Dax-Geflüster: Lemmingspiel der Profis - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Dax-Geflüster Lemmingspiel der Profis

Nach der Leitzinssenkung rätseln die Börsianer, ob das nun die Trendwende war. Stolperstellen gibt es allerdings noch zur Genüge.
Von Stefan Wolff
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Die Riesen der Branche stemmen sich gegen den Trend. IBM, Apple, AMD und Microsoft überzeugten mit ihren Quartalsbilanzen. Zumindest übertrafen sie die herunter geschraubten Erwartungen der Experten. Und darauf kommt es ja schließlich an. Nicht die nackten Zahlen interessieren an der Börse, sondern der Vergleich zu den Zielen, die vorher irgendeinem Rechenschieber entsprungen sind. Wer seinen Gewinn verdoppelt, der zieht schon den Kopf ein, wenn Analysten ein Ertragsplus von 104 Prozent vorhergesehen hatten.

Die Höhe der Meßlatten ließ die Frage aufkommen, ob so mancher Marktteilnehmer nicht insgeheim auf Enttäuschungen spekulierte. Aber es geht eben auch umgekehrt. SAP präsentierte sich krisenfest, was die schon vergessen geglaubten Papiere des Waldorfer Softwarehauses zum Top-Gewinner unter den Standardwerten machte. Knapp 20 Prozent legten die Papiere im Wochenvergleich zu. Vor wenigen Handelstagen drohte noch die 100-Euro-Marke zu fallen.

Und so suggeriert die zweite freundliche Börsenwoche in Folge, dass einige Kaufstreikende einen hübschen Einstiegskurs verpasst haben. Aber bei allem vorsichtigen Optimismus drohen Stolperstellen. Positiv gestimmte Teilnehmer besitzen bereits Aktien, sonst würden sie nicht von steigenden Kursen ausgehen. Insgeheim sind einige davon aber frustriert, weil sie mit ihren Engagements hinten liegen. Wenn es für diese null auf null aufgeht, könnte eine Verkaufswelle ins Haus stehen.

Noch ist die Stimmung also ein wenig zu gut für eine nachhaltige Trendwende. Ein Zwischenhoch sehen dagegen viele Börsianer als ausgemachte Sache. Die große Unbekannte ist der Privatanleger, der das Lemmingspiel der Profis bisher nicht mitmachte und tapfer alle Dellen aussaß. Niemand kann die Garantie dafür übernehmen, dass vorsichtige Investoren nach weitgehendem Ausgleich der Verluste sicherere Anlagen aufsuchen.

Auch Alan Grenspan spielt eine nicht unerhebliche Rolle. Sein Überraschungscoup, die Zinsen am Mittwoch zu senken, schlug ein wie ein Blitz. Die vierte Zinssenkung in einem Jahr, zwei davon zwischen regulären Sitzungen, das ist starker Tobak, den die Händler nur auf den ersten Blick mit einem Kursfeuerwerk quittierten. Europas Marktteilnehmer sind skeptisch. "Wie ernst steht es um die US-Konjunktur?" ist die Frage die sich immer mehr stellten, während New Yorker Bullen noch auf die Käuferseite rannten.

Vor allem der Grund, dass die US-Notenbank um die schwache Börse besorgt sei, ließ einige stutzen. Denn, so die Argumentation, durch niedrige Zinsen hochgepuschte Kurse spiegelten nicht zwangsläufig die Gewinnsituation der Unternehmen wieder. Dieses Ungleichgewicht könnte nach Angaben von Börsianern zu einer neuerlichen Kursblase führen und damit unweigerlich zum Kursrutsch.

Die Baisse seit März 1999 ist auch eine Spätfolge der nach oben gerichteten Zinsrunden sechs Monate davor. Zinsen wirken erst mit einem gewissen Zeitabstand. Dieser Maxime folgend steht in gut einem halben Jahr eine Hausse ins Haus. Können aber die Firmengewinne den Kursen folgen? Mau sieht es zum Beispiel bei den Handy-Herstellern aus. Ericsson mit Rekordverlusten, das belastete auch Infineon, die ja Chips für Mobiltelefone herstellen. Der Marktführer, Nokia, indes hängte die Branche ab, hat aber die Prognosen erheblich reduziert.

Zahlen von Infineon und Daimler werden in der kommenden Woche über den Stand der deutschen Konjunktur informieren. Von den Chemieriesen droht dagegen keine Gefahr. Oberster Trendsetter wird aber Wim Duisenberg sein. Ein Zinsschritt am Donnertag seitens der EZB steht allerdings kaum zu erwarten. Direktoriumsmitglieder haben bereits deutlich gemacht, dass sie weder an Politik noch an Märkten interessiert sind.