Deal mit der EU Experten zweifeln an E.on-Netzverkauf
Berlin - Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Der Energiekonzern E.on will sein Hochspannungsnetz in Deutschland verkaufen. Im Gegenzug könnte die EU ihre Kartellverfahren gegen das Unternehmen beilegen, wie beide Seiten gestern mitteilten. Heute werden nun Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Vorhabens laut. Die Frage ist: Wer käme überhaupt als Käufer der E.on-Stromleitungen in Frage?
"Aus Wettbewerbssicht wäre es positiv, wenn die Stromkonzerne sich von ihren Netzen trennen würden", sagte Claudia Kemfert, die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), der "Berliner Zeitung". Allerdings sei sie skeptisch, ob es überhaupt passende Interessenten für die Netze gebe. "Hier sind umfangreiche Investitionen nötig", sagte Kemfert. Die Kosten dafür seien hoch, die zu erwartenden Erlöse aber gering. "Welche Unternehmen wollen sich das antun?"
Ähnlich skeptisch äußerte sich der parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Michael Müller (SPD). "Ich bin sehr gespannt, wer überhaupt bereit ist, so ein Netz zu kaufen", sagte er dem RBB-Radiosender Radio Eins. Es müsse noch geklärt werden, ob E.on verpflichtet sei, dass "trotzdem in ein neues Netz investiert wird" - oder ob dies allein die Aufgabe des neuen Eigentümers wäre. "Das finde ich schon eine interessante Frage. Das müssen wir überprüfen", sagte Müller.
E.on selbst hatte sich zum Verkauf seines Netzes nur sehr knapp geäußert. Die Leitungen seien "an einen Betreiber zu veräußern, der nicht im Bereich der Stromerzeugung oder Stromversorgung tätig ist". Ob diese Einschränkung nur für deutsche Marktteilnehmer gilt oder auch für ausländische, blieb offen.
Da offiziell keine Namen genannt werden, spekuliert die Branche nun wild, wer das E.on-Netz übernehmen könnte. Ein möglicher Interessent ist der britische Netzbetreiber National Grid, berichtet die "Financial Times Deutschland". In Branchenkreisen heiße es, das Unternehmen habe "durchaus Interesse an einem Standbein auf dem europäischen Kontinent".
Ein anderer Kandidat ist die australische Macquarie-Bank. Sie ist auf Infrastrukturprojekte spezialisiert und in der ganzen Welt aktiv. Außerdem würde sie über das nötige Geld verfügen - der Wert des E.on-Netzes wird auf mindestens eine Milliarde Euro geschätzt. Die WestLB hält laut "FTD" sogar einen Erlös von sechs Milliarden Euro für möglich. Eine dicke Kapitaldecke ist insbesondere dann nötig, wenn der neue Eigentümer in die veralteten Stromleitungen investieren müsste.
Gemeinsames Kraftwerk von E.on und Gasprom
Ausreichende Mittel könnten auch Pensionsfonds oder Finanzinvestoren mitbringen. In Branchenkreisen gilt dies als die wahrscheinlichste Variante. Laut "FTD" kämen zum Beispiel Infrastrukturfonds wie die Deutsche-Bank-Tochter Rreef Infrastructure in Frage - oder auch die britische Beteiligungsfirma Terra Firma.
Generell verspricht der Betrieb eines Stromnetzes keine allzu großen Renditen - er gilt aber als krisensicheres Geschäft. Gerade in Zeiten turbulenter Finanzmärkte wäre das E.on-Netz deshalb attraktiv.
Eine weitere Alternative stellt der russische Energiekonzern Gasprom dar. Das Unternehmen unterhält traditionell gute Beziehungen zu E.on - unter anderem sind beide Firmen am Bau der Ostsee-Gaspipeline beteiligt. Heute konkretisierten E.on und Gasprom außerdem ihren Plan zum gemeinsamen Bau eines Gaskraftwerks bei Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Demnach soll die Anlage 2011 ans Netz gehen. Ihre Kapazität soll 1200 Megawatt betragen. Versorgt wird das Kraftwerk über die Ostsee-Pipeline. E.on und Gasprom halten je 50 Prozent der Anteile.
Aber hätten die Russen auch Interesse daran, ein Stromnetz in Deutschland zu betreiben? Vermutlich nicht. Geld hätte Gasprom zwar genug. Der Konzern hat aber schon mehrfach erklärt, dass der deutsche Energiemarkt zu streng reguliert sei. Zuletzt hatte die Bundesnetzagentur die Durchleitungsgebühren bei Strom und Gas deutlich gesenkt. Die Bundesregierung ließ außerdem erkennen, dass sie einen Netzbetreiber aus dem Ausland ablehnen würde.
Verbraucherschützer verlangen Verstaatlichung
Eine ganz andere Forderung stellen Verbraucherschützer auf: Sie verlangen die Verstaatlichung der deutschen Stromnetze. Hoch- und Höchstspannungsleitungen müssten im Interesse der Versorgungssicherheit in den Besitz der öffentlichen Hand überführt werden. Kanzlerin Merkel lehnt eine Verstaatlichung allerdings entschieden ab - zumal der Bund kaum das nötige Geld aufbringen könnte.
Holger Krawinkel vom Bundesverband der Verbraucherzentralen hält das allerdings nur für ein Scheinargument: "Wenn der Finanzminister eine oder zwei Milliarden Euro locker machen kann, um eine Bank zu retten, die ihr Geld in den USA verzockt hat, müsste das auch für die Versorgungssicherheit in Deutschland möglich sein."
Neben dem Hochspannungsnetz will sich E.on auch von einzelnen Kraftwerken trennen. Insgesamt will das Unternehmen in Deutschland Anlagen mit einer Kapazität von 4800 Megawatt abstoßen. Das entspricht vier bis fünf großen Kernkraftwerken - oder rund einem Viertel der gesamten Stromerzeugung von E.on in Deutschland.
Merkel fühlt sich düpiert
Die "Financial Times Deutschland" berichtet, dass die Kraftwerke "dem Vernehmen nach" nicht alle verkauft werden sollen. Geplant sei vielmehr ein Tausch mit anderen Stromunternehmen, etwa in Frankreich oder Spanien. Auf diese Weise könnte der Wettbewerb in Deutschland belebt werden. Im Gegenzug könnte E.on der Markteintritt in wichtigen europäischen Märkten gelingen.
Deutliche Kritik an den E.on-Plänen äußerte heute Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie hatte in den vergangenen Monaten massive Lobbyarbeit für die deutschen Stromkonzerne betrieben, um die von der EU-Kommission geplante Zerschlagung abzuwehren. Dass sich E.on nun quasi selbst zerschlägt, passt der Bundesregierung gar nicht. "Das wird unsere Verhandlungsposition (in Brüssel) nicht unbedingt stärken", sagte Merkel.
Bisher hätten die Energiekonzerne gesagt, sie wollten Kraftwerke und Netze in einer Hand behalten, und die Bundesregierung habe in Brüssel mit Überzeugung dafür gekämpft. Den Kurswechsel von E.on "nehme ich so zur Kenntnis", sagte Merkel. Aber es gebe noch genug andere Stromkonzerne, die an der bisherigen Linie festhielten.
wal/ddp/AP/dpa