SCHULDENKRISE Dem Markt glauben
Lange Zeit grübelten die Manager der American Express Co. über ein vertracktes Problem.
Die Geldverwalter in New York, die außer dem Kreditkartengewerbe auch Bankgeschäfte betreiben, überlegten, wie das auch bei ihnen hochverschuldete Mexiko seinen Schuldenberg verkleinern kann, ohne Bares zu leisten.
Die Amexco-Männer kamen schließlich auf einen vielversprechenden Einfall.
Für Rechnungen, die Touristen in Mexiko mit Amexco-Kreditkarten begleichen, braucht das New Yorker Finanzhaus stets große Beträge in mexikanischer Landeswährung. Zu diesem Zweck - so die Absicht - übernimmt künftig die Kreditkartenfirma mexikanische Staatsschulden in den USA, zum Discount-Preis, versteht sich. Die mexikanische Staatsbank tauscht für den Gegenwert zu günstigen Konditionen Peso ein.
Allen ist damit geholfen. Amexco erhält auf vorteilhafte Weise Devisen, Mexiko vermindert seine Schulden, und die Gläubiger bekommen das Geld zurück, das sie an Mexiko verliehen haben, wenn auch mit einem Abschlag.
An Phantasie mangelt es neuerdings nicht, wenn es um die Milliarden Dollar geht, die westliche Banken (und Regierungen) den Entwicklungsländern pumpten, die nun aber kaum noch einzutreiben sind.
Eine amerikanische Umweltschutzorganisation etwa kaufte für 100 000 Dollar eine Kreditforderung der US-Bank Citicorp an Bolivien mit einem Nennwert von 650 000 Dollar. Sie erließ der Regierung in La Paz die gesamte Schuld gegen die vertragliche Zusicherung, rund um den Nationalpark Beni im Amazonas-Becken ein zusätzliches Gebiet von rund 1,5 Millionen Quadratkilometern unter Naturschutz zu stellen. Der südamerikanische Staat soll dafür Landeswährung im Wert von 650 000 Dollar ausgeben.
Andere Gläubiger stehen mit ungewöhnlichen Vorstößen kaum nach. Die kalifornische Regionalbank First Interstate Bancorp vermarktete Shrimps und Spargel aus Peru. Den Erlös rechneten die Banker teilweise gegen Forderungen an den Andenstaat auf.
Der Geldkonzern Citicorp erwarb in Chile Beteiligungen an Minengesellschaften sowie von Unternehmen aus der Fisch-, Agrar- und Forstindustrie. Bankers Trust Co. investierte in ein chilenisches Kraftwerk. Auf diese Weise verwandelten die Banken Hartwährungsforderungen in Investitionskapital.
Mit solchen Kunststücken versuchen Gläubiger und Schuldner von Santiago de Chile bis Mexiko immer häufiger, die Schuldenbombe zu entschärfen. Zauberformeln sind es nicht. Doch die Versuche zeigen, wie wenig der Finanzkrise der Dritten Welt mit herkömmlichem Krisenmanagement beizukommen ist.
Erschöpft und müde geworden, stellen sich die Gläubiger, wenn auch noch widerwillig, darauf ein, daß sie ohne einen teilweisen Schuldenerlaß nicht davonkommen werden. Das Beharren auf Rückzahlung und auf Zinsen koppelt die Dritte Welt, das müssen nun auch die Banker erkennen, allmählich vom internationalen Geld- und Warenstrom ab.
Die Bilanzen der Gläubiger werden dadurch nicht schöner. Allein in Lateinamerika hatten Bolivien, Costa Rica, Ecuador, Kuba, Nicaragua und Peru Zins- und Tilgungszahlungen eigenmächtig eingestellt.
Brasilien, mit 114 Milliarden Dollar das größte Schuldnerland, zahlte den Auslandsbanken nach fast einjährigem Moratorium vorige Woche erstmals wieder einen Teil der Zinsen. Finanzminister Mailson Ferreira da Nobrega will erst wieder regelmäßig zahlen, wenn die Banken alte Schulden strecken und Milliarden frisches Geld einschießen.
Auch in Argentinien sind die Kassen leer, die Gläubiger müssen mit einem
Moratorium rechnen. Selbst Mexiko, das mit einer großzügigen Umschuldungsaktion mehr als nur eine Atempause erhalten sollte, verlangt schon wieder Kredite in Milliardenhöhe.
In den fünf Jahren seit Ausbruch der Schuldenkrise ist es Gläubigern und Schuldnern nicht gelungen, die absurde Entwicklung zu stoppen: Nur mit immer neuen Krediten können die Entwicklungsländer notdürftig ein paar Zinsen aufbringen - die Banken bezahlen sich die Darlehenszinsen gewissermaßen selber und erhöhen so ständig den Schuldenstand in den Entwicklungsländern.
Seit 1984 haben sich die Finanzströme umgekehrt: Aus den Ländern der Dritten Welt fließt mehr Kapital in die Industriestaaten zurück, als von dort kommt. 1987 waren es 29 Milliarden Dollar, nahezu soviel wie im Jahr vorher (siehe Graphik).
Die gesamten Schulden der ärmeren Welthälfte kletterten auf fast 1200 Milliarden Dollar, vor drei Jahren lag der Betrag noch bei 958 Milliarden. In diesem Jahr, schätzt die Weltbank, wird der Schuldenturm die beängstigende Höhe von 1245 Milliarden Dollar erreichen - das übertrifft bei weitem die gesamten für 1988 vorgesehenen Ausgaben der Regierung in Washington.
»Überdruß« mache sich angesichts des ausweglos scheinenden Dilemmas breit, urteilt Markus Lusser, Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank. »Um so dringlicher«, so Lusser, »ist die Suche nach neuen Lösungen.«
Im vorigen Jahr rührte US-Finanzminister James Baker erstmals an das Tabu. Die Banken, gab er zu verstehen, müßten sich darauf einstellen, Lateinamerika-Forderungen abzuschreiben. Und als erster Banker der westlichen Welt sprach Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, ein Wort offen aus, das bislang unter den Kreditmanagern geächtet war: Schuldenerlaß.
Die Deutsche Bank hat inzwischen 70 Prozent der Lateinamerika-Darlehen »wertberichtigt«. Herrhausen war es denn auch, der jetzt den bislang umfassendsten Versuch eines teilweisen Schuldenerlasses wohlwollend beurteilte.
Nutznießer der neuen Initiative ist Mexiko. Mit dem lateinamerikanischen Staat handelte das New Yorker Bankhaus J. P. Morgan & Co. einen komplizierten Tauschhandel zur Schuldenentlastung aus. Amerikas Schatzamt ist maßgeblich in den Deal verwoben.
Mexiko, das vereinbarten die Schuldenmanager, begibt eine neue Staatsanleihe von zehn Milliarden Dollar. Zur Sicherung dieser Anleihe kauft der lateinamerikanische Staat eine sogenannte Nullkupon-Anleihe ("zero bond") ebenfalls im Nominalwert von zehn Milliarden Dollar, mit einer Laufzeit von 20 Jahren.
Zero bonds erfordern keine laufenden jährlichen Zinszahlungen, die Zinsen werden erst bei Rückzahlung fällig. Daher liegt der Ausgabepreis einer solchen Anleihe deutlich unter dem Rückzahlungskurs von üblicherweise 100 Prozent - die Differenz entspricht dem Zinsertrag bis zur Fälligkeit.
Mexiko muß für die US-Anleihe vorerst nur zwei Milliarden Dollar aufbringen. Mit dieser Anleihe, wie eine Art Pfand deponiert bei der amerikanischen Notenbank, garantiert die US-Regierung gewissermaßen die Rückzahlung der neuen mexikanischen Staatsanleihe, freilich nicht deren ordnungsgemäße Verzinsung.
Der Clou des Finanzpakets: Die Gläubigerbanken können nun dubiose Forderungen umtauschen gegen die neue Anleihe - mit kräftigen Abschlägen, über deren Höhe von Fall zu Fall verhandelt wird. Bis zu 50 Prozent soll der Schuldennachlaß reichen.
Dieser Schuldentausch sei »die erste wirklich brauchbare Idee«, frohlockte der Spitzenbeamte im US-Finanzministerium David Mulford, »die zu einer Verminderung der mexikanischen Schuldenlast führt«.
Bemerkenswert dabei: Erstmals seit Beginn der Schuldenkrise beteiligt sich nun die US-Regierung direkt an einem Lösungsversuch.
Mexiko könnte zum Präzedenzfall werden. Schon zeigt sich Venezuela an dem Modell interessiert. In Brasilien forderte der Chef der führenden Partei, Demokratische Bewegung, Ulysses Guimaraes, ebenfalls einen Schuldentausch nach dem Vorbild Mexikos.
Der jetzt vollzogene »erste Schritt in die Realität« ("The Financial Times") ist kein Allheilmittel zur Bewältigung der Schuldenkrise, aber, so der demokratische US-Abgeordnete Charles E. Schumer, »die Anerkennung der Tatsache, daß es sinnlos ist, immer wieder an die Länder der Dritten Welt Gelder auszuleihen, die sie lediglich als Zinsen wieder an die Banken abführen müssen«.
Amerikas Banker taten sich besonders schwer mit der Vorstellung, daß die vielen Milliarden für die Dritte Welt eine Art unfreiwilliger Entwicklungshilfe gewesen sein könnten. Während Europas Banken ihre Dritt-Welt-Kredite seit Jahren wertberichtigen, zögerten die Amerikaner lange mit diesem Schnitt.
Erst im vorigen Jahr gingen dann auch in den USA immer mehr Geldinstitute dazu über, die dubiosen Forderungen abzuschreiben. Die 15 größten Geldkonzerne, von Citicorp bis zu Hanover Trust, haben für 20 bis 50 Prozent ihrer notleidenden Darlehen Rückstellungen gebildet - also den Verlust in der Bilanz einkalkuliert. American Express schrieb Mitte Januar sogar 60 Prozent der Lateinamerika-Forderungen ab.
Vom Ende der Illusion, bei den Lateinamerika-Forderungen sei der Dollar noch immer 100 Cent wert, kündet
inzwischen ein ganzes Bündel anderer Entschuldungsprogramme.
Die meisten gehen dabei vom nur noch geringen Marktwert der Schuldpapiere aus. Forderungen an Argentinien und Brasilien, Peru oder Bolivien werden auf einem sogenannten Zweitmarkt wie Gebrauchtwagen zu Niedrigpreisen gehandelt. Der Preis für Brasilien-Forderungen beispielsweise beträgt nur noch gut 50 Prozent vom Nominalwert, Schuldscheine Perus und Boliviens sind nur noch rund ein Zehntel des ursprünglichen Kreditbetrags wert.
Bolivien will jetzt einen Teil seiner Schuldtitel zum Marktwert zurückkaufen. Das Geld dafür sollen befreundete Länder in einen Fonds einbringen, den der Internationale Währungsfonds in Washington verwalten will. Das Bonner Entwicklungshilfe-Ministerium hält den Plan für sinnvoll, doch die Beamten des Bonner Finanzministeriums sperren sich.
Der Gedanke eines »buy-back« findet auch im übrigen Lateinamerika Gefallen. »Der Markt«, meinte unlängst der angesehene uruguayische Außenminister Enrique Eglesias, »sagt uns, daß die Schulden Lateinamerikas nicht mehr 400 Milliarden, sondern nur 200 Milliarden Dollar wert sind. Wenn wir an den Markt glauben, warum folgen wir ihm dann nicht?«
Zinsen und Tilgungen sollten, lautet die Forderung von Argentinien bis Mexiko, nur noch auf der Basis des Marktwerts kalkuliert werden. Zumindest erwarten die Schuldner, daß ihre Verbindlichkeiten von den Banken entsprechend der Höhe der darauf gebildeten Wertberichtigungen reduziert werden.
Noch leisten die Banker hinhaltenden Widerstand. Doch die Einsicht wächst, daß es allmählich sinnlos wird, den Schuldenberg lediglich immer weiter vor sich herzuschieben.
Die Schuldenkrise, erkannte Jürgen Westphalen von der Deutsch-Südamerikanischen Bank in Hamburg, gehe »in ein neues Stadium über«.
Worauf das hinausläuft, formulierte Günther Schmidt-Weyland, Vorstandsmitglied der Frankfurter DG Bank: »Man kann nur das holen, was da ist.«
Das ist fast nichts.
[Grafiktext]
DRITTE-WELT-DEFIZITE Daten zur Verschuldung der Entwicklungsländer (109 Berichtsländer); Angaben in Milliarden Dollar Außenverschuldung Schuldentilgung Zinszahlung Netto-Kapitalabfluß
[GrafiktextEnde]