Dax-Geflüster: Der Hunger und die Rendite - DER SPIEGEL
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Dax-Geflüster Der Hunger und die Rendite

Die weltweite Hungerkrise hat Anleger in Verruf gebracht, die auf steigende Rohstoffpreise wetten. Schließlich heizen sie die Preissteigerungen selbst mit an. Dabei ist es nicht unbedingt unmoralisch, von der Agrar-Hausse zu profitieren - es kommt auf die Art an.
Von Arvid Kaiser
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Derzeit geht nichts mehr: Die Aktienmärkte zittern sich von Gewinnwarnung zu Verlustmeldung, trotz der seit Jahresbeginn schon um gut 15 Prozent gefallenen Kurse hält die Angst vor einem weiteren deutlichen Absturz an. Die Rendite von Staatsanleihen fällt in den Keller, weil zu viele Anleger dort eine sichere Zuflucht suchen. Außerdem schreiben die meisten Hedgefonds rote Zahlen, Immobilieninvestments sind nach dem Platzen der US-Blase in Verruf geraten.

Kein Wunder also, dass Anleger nach neuen Zielen suchen - denn die Karawane zieht weiter und verlegt sich stärker auf Öl, Gold, Weizen und Co. Besonders die Agrarrohstoffe sind der letzte Schrei, Schweinehälften-Futures statt Internetaktien haben den soliden Charme der Very Old Economy. Reis ist innerhalb von nur zwei Monaten 75 Prozent teurer geworden, Weizen kostet 120 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Zwar halten Skeptiker den Boom für künstlich, wenigstens zum Teil. "Sinkende Zinsen heizen die Inflation der Vermögenspreise an. In fünf Jahren reden wir über die Rohstoffblase", unkt Jochen Felsenheimer, Kreditstratege der Unicredit. Mit anderen Worten: Es ist einfach zu viel leichtes Geld unterwegs, das weltweit nach profitablen Anlagen sucht. Das führt zu übertriebenen Preisen - jetzt eben auf dem Rohstoffmarkt.

Doch die als Spekulanten geschmähten Anleger sehen das naturgemäß anders: Rohstoffe seien "das bestimmende Anlagethema der Zeit", sagte Branchenpapst Jim Rogers im Interview mit manager-magazin.de. In dieser Woche brachte der Börseninformationsdienst "Fuchsbriefe" einen neuen Bericht über Fonds heraus, die in "die Ölfelder der Zukunft" investieren: die haussierenden Märkte für Agrarrohstoffe.

Renditehunger bewirkt realen Hunger

Die Story stimmt jedenfalls: In die Mittelschicht aufgestiegene Asiaten fragen höherwertige Lebensmittel nach, und besonders der schnell wachsende Fleischkonsum verlangt nach mehr Futter für die Tiere. Wachsende Nachfrage nach Biosprit sorgt für weiteren Verbrauch von Agrarrohstoffen.

Auf der anderen Seite ist Ackerland nicht nur begrenzt, sondern schrumpft auch noch, weil sich Städte und Industriegebiete ausbreiten. Außerdem hat die Produktivität der Anbauflächen in den Jahren niedriger Preise gelitten, weil niemand Interesse an Investitionen hatte. Und immer öfter vernichten Dürren oder andere Wetterkatastrophen die Ernte.

Nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage spricht viel für einen Superzyklus, dafür, dass die Preise auf Jahre hinaus weiter steigen. Selbst wenn die Skeptiker wie Felsenheimer recht behalten und die Märkte irgendwann wieder auf den Boden zurückfinden, bleibt immer noch genug Zeit, um viel zu verdienen. Wenn da nur nicht dieser hässliche Vorwurf wäre, dass der Hunger nach Rendite eine ganz andere Art von Hunger bewirkt - realen Hunger nämlich

Die Stunde der Untergangspropheten

Die Spekulation auf höhere Preise, so heißt es, wirke als selbsterfüllende Prophezeiung: Weil Anleger in Chicago oder London auf steigende Reispreise wetten, müssten Großhändler in Manila und Konsumenten in Bangkok tatsächlich mehr für ihren lebensnotwendigen Reis bezahlen. Und deshalb seien inzwischen Millionen Menschen unterernährt, nähmen Unruhen und Aufstände weltweit zu.

Ganz gleich, ob der Agrarboom begründet oder doch nur herbeispekuliert ist: Es sind gute Zeiten für Untergangspropheten. Plötzlich kommt der pessimistische Pastor Robert Malthus wieder in Mode, der Ende des 18. Jahrhunderts erklärte, die Erde mit ihren begrenzten Ressourcen könne nur eine begrenzte Zahl von Menschen ernähren. Wachse die Bevölkerung über dieses Maß hinaus, werde sie von Hungersnöten, Seuchen oder Kriegen im Zaum gehalten.

"Malthus hatte recht", stellte jüngst selbst Paul Krugman, liberaler Wirtschaftsprofessor an der Uni Princeton, mit Blick auf historische Daten fest - das gelte allerdings nur für die Jahrhunderte bis zu Malthus eigenen Lebzeiten. Danach stellte die industrielle Revolution neue Spielregeln auf: Die vorhandenen Ressourcen werden dank des technischen Fortschritts effizienter genutzt als früher. Nur deshalb ist es möglich, dass heute mehr als sechs Milliarden Menschen leben, die meisten davon in größerem Wohlstand als ihre Vorfahren.

Eine etwas modernere Fassung von Malthus' These brachte der Club of Rome 1972 mit seinem Bestseller "Grenzen des Wachstums". In einem "Weltmodell" hatten die Forscher das nahe Ende der auf billige Rohstoffe gegründeten Zivilisation berechnet: Die Erdölvorräte beispielsweise würden bei weiter exponentiell wachsendem Verbrauch nur bis 1992 reichen, viele andere Rohstoffe in ähnlichen Zeiträumen ausgehen.

Das Modell war offensichtlich zu einfach gestrickt, erlebte aber dennoch verschiedene Neuauflagen. Nach der aktuellen Version verliert unsere Gesellschaft bis 2030 ihre Lebensgrundlage. Krugman, der in den 70ern als junger Student für seinen Professor William Nordhaus Daten gesammelt hatte, um den Club of Rome zu widerlegen, zieht heute eine gemischte Bilanz. "Das Gerede von den Grenzen des Wachstums war Unsinn", meint er. "Aber die Geschichte der Energietechnologie unterstützt auch keinen extremen Optimismus." Der technische Fortschritt laufe weit langsamer als gehofft, ein Ersatz für Öl als Treibstoff der Wirtschaft sei noch nicht gefunden.

Die Vorteile steigender Preise

Diese Argumente stützen die Version von den knapper werdenden Rohstoffen. Allerdings bedeutet das nicht, dass die lebenswichtigen Ressourcen schlagartig verschwinden. Vielmehr äußert sich die Knappheit in anhaltendem Druck auf die Preise.

Das wiederum kann positive Wirkung haben: Wenn die Produkte teurer werden, lohnt es sich eher, sie anzubieten. So bekommen beispielsweise Reisbauern in Südostasien wieder eine Lebensgrundlage. Außerdem werden teure Investitionen in die Erschließung neuer Vorräte oder die Verbesserung der Produktivität rentabel. Und nicht zuletzt können höhere Preise auch bewirken, dass mit den Ressourcen sparsamer umgegangen wird. Völlig unmoralisch ist es also nicht, sich den Boom zunutze zu machen - solange man die Inflation damit nicht selbst anheizt.

Als Alternative zu direkten oder indirekten Investments in die Rohstoffe selbst bieten sich Aktien von Unternehmen an, die von höheren Preisen profitieren. Die gibt es auch in Deutschland. Ein eindeutiger Gewinner der Entwicklung ist in der zweiten Börsenliga, dem MDax  , vertreten: Der Düngemittelhersteller Kali + Salz   profitiert direkt vom Agrarboom. Mitten im schwierigen Börsenumfeld markiert die Aktie des Kasseler Unternehmens neue Rekorde.

Fast als Initiative der Hungerhilfe präsentiert sich Bayer  . Der im Dax   notierte Chemiekonzern beteiligt sich nämlich mit seiner Sparte CropScience an einer neuen Forschungsinitiative des Internationalen Reisforschungsinstituts auf den Philippinen. Die Forscher, darunter mehrere staatliche Institute aus asiatischen Ländern, wollen neue Hybridreissorten entwickeln, um die Erträge auf Asiens Reisfeldern zu steigern. China hat damit bereits große Erfolge erzielt. So könnte eine Antwort auf den Pessimismus à la Malthus und Club of Rome aussehen.

Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass auch dieser technische Fortschritt Probleme mit sich bringt. Verzüchtetes Saatgut degeneriert mit der Zeit, die Bauern müssen also immer wieder neue Samen kaufen, die wegen des Patentschutzes teurer sind als herkömmliche Sorten. So würden die Anleger wiederum von der Armut in Entwicklungsländern profitieren. Das ist aber immer noch weniger zynisch, als Investitionen in die Nahrungsindustrie rundheraus abzulehnen.

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