Dax-Geflüster Verschmähte Tüftler
Hamburg - Ihre Zeit scheint für immer abgelaufen zu sein. Zu schmerzhaft waren offensichtlich die Erfahrungen deutscher Anleger mit den Wechselbädern, die ihnen Technologiefonds in den letzten Jahren bereitet haben. Nach Angaben des Fondslobbyverbands Investment und Asset-Management haben die Sparer hierzulande seit Jahresanfang rund 450 Millionen Euro aus den Technologiefonds abgezogen.
Nur 450 Millionen, das klingt angesichts der investierten Summen an den Finanzmärkten zunächst wie eine Bagatelle - doch nur im ersten Moment: Schließlich stecken in allen 38 Technologiefonds zusammen, von denen Privatanleger in Deutschland Anteile kaufen können, insgesamt lediglich 1,8 Milliarden Euro. Die Investoren haben also seit Jahresanfang nahezu ein Viertel ihrer gesamten Kapitalanlagen in diesem Bereich zurückgefordert. Keiner anderen Branche trauten sie offenbar so wenig zusätzliches Gewinnwachstum in der nahen Zukunft zu.
Dabei sprechen viele Indizien dafür, dass die Privatanleger den Tech-Fonds allzu wenig zutrauen. Stattdessen sollten sie sich eher am Instinkt der institutionellen Anleger orientieren. Denn diese haben in den vergangenen Wochen das führende Frankfurter Technologiebörsenbarometer TecDax klammheimlich über die 700-Punkte-Marke getrieben - schon jetzt notiert der Index über den Silvester-Ständen aller vergangenen fünf Jahre. Behält er bis zu diesem Jahresende sein jetziges Niveau, bleibt für Anleger für 2006 ein Plus 17 Prozent. "Damit hatte ich zu Jahresbeginn nicht gerechnet", sagt Gabriele Fertig, Spezialistin für den Bereich Small- und Mid Caps bei der Frankfurter Fondsgesellschaft Lupus alpha.
Das Aufflackern der deutschen Technologiebörse scheint überdies nicht nur eine Laune des heimischen Aktienmarktes zu sein. Einen ähnlichen Technologie-Aufwärtstrend beobachten Börsenexperten auch an der Weltleitbörse in New York. Der New Yorker Nasdaq Composite hat seit Jahresanfang sogar noch stärker zugelegt als der deutsche. Schon jetzt steht der Technikindex fast so hoch, wie zum Ende des Jahres 2000.
Dennoch bleiben die Investoren hierzulande technikskeptisch. In allen bisher abgelaufenen Quartalen dieses Jahres haben die Investoren hierzulande mehr Geld aus den Technologiefonds abgezogen als neu in diese Sparte investiert worden ist.
"Sehr viele Anleger haben sich nach dem Crash Anfang des Jahrtausends geschworen, sich nie mehr vom schnellen Gewinn an der Börse verführen zu lassen. Deshalb die Zurückhaltung. Und Anleger halten bisweilen sehr lange an ihren Meinungen über die Kapitalmärkte fest", sagt Joachim Goldberg, Geschäftsführer des Analysehauses Cognitrend. Der kommende Monat könnte der richtige Zeitpunkt sein, noch einmal darüber nachzudenken.
Zwar gelten die Unternehmen, deren Aktien im deutschen Technikindex TecDax geführt werden, unter Finanzexperten im internationalen Vergleich eher als Leichtgewichte. Denn das Börsenbarometer wird nicht etwa von Weltunternehmen wie beispielsweise der Deutschen Telekom oder SAP dominiert, sondern etwa von kleineren Solar- und Biotechnologiefirmen. "Und deren Aktionäre bekommen im Dezember oftmals Probleme, da zum Jahresende immer wieder Großaktionäre ihre Portfolios aufräumen, dabei ganze Aktienblöcke abgeben und damit die Kurse dieser weniger liquiden Titel kräftig ausschlagen lassen", hat Susan Levermann beobachtet, Fondsmanagerin bei der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS.
Doch im Januar und Februar des Folgejahres drehe die Entwicklung oftmals. "In einigen Vorjahren war es fast so, als ob die Anleger in diesem Zeitraum auf den Startknopf drückten. Ihre Risikobereitschaft stieg und dann entdeckten sie auch die kleineren und mittelgroßen Technikaktien wieder für sich", sagt Levermann.
Mittlerweile scheint sogar die Wahrscheinlichkeit zu steigen, dass Deutschlands Anleger bis Ende des Jahres auf diesen Kalendereffekt reagieren werden. "Für alle, die bislang die Aufwärtsbewegung verpasst haben, kommt nun die Phase des Aufspringens," sagt zumindest Patrick Hussy, Direktor des Analysehauses Sentix, das Börsenentwicklungen aus psychologischem Blickwinkel beobachtet.
Er sollte es wissen, denn Hussy lässt Woche für Woche mehr als 2200 Anleger befragen, Profis wie Privatinvestoren, ob sie in der kommenden Woche in Aktien investieren wollen oder nicht. Und erstmals seit langem sind Deutschlands Sparer offenbar bereit, mehr als die Hälfte ihres Geldvermögens in Firmenanteilsscheine zu stecken. "Die Privatanleger bauen ihre Positionen jetzt aus", sagt Hussy.
Ob sich aber viele dieser Sparer nun auch für Technologietitel entscheiden werden - trotz der unvergessenen Baisse der Branche nach der Jahrtausendwende und des 25-Prozent Kurseinbruchs des TecDaxes zur Jahresmitte?
"Das müssen Anleger sicher erst einmal verdauen, doch mittlerweile lassen sich die Geschäftsaussichten wichtiger TecDax-Firmen für das kommende Jahr schon als sehr gut einschätzen, beispielsweise für die Software AG . Und die Perspektiven sind gut", sagt Lupus-alpha-Expertin Fertig. Sie tippt deshalb darauf, dass der Kursaufschwung der deutschen Technologieaktien in 2007 weitergeht. "Ein Plus in Höhe von 10 Prozent auf Jahressicht ist drin", sagt sie.
"Die Höhe des erwarteten Zuwachses ist für Anleger allerdings nicht selten erst dann ein Grund ihre Meinung über die Kapitalmärkte zu überdenken, wenn Börsengewinne langsam wieder zum Gesprächsthema im eigenen Bekanntenkreis werden. Und wann in der Zukunft solche Gespräche beginnen werden, muss man abwarten", gibt Cognitrend-Geschäftsführer Goldberg zu bedenken.
Nach Meinung vieler Vermögensverwalter und Bankberater haben selbst heute noch mehr als die Hälfte aller Anleger weniger Kapital in ihren Depots als sie zu Beginn des Jahrtausends schon einmal besaßen. Abgelaufen aber scheint auch die Zeit der Technologiefonds nicht zu sein.