch heute noch befolgen.
Am Ende bleiben es aber die Fakten, die substantiell den Kurs einer Aktie beeinflussen, darüber sind sich die Experten einig. Gerüchte dagegen können einer Aktie fast nie einen lang anhaltenden Glanz verleihen. "Kennen Sie noch die Story, was passiert, wenn alle Chinesen plötzlich Auto fahren, was hatte das den Automobilsektor und die Aktien getrieben", erzählt Zschaber, um das Phänomen zu erklären. "Bis jemandem einfiel, dass die Landchinesen ganz andere Probleme haben als das Auto, die wollen zunächst fließend Wasser und Energie."