Dax-Geflüster Das Comeback der Clans
Einen winzigen Moment herrschte Mitte der Woche Stille auf dem Frankfurter Börsenparkett. Händler hielten inne und blickten zur Kurstafel im großen Börsensaal, wo die Kurve steil nach unten wies. Plötzlich notierte der Dax nur noch bei 5999 Punkten. So weit war der Frankfurter Index seit Oktober 2006 nicht mehr nach unten gerauscht.
Bis zum Wochenschluss stabilisierte sich der Index zwar wieder. Doch der kapitale Durchhänger zeigt: Deutschlands Börse taumelt - und einige Börsenprofis rechnen kurzfristig nicht mehr damit, dass die 6000-Punkte-Marke dem Dax noch ein weiteres Mal Halt bieten kann. "Kurzfristig könnte der Markt in diesem Fall bis auf 5550 Punkte sacken", sagt Klaus Schrüfer, Chef-Anlagestratege der SEB. Dabei notiert der Dax schon jetzt mehr als 25 Prozent unter seinem Rekordhoch, das er vor einem Jahr erreicht hatte.
Während Aktiensparer stöhnen, kommt die Baisse anderen Anlegern entgegen. Plötzlich treten Deutschlands verschwiegene Familienunternehmen aus dem Dunkel. Der Wälzlager-Clan Schaeffler etwa nutzt die niedrigen Kurse und bietet Milliarden für den Dax-Konzern Continental , und das im besten Heuschreckenstil. Gut vorbereitet, mit der Unterstützung internationaler Investmentbanken hatte sich der Autozulieferer aus Herzogenaurach an Conti herangeschlichen. Seit Anfang der Woche bieten die Franken offiziell für den Reifenkonzern, der sich nach Kräften wehrt. Die Übernahmeschlacht ist in vollem Gange.
Möglicherweise strebt Schaeffler allen Beteuerungen zum Trotz auch ein "Going Private" an, will also Conti langfristig von der Börse nehmen, um ohne störende Öffentlichkeit und lästige Quartalsberichterstattung die wahren Werte des Unternehmens zu heben. Doch unabhängig von einer Aktiennotierung: Niemand würde Milliarden für ein Unternehmen bieten, wenn er nicht langfristig an dessen Stärke glauben würde.
So schlecht kann es um die im Dax notierten Unternehmen also nicht bestellt sein. Auch wenn der Kursrutsch derzeit eine andere Geschichte erzählt.
Porsche und Piëch beherrschen Volkswagen
Deutschlands Familienunternehmen jedenfalls haben zuletzt ihr Engagement bei Börsenkonzernen intensiviert. Vor zwei Jahren traten beispielsweise die Autodynastien Porsche und Piëch an, um sich den größten Autokonzern Europas einzuverleiben: Volkswagen .
Mittlerweile beherrschen die Clans den Koloss mit mehr als 100-Milliarden-Euro-Umsatz. Und die Aktienkursgewinne, die Volkswagen seit der De-facto-Übernahme den Familien beschert hat, waren riesig.
Im Herbst 2007 kaufte die aus dem Ruhrgebiet stammende Unternehmerfamilie Haniel still und heimlich so viele Metro-Aktien, bis sie gemeinsam mit der Familie Schmidt-Ruthenbeck Deutschlands größten und international erfolgreichsten Handelskonzern kontrollierte. Bis zu einem Turnaround bei Metro werden die beiden Familien noch Geduld haben müssen, doch von Kursschwankungen lassen sich die Damen und Herren selten aus dem Konzept bringen.
Reiche Familien kaufen ein
Schaeffler, Piëch-Porsche, Haniel: Nicht nur in Deutschland sind finanzkräftige Privatinvestoren unterwegs, um sich inmitten der Börsenkrise Unternehmen zu günstigen Preisen zu sichern. Während die Firmenjäger aus der Private-Equity-Branche ihre Wunden lecken und den Preis für ihre abenteuerlichen Fremdfinanzierungsmodelle zahlen, gehen vermögende Unternehmer nun selbst auf Einkaufstour. Sie machen sich das Phänomen der Börse zunutze, dass Aktien immer unbeliebter werden, je tiefer die Preise fallen.
Beispiel Warren Buffett: Die Investmentlegende steigert sich in den USA gerade in einen Kaufrausch. Zwar hat die weltweite Börsenkrise auch die Aktie seiner Holding Berkshire Hathaway gebeutelt - ein großer Teil der Beteiligungen basiert auf dem Finanz- und Versicherungsgeschäft. Doch statt zu klagen und hektisch umzuschichten, investiert Buffett beinahe im Wochentakt einen Teil seiner Barreserven.
Als der US-Chemieriese Dow Chemical jüngst den Spezialchemieanbieter Rohm & Haas übernahm, war Buffett mit rund drei Milliarden Dollar bei der Finanzierung dabei und steigt auf diese Weise zu einem der größten Einzelaktionäre bei Dow Chemical auf. Erst drei Monate zuvor hatte Buffett die Übernahme des Kaugummiherstellers Wrigley durch den Konsumgüterkonzern Mars mitfinanziert und sich auf diese Weise einen großen Anteil an Wrigley gesichert. Man soll gierig sein, wenn andere sich fürchten, sagt Buffett.
Dies bedeutet nicht, dass eine Erholung am Aktienmarkt unmittelbar bevorsteht. Buffett selbst hat auf die Probleme im Finanzsektor hingewiesen und die Exzesse der vergangenen Jahre kritisiert. Derzeit untersucht die US-Bundespolizei die Praktiken zahlreicher Geschäftsbanken. Die Wall Street erlebt ihre schlimmste Vertrauenskrise seit Jahrzehnten. Der hohe Ölpreis, die rasant steigende Inflation und die Konjunkturschwäche in den USA ergeben einen gefährlichen Mix, der Dow und Dax auf neue Tiefstände drücken kann.
Dem Einstieg der Investoren wie Schaeffler, Porsche, Haniel oder Buffett liegt jedoch die Überlegung zugrunde, dass auf die aktuelle Börsenkrise nicht der komplette Zusammenbruch des Finanzsystems und auch keine jahrelange Weltwirtschaftskrise folgen werden. Es kann durchaus noch viele Monate turbulent bleiben. Doch langfristig, und das können einige Jahre sein, rechnen diese antizyklischen Investoren wieder mit einer Erholung.
An weiteren Übernahmezielen mangelt es nicht. Viele Börsenbeobachter schauen derzeit nicht nur auf Continental, sondern auch auf die Aktie von Daimler : Der Börsenwert des Autoherstellers hat sich in den vergangenen Monaten etwa halbiert und ist in die Nähe des Buchwertes gerückt. Das bedeutet, einer der wichtigsten Hersteller von Premiumautos weltweit, der zudem über hohe Cash-Reserven verfügt, wird an der Börse gerade einmal so hoch bewertet wie seine Vermögensbestände abzüglich der Verbindlichkeiten. Für Firmenkäufer ein extrem appetitliches Szenario.
Die Übernahmeschlacht um Continental dürfte also nicht der letzte Kampf um einen Dax-Konzern gewesen sein. Für Anleger, die über etwas weniger Geld verfügen als Maria-Elisabeth Schaeffler, bleibt ein Trost: Es gibt noch viele Investoren, die den Glauben an eine profitable Zukunft der Dax-Unternehmen nicht verloren haben.