Dax ohne Richtung Warten auf die Eingebung
Schon seit Mitte Januar dümpelt der Frankfurter Leitindex in einer Art Zwischenzone, irgendwo zwischen 6700 und 7000 Indexpunkten. Und die Ausschläge nach oben wie nach unten wirken wie die grafische Darstellung der Befindlichkeit der Anleger: nervös und entschlusslos zugleich.
Um so verzweifelter fällt die suche nach einem Orientierungspunkt aus. "Im Moment starrt einfach jeder mit Argusaugen auf den nächsten Konjunkturindikator, um an diesem nun endlich ablesen zu können, wie sich denn wohl die Wirtschaft und die Börse hierzulande in den kommenden Wochen entwickeln wird", sagt Valentina Zambrotta, Analystin bei der Banca Monte dei Paschi di Siena in Mailand.
Schlecht nur, dass genau diese Indikatoren derzeit alles andere als ein klares Bild der deutschen Wirtschaftslage zeichnen.
Da sinkt die Arbeitslosenzahl im Februar, einem traditionell schlechten Monat, unerwartet um saisonbereinigt 79.000 Menschen verglichen mit dem Vorjahr. Doch die Gesellschaft für Konsumforschung ermittelt unbeeindruckt nur wenig kauflustige Bundesbürger mehr als vor ein paar Monaten.
Da melden Banken Milliardensummen als vermisst, doch die wichtige mittelständische Industrie hierzulande kann keine Verknappung oder Verteuerung von Krediten bemerken. Und der berühmteste deutsche Konjunkturindikator, der Geschäftsklimaindex des Münchener Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitutes, steigt zum zweiten Mal in Folge und signalisiert weiterhin robustes Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik, während der ZEW-Konjunkturindikator des Mannheimer Instituts für Wirtschaftsforschung bei etwa minus 40 Punkten stagniert - als steckten wir in der tiefsten Rezession.
"Wer in dieser Lage voller Hoffen und Zittern anhand einzelner Wirtschaftsindikatoren den künftigen Börsentrend ablesen will, kann ebenso gut auf den ultimativen Indikator für das Bingo-Spiel warten", sagt Chiaki Yamamoto, Analyst bei der Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ. "Diese Art Superindikator hat es an der Börse noch nie gegeben, und den wird es auch nie geben."
So viel Unentschlossenheit wie 2001
Zusätzlich muss viele Anleger derzeit verunsichern, dass selbst Konjunkturprofis in der aktuellen Lage kaum noch zu richtigen Einschätzungen finden. Seit Anfang des Jahres beispielsweise haben es viele Finanzexperten nicht einmal geschafft, die Richtung des Ifo-Konjunkturindexes vorauszusagen. Die meisten tippten auf sinkende Werte, doch genau das Gegenteil passierte. Nun hat der Ifo-Index hierzulande nach Meinung von Stephan Thomas, der den Frankfurt-Effekten-Fonds des Finanzhauses Frankfurt Trust leitet, relativ begrenzten Einfluss auf den Markt; doch allein die Tatsache, dass so viele Experten falsch lagen, bleibt im Gedächtnis.
Mittlerweile verleiten die gegenläufigen Indikatoren auch ausgebuffte Börsenexperten zu völlig unterschiedlichen Kurseinschätzungen an der Börse: Während die Postbank beispielsweise damit rechnet, dass der Dax in den kommenden zwölf Monaten von derzeit etwa 6815 Punkten auf wenigstens 9100 Zähler hochschießen wird, rechnet Lehman Brothers sogar mit noch einem kleinen weiteren Rücksetzer.
"Anleger sind aber erst dann euphorisch, wenn sie beispielsweise absolut sicher sind, das richtige Händchen zu haben und die einzig wichtigen und richtigen Wirtschaftsindikatoren zu verstehen", sagt Joachim Goldberg, Geschäftsführer des Börseanalysehauses Cognitrend, das den Aktienmarkt aus dem psychologischen Blickwinkel zu bewerten versucht. Entsprechend ratlos zeigen sich Deutschlands Privatanleger derzeit - und halten sich mit größeren Kauf- oder Verkaufträgen erst einmal zurück.
Damit zementieren sie die aktuelle Zwischenphase an der Börse genauso, wie die Profis. Die monatliche, internationale Umfrage der Investmentbank Merrill Lynch unter Fondsmanagern zeigte, dass auch sie derzeit lieber stillhalten als sich dem Risiko einer Fehlspekulation auszusetzen: Die meisten Fondsmanager halten so viel Bares in Reserve, wie kurz nach dem Terroranschlag in New York im Jahr 2001. Der Dax könnte deshalb noch einige Zeit in seiner Schiebezone verharren. "Und er wird weiter innerhalb eines Tages kräftigen Schwankungen unterliegen bleiben", sagt Frankfurt-Trust-Fondsmanager Thomas. Zumindest die Fieberkurve hat dann einen klaren Trend.